Bundeskanzler

Merz-Interview mit der Financial Times: Flüchtet sich der Kanzler wieder ins Ausland?

Im Fernsehen ist Merz Dauergast, deutschen Zeitungen gibt er kaum Interviews. Mitten in der CDU-Krise erklärt er sich nun einer Londoner Zeitung.

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Kanzler Merz am Tisch der EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel. Den Vorwurf, er sei vor allem Außenkanzler, hört er seit Beginn seiner Amtszeit.

Kanzler Merz am Tisch der EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel. Den Vorwurf, er sei vor allem Außenkanzler, hört er seit Beginn seiner Amtszeit.

© IMAGO/Michael Kappeler, Pool/dts Nachrichtenagentur

Miosga, Illner, zwei Sommerinterviews, ein Abend bei RTL: Im Fernsehen ist Friedrich Merz in diesem Jahr Dauergast. Sein jüngstes großes Zeitungsinterview hat der Kanzler aber der Financial Times gegeben.

Mitten in der CDU-Krise wendet er sich damit zuerst an ein britisches Blatt. Darin schließt Merz einen Rücktritt aus und zieht eine klare Linie zur AfD. Deutschen Zeitungen hatte er seit Wochen kein großes Interview mehr gegeben.

Elf Interviews 2026, nur zwei für deutsche Zeitungen

Seit Januar lassen sich elf größere Interviews des Kanzlers belegen, das neue Gespräch mit der Londoner Zeitung eingerechnet. Acht davon fanden im Fernsehen oder im Podcast statt.

Den Auftakt machte im Februar der Podcast „Machtwechsel“. Im Mai folgten Caren Miosga und „Was nun, Herr Merz?“, im Juli Maybrit Illner und das ZDF-Sommerinterview.

Ende August stellte sich Merz bei RTL Fragen von Bürgern, kurz darauf kam das ARD-Sommerinterview. Anfang Oktober meldete er sich im „Bericht aus Berlin“ aus Kiew.

Deutsche Zeitungen kamen zweimal zum Zug. Ende April sprach Merz mit dem Spiegel über sein erstes Amtsjahr. Ende August gab er der Mitteldeutschen Zeitung und der Magdeburger Volksstimme ein Interview, kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt.

CDU-Debakel: Drei Wahlniederlagen im September

Dann kam der September. In Sachsen-Anhalt stürzte die CDU am 6. September nach dem vorläufigen Ergebnis von 37,1 auf 17,2 Prozent ab. Die AfD wurde mit 43,8 Prozent klar stärkste Kraft.

Zwei Wochen später folgte der Doppelschlag. In Mecklenburg-Vorpommern scheiterte die CDU mit 4,9 Prozent erstmals in ihrer Geschichte an der Fünf-Prozent-Hürde. In Berlin verlor sie am selben Tag fast zehn Punkte und landete mit 18,8 Prozent hinter der Linken.

Merz nannte das Ergebnis im Nordosten ein „Desaster“. In der Union wächst seitdem der Druck auf den Kanzler.

Rücktritt? „I will not“

Einem großen Interview mit einer deutschen Zeitung hat sich Merz seit dieser Niederlagenserie nicht gestellt. Seine Antwort auf die Rücktrittsfrage gab er stattdessen am Mittwoch in Berlin der Chefredakteurin der Londoner Zeitung, Roula Khalaf: „I will not.“

Entscheidend sei, ob seine Regierung die Sozialsysteme grundlegend reformieren könne. Zur AfD sagte er, den Begriff Brandmauer möge er nicht. Wenn es eine gebe, sei die Union diese Brandmauer: „we are the firewall“.

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Rentenfonds, EZB, Handel: Botschaften an Märkte und Partner

Der Großteil des Gesprächs dreht sich um Wirtschaft und Europa. Merz wirbt für einen Rentenfonds nach schwedischem Vorbild und sagt, ausländische Investoren seien optimistischer über Deutschland als die Deutschen selbst.

Mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will er der EU ein schärferes Instrument gegen wirtschaftliche Erpressung geben. Falls EZB-Chefin Christine Lagarde vorzeitig geht, sei Deutschland vorbereitet.

Außenkanzler: Der alte Vorwurf ist zurück

Der Zeitpunkt hat Gründe. In dieser Woche tagen die EU-Staats- und Regierungschefs, am Montag empfängt Merz in Berlin internationale Wirtschaftsvertreter zum Gipfel „Invest in Germany“. Ein Kanzler, der als angeschlagen gilt, will vor diesem Publikum Stärke zeigen.

Trotzdem weckt das Interview einen Vorwurf, der Merz seit Beginn seiner Amtszeit begleitet. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge hielt ihm vor, er wolle Außenkanzler sein, scheitere aber am eigenen Anspruch.

Dass Merz sein erstes großes Zeitungsinterview nach den Wahlniederlagen ausgerechnet einem ausländischen Blatt gibt, schlägt genau in diese Kerbe.

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