Im Januar 1959 bekam die DDR einen Frachter, dessen Name eher nach Badezimmer klang als nach Hochsee: „Steckenpferd“. Er hieß wie eine Seife aus Radebeul. Denn die Seife hatte ihn bezahlt, jedenfalls laut Propaganda.
Anderthalb Jahre später war die Kampagne hinter dem Schiff verboten. Der Grund lag in keinem Hafen, sondern in den Läden: Es gab keine Babywindeln mehr.
Der Nordkurier hat die Episode gerade wieder ausgegraben. Wir haben in alten Seefahrer-Heften und Archiven nachgelesen, wie es dazu kam.
Warum der DDR das Westgeld für Schiffe fehlte
Mitte der 1950er-Jahre stritt man in Ost-Berlin, ob die DDR überhaupt eine eigene Handelsflotte braucht. Ein Abteilungsleiter im Finanzministerium fand, die Seefahrt solle man denen überlassen, die mehr davon verstehen.
Dagegen sprach eine einfache Rechnung. Wer fremde Reeder bezahlt, braucht harte Währung. Davon hatte die DDR kaum etwas: Nur rund vier Prozent ihrer Außenhandelseinnahmen kamen in frei tauschbaren Devisen wie Dollar oder Pfund herein.
Gebrauchte Frachter gab es auf dem Weltmarkt aber fast nur für genau dieses Geld.
VEB Steckenpferd: 100.000 Dollar für einen Frachter
1958 las Lothar Gottwald aus dem Außenhandelsministerium einen Fachartikel über die Devisennot beim Schiffskauf. Seine Idee: Ein Vorzeigebetrieb sollte vorangehen.
Die Wahl fiel auf den VEB Steckenpferd in Radebeul bei Dresden, berühmt für seine Lilienmilchseife und stark im Export. Auf Anregung der SED verpflichtete sich die Belegschaft, den Exportplan um 100.000 US-Dollar überzuerfüllen. Davon sollte ein gebrauchtes Handelsschiff gekauft werden.
Im Ministerium gab es Bedenken. Minister Heinrich Rau wischte sie laut dem damaligen Finanzbeamten Gerhard Cron sinngemäß mit einem Satz weg: „Ich bin dafür, wer ist dagegen?“ Es war keiner dagegen.
Im Juni 1958 rief die Presse zur Massenbewegung auf. Rund 1600 Betriebe zogen nach.
Die Steckenpferd-Flotte: sieben Schiffe aus zweiter Hand
Bis 1960 bekam die Deutsche Seereederei vier Frachter und drei Tanker, die meisten aus Schweden. Das Land galt im Kalten Krieg als neutraler und damit unverdächtiger Verkäufer.
Das Flaggschiff war ein echter Oldtimer. Die „Steckenpferd“ war 1936 im englischen Sunderland vom Stapel gelaufen und trug schon ihren vierten Namen. Die DEFA-Wochenschau filmte in Warnemünde, wie Minister Rau sie an Kapitän Walter Jenß übergab.
Die Pressemeldung dazu feierte allerdings ganz andere Dinge. Mit dem Geld der Bewegung seien auch 4740 Autos und 2800 Tonnen Kaffee eingekauft worden. Eine Flottenkampagne, die mit Kaffeebohnen wirbt: So sah Erfolg in der Mangelwirtschaft aus.
Der Haken: Die meisten Devisen taugten nicht für Schiffe
Hinter den Kulissen sah es nüchtern aus. Laut Cron wurden die Steckenpferd-Erlöse nie gesondert verbucht. Notiert wurde nur ihr Wert in Mark der DDR, das Geld landete im großen Topf des Außenhandels.
Und es kam überwiegend in Währungen herein, für die in Göteborg niemand ein Schiff verkaufte. Den Betrieben sagte das keiner.
Die Belohnung: eine Seereise für Aktivisten
Für besonders eifrige „Steckenpferdaktivisten“ gab es eine Prämie, die in der DDR mehr wog als jede Urkunde: eine Seereise auf einem Urlauberschiff des FDGB. Das sprach sich schnell herum.
So kam ein Betrieb ins Spiel, der Babywindeln herstellte. Nach Crons Schilderung wollte die Belegschaft ebenfalls auf große Fahrt. Also schickte sie kurzerhand Windeln in den Export, die eigentlich für Läden in der DDR bestimmt waren.
Die Folge: 1960 waren im ganzen Land keine Windeln mehr zu bekommen. Mitte des Jahres wurde die Steckenpferd-Bewegung verboten.
„Völkerfreundschaft“: DDR-Traumschiff mit Unfallvergangenheit
Der Name lebte trotzdem weiter. Der FDGB warb noch jahrzehntelang mit seiner „Völkerfreundschaft“ als Erfolg der Bewegung. Das Schiff war 1956 als schwedische „Stockholm“ mit dem italienischen Luxusliner „Andrea Doria“ kollidiert, der danach sank.
Zur echten Steckenpferd-Flotte zählt es der frühere DSR-Kapitän und Autor Gerd Peters nicht. Er muss es wissen: Peters stand selbst auf der Brücke der „Völkerfreundschaft“.
Das einstige Traumschiff wird derzeit in Gent verschrottet.
Was aus der Seifen-Flotte wurde
Lange hielt die Flotte nicht. Die „Kap Arkona“ sank 1964 nach einer Kollision, die „Stubbenkammer“ 1967.
Der Tanker „Rositz“ brannte 1983 unter ägyptischer Flagge aus, galt danach als verschollen und sank 1984 beim Abschleppen.
Die „Steckenpferd“ selbst endete 1973 beim Abwracker in Taiwan. Die Seifenfabrik in Radebeul überlebte ihr Schiff um 18 Jahre. 1991 war auch für den VEB Steckenpferd Schluss.
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