Nur wenige Kilometer vor Swinemünde und der Insel Usedom könnte in der Pommerschen Bucht ein großes Fördergebiet für Erdöl und Erdgas entstehen. Im Mittelpunkt stehen Wolin Ost und Wolin West. Dabei handelt es sich um Teile eines zusammenhängenden Lagerstätten- und Erkundungskomplexes innerhalb derselben Wolin-Konzession.
Die 593 Quadratkilometer große Konzession gehört Central European Petroleum, kurz CEP. Der kanadische Konzern besitzt dort die exklusiven Rechte zur Erkundung und möglichen Erschließung. Wolin West war bereits als gas- und kondensathaltige Struktur bekannt. Die Bohrung Wolin East 1 sollte untersuchen, ob sich diese Formation nach Osten fortsetzt - und traf dort auf Öl. Beide Bereiche liegen im selben geologischen Hauptdolomit-Trend und sollen von CEP entwickelt werden. Ob sie unterirdisch ein einziges verbundenes Reservoir bilden, müssen weitere Untersuchungen zeigen.
Wolin Ost: Förderinsel mit bis zu 30 Bohrungen
In Wolin Ost entdeckte CEP 2025 nach eigenen Angaben eine 62 Meter mächtige Kohlenwasserstoffsäule. Das Unternehmen schätzt die förderbaren Ressourcen dieses Teilgebiets auf rund 22 Millionen Tonnen Öl und Kondensat sowie fünf Milliarden Kubikmeter Gas. Auf 33 Millionen Tonnen Öl und etwa 27 Milliarden Kubikmeter Gas wird das Vorkommen für die gesamte Wolin-Konzession geschätzt.
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Für Wolin East plant CEP eine künstliche Insel rund sechs Kilometer vor Swinemünde. Vorgesehen sind auf etwa zehn Hektar ein Bohr- und Verarbeitungsbereich, Hafenanlagen, ein Wellenbrecher und bis zu 30 Bohrungen. Tankschiffe oder Tankleichter sollen die Anlage über eine 200 Meter breite und zwölf Meter tiefe Fahrrinne erreichen. Die maximale Förderkapazität könnte nach den bisher bekannten Unterlagen bei 8.100 Tonnen Öl täglich liegen. Genehmigt sind Bau und Betrieb bislang nicht.
Vorkommen könnte fünf Prozent des Ölbedarfs decken
Nach einer im August veröffentlichten Einschätzung könnte Wolin East über mehrere Jahre vier bis fünf Prozent des jährlichen polnischen Ölbedarfs decken. Ein Förderbeginn wurde damals frühestens für 2028 oder 2029 erwartet.
Auf polnischer Seite wird das Vorkommen als Beitrag zur Versorgungssicherheit betrachtet. Umweltverbände bezweifeln dagegen, dass der Nutzen die Risiken rechtfertigt. EKO-UNIA-Präsident Radosław Gawlik warnt: „Die Ostsee ist ein flaches und empfindliches Meer.“ Polen solle angesichts geplanter Offshore-Windkraftanlagen nicht in eine neue fossile Infrastruktur investieren, sondern die Elektrifizierung seines Energiesystems beschleunigen.
Am 1. Oktober übergaben BUND, Coalition Clean Baltic und die Bürgerinitiative Lebensraum Vorpommern bei der EU in Brüssel eine Petition mit rund 89.300 Unterschriften. Sie fordern ein grundsätzliches Verbot neuer Öl- und Gasförderprojekte in der Ostsee.
Neue Bohrplattform erkundet Wolin West
Fast zeitgleich tauchte Anfang Oktober 2026 erneut eine mobile Bohrplattform vor Usedom und Wolin auf. Sie gehört zum Erkundungsprogramm für Wolin West. Die Bohrung soll zusätzliche Informationen über Ausdehnung, Beschaffenheit und wirtschaftliches Potenzial des gesamten Wolin-Komplexes liefern.
Der Strand zwischen Ahlbeck und Swinoujscie (Swinemünde) auf der Insel Usedom.
© Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa
Die Deutsche Umwelthilfe kritisierte, dass deutsche Behörden und betroffene Gemeinden nicht vorab informiert wurden. DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner sprach von einem „weiteren Vertrauensbruch“. Die Menschen vor Ort hätten „wieder überraschend eine Bohrplattform vor die Nase gesetzt bekommen“. CEP bestätigte den Einsatz für weitere Erkundungsarbeiten.
Polnische Behörde leitete Umweltprüfung ein
Parallel zur Erkundung läuft das Verfahren für Wolin Ost weiter. Auf einen Antrag von CEP hin leitete die Regionaldirektion für Umweltschutz in Stettin am 3. Juni 2026 eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung ein. Polen führt das Verfahren; Deutschland ist wegen möglicher Auswirkungen auf die Ostseeküste als betroffener Nachbarstaat beteiligt. Auch Dänemark und Schweden wurden einbezogen.
Derzeit geht es um den Untersuchungsrahmen: Welche Folgen muss CEP in seinem späteren Umweltbericht prüfen? Dazu gehören mögliche Auswirkungen auf Natura-2000-Gebiete, Schweinswale und Seevögel, aber auch Unterwasserlärm, Schiffsverkehr, Wasserqualität und die Folgen eines Ölunfalls.
Aktionsbündnis fordert sofortigen Stopp
Bereits am 30. Juli gründeten Deutsche Umwelthilfe, WWF Deutschland, BUND Mecklenburg-Vorpommern und die Bürgerinitiative Lebensraum Vorpommern ein Aktionsbündnis gegen die geplante Förderung. Inzwischen beteiligen sich auch die polnische Umweltorganisation EKO-UNIA und die Gemeinde Heringsdorf.
Am 12. Oktober machte das Bündnis seine Stellungnahmen zum Untersuchungsrahmen der Umweltprüfung öffentlich und forderte erneut den Stopp des Projekts. Müller-Kraenner warnt, CEP wolle „die Bucht vor Usedom für Jahrzehnte zu einem fossilen Industriepark machen“. Die mögliche Förderung bis in die 2060er-Jahre widerspreche den deutschen und europäischen Klimazielen.
Heringsdorfs Bürgermeisterin Laura Marisken sieht zugleich die wichtigste wirtschaftliche Grundlage der Insel Usedom bedroht: „Usedom steht für einzigartige Natur, kilometerlange weiße Sandstrände und hervorragende Wasserqualität - nicht für Schwerindustrie vor unserer Haustür.“ Die Folgen einer Havarie seien bislang nicht ausreichend untersucht.
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Die Bürgerinitiative Lebensraum Vorpommern befürchtet eine zunehmende Industrialisierung der Pommerschen Bucht. Ihr Vorsitzender Rainer Sauerwein verweist neben den Ölplänen auf den Ausbau des Containerhafens bei Swinemünde. Das Vorhaben gefährde „die Lebensqualität der Insulaner und ihre wirtschaftliche Grundlage, den naturnahen Tourismus“.
Zu den wichtigsten Streitpunkten gehören die Folgen für den vom Aussterben bedrohten Ostsee-Schweinswal. Dessen Population in der zentralen Ostsee wird von den Umweltorganisationen auf nur noch rund 500 Tiere geschätzt. Bauarbeiten, Bohrungen und zusätzlicher Schiffsverkehr könnten die Nahrungssuche der Tiere stören und sie aus wichtigen Lebensräumen verdrängen.
Warnung vor Havarie mit 3300 Tonnen Öl täglich
BUND-Landesgeschäftsführerin Corinna Cwielag verlangt deshalb ein „umweltbezogenes, internationales Havariekonzept“. Dieses müsste klären, wie polnische und deutsche Behörden bei einem schweren Unfall zusammenarbeiten und welche Ölwehrkapazitäten bereitstehen.
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Das Aktionsbündnis warnt unter Berufung auf die Projektunterlagen vor einem möglichen Austritt von bis zu 3.300 Tonnen Öl pro Tag im Falle einer Havarie.
Entschieden ist die Zukunft des Wolin-Gebiets noch nicht. Der Konflikt zwischen polnischen Energieinteressen sowie deutschem Küsten-, Klima- und Tourismusschutz dürfte mit den aktuellen Entwicklungen weiter an Schärfe gewinnen.
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