Seidenstraße

China will neue Handelswege nach Europa – warum Peking auf Tadschikistan setzt

Das zentralasiatische Land besitzt einen begehrten Rohstoff für die Rüstungsindustrie. Während China Milliarden investiert, drängen nun auch die USA in die Region.

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Chinas Ministerpräsident Li Qiang (l.) und sein tadschikischer Amtskollege Kokhir Rasulzoda bei Gesprächen am 18. Oktober in Duschanbe.

Chinas Ministerpräsident Li Qiang (l.) und sein tadschikischer Amtskollege Kokhir Rasulzoda bei Gesprächen am 18. Oktober in Duschanbe.

© Ding Lin/imago

Tadschikistan gehört zu den wirtschaftlich kleineren Staaten Zentralasiens, verfügt über wenig international bekannte Industrie und liegt weit entfernt von den großen Seehäfen. Trotzdem baut China seine Beziehungen zu dem Gebirgsland massiv aus. Bei einem Treffen mit Präsident Emomali Rahmon in der Hauptstadt Duschanbe kündigte Chinas Ministerpräsident Li Qiang am Montag eine engere Zusammenarbeit bei strategischen Rohstoffen, Verkehrsverbindungen und Künstlicher Intelligenz an.

Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua will Peking den Handel ausweiten und in die Infrastruktur und digitale Wirtschaft investieren. Zugleich verlangte Li eine intensivere Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden.

Hinter den Gesprächen stehen wirtschaftliche und geopolitische Interessen. Tadschikistan verfügt über bedeutende Rohstoffvorkommen, liegt an geplanten Transportverbindungen zwischen China und Europa und grenzt an Afghanistan. Doch Peking ist nicht der einzige Interessent: Während Li mit Rahmon verhandelte, warb US-Außenminister Marco Rubio im benachbarten Usbekistan um neue Wirtschaftsabkommen.

Antimon: Warum Tadschikistans Rohstoffe für China so wertvoll sind

Eine besondere Rolle spielt Antimon. Das Metall wird unter anderem in der Rüstungsindustrie, für Batterien, Speziallegierungen und als Bestandteil von Flammschutzmitteln benötigt. Die USA und die Europäische Union zählen es zu den strategisch wichtigen Rohstoffen.

Tadschikistan gehört zu den weltweit größten Förderländern. Nach Angaben der amerikanischen Geologiebehörde USGS war das Land 2024 der zweitgrößte Antimonproduzent nach China. Auf Tadschikistan entfielen rund 18 Prozent der weltweiten Förderung, etwa 22.000 Tonnen.

Besonders aufschlussreich sind die Handelsströme: Sämtliche tadschikischen Exporte von Antimonerzen und -konzentraten gingen 2024 nach China. Andere Antimonprodukte wurden dagegen auch nach Europa geliefert, unter anderem nach Frankreich, Belgien und in die Türkei.

Peking hat sich damit bereits einen wichtigen Zugang zum Rohstoff gesichert. Chinesische Unternehmen sind zudem an Bergbauprojekten in Tadschikistan beteiligt.

Das industrielle Potenzial des Landes wird häufig unterschätzt. Nach Angaben der Asiatischen Entwicklungsbank wuchs Tadschikistans Industrieproduktion im vergangenen Jahr um 22,1 Prozent. Der Bergbausektor legte sogar um 36,2 Prozent zu. Besonders stark entwickelte sich die Förderung von Gold, Silber und anderen Metallen.

Von China über den Iran nach Europa: Eine neue Handelsroute entsteht

Neben den Rohstoffen ist Tadschikistans Lage von strategischer Bedeutung. China will die Verkehrsverbindungen durch Zentralasien ausbauen und zusätzliche Landwege in Richtung Europa erschließen.

Bereits im Juli 2024 vereinbarten beide Staaten die gemeinsame Entwicklung eines Transportkorridors, der China über Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan und den Iran mit der Türkei verbinden soll. Von dort könnten Waren weiter nach Europa gelangen.

In der gemeinsamen Erklärung von 2024 verständigten sich die Regierungen darauf, Straßenverbindungen zu modernisieren und den Gütertransport zwischen Bahn und Lastwagen besser zu koordinieren. Auch ein Transportkorridor über Tadschikistan nach Afghanistan ist vorgesehen.

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Chinas Ministerpräsident Li Qiang im Gespräch mit seinem tadschikischen Amtskollegen Kokhir Rasulzoda am 18. Oktober in Duschanbe.

Chinas Ministerpräsident Li Qiang im Gespräch mit seinem tadschikischen Amtskollegen Kokhir Rasulzoda am 18. Oktober in Duschanbe.

© Zhang Ling/imago

Ende Dezember 2025 vereinbarten Tadschikistan und Usbekistan nach Angaben des tadschikischen Verkehrsministeriums einen Testbetrieb für den größeren Handelskorridor. Zehn beladene Lastwagen sollten von Usbekistan über Tadschikistan nach China fahren.

Erst vergangene Woche kam eine weitere Transportverbindung hinzu. Am 13. Oktober startete im chinesischen Shijiazhuang ein Güterzug mit 110 Standardcontainern in Richtung Kashgar in der westchinesischen Region Xinjiang. Von dort sollen die Waren per Lastwagen unter anderem nach Duschanbe und ins kirgisische Bischkek gebracht werden, berichtet China News Service.

Die vollständige Verbindung über Tadschikistan bis nach Europa ist allerdings noch kein durchgehend betriebener Handelskorridor. Schwieriges Gebirgsgelände, aufwendige Grenzabfertigungen und notwendige Umladungen erschweren den Transport.

Hinzu kommt das politische Risiko entlang der geplanten Strecke. Besonders der Abschnitt durch den Iran könnte angesichts des Krieges mit den USA und Israel sowie der internationalen Sanktionen zum Problem werden.

China hat bereits Milliarden in Tadschikistan investiert

Wie wichtig Tadschikistan inzwischen für Peking ist, zeigen auch die Investitionszahlen.

Nach Angaben des tadschikischen Präsidentenamts flossen zwischen 2007 und 2024 fast sechs Milliarden US-Dollar an chinesischen Investitionen in das Land. Mehr als 700 Unternehmen mit chinesischem Kapital sind dort tätig.

Im Mai 2026 unterzeichneten Unternehmen beider Länder zudem mehr als 50 Kooperationsvereinbarungen mit einem angekündigten Investitionsvolumen von über acht Milliarden US-Dollar. Das tadschikische Außenministerium bezeichnete die Abkommen als wichtigen Schritt beim Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Die Summe beschreibt geplante Projekte, nicht bereits ausgezahlte Investitionen.

Für Tadschikistan eröffnet die Zusammenarbeit die Möglichkeit, den Bergbau, die Energieversorgung und das Verkehrsnetz weiterzuentwickeln. Zugleich wächst die wirtschaftliche Bedeutung Chinas für das Land.

Die tadschikische Wirtschaft ist bislang stark von Geldüberweisungen ihrer im Ausland arbeitenden Staatsbürger abhängig. Nach Berechnungen der Asiatischen Entwicklungsbank erreichten diese Zahlungen 2025 rund 9,2 Milliarden US-Dollar und entsprachen damit etwa 52 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Auch die USA wollen Zugang zu Zentralasiens Rohstoffen

Chinas Ausbaupläne treffen auf zunehmendes amerikanisches Interesse.

Während Li Qiang am Montag in Duschanbe verhandelte, traf sich US-Außenminister Marco Rubio im usbekischen Samarkand mit Vertretern der fünf zentralasiatischen Staaten. Das Gesprächsformat C5+1 umfasst neben Usbekistan auch Tadschikistan, Kasachstan, Kirgisistan und Turkmenistan.

Rubio reiste mit einer großen Wirtschaftsdelegation an. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP waren Vertreter von nahezu 300 amerikanischen Unternehmen beteiligt.

„Die Vereinigten Staaten wollen ein starker Partner in Zentralasien sein“, sagte Rubio. Die Region habe in der amerikanischen Außenpolitik während der vergangenen zwei Jahrzehnte nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdiene.

Ein Schwerpunkt liegt auf strategischen Mineralien. Im Gespräch mit Euronews erklärte Rubio, die Vereinigten Staaten wollten ihre Lieferketten diversifizieren und neue Abkommen mit Unternehmen aus Zentralasien schließen.

Dabei gehe es nicht darum, die Staaten vor eine Entscheidung zwischen Washington und Peking zu stellen. Vielmehr wolle die US-Regierung zusätzliche wirtschaftliche Partnerschaften ermöglichen.

Die Konkurrenz um Investitionen und Rohstofflieferungen nimmt damit zu. Für Zentralasiens Regierungen entsteht zugleich die Möglichkeit, zwischen mehreren wirtschaftlichen Partnern zu verhandeln.

Chinas Sicherheitsinteressen reichen bis nach Afghanistan

Für Peking geht es jedoch nicht allein um Handel und Rohstoffe. Tadschikistan grenzt an die chinesische Region Xinjiang und verfügt über eine lange, schwer zu kontrollierende Grenze zu Afghanistan.

Li Qiang forderte am Montag deshalb eine engere Zusammenarbeit der Geheimdienste und Sicherheitsbehörden. Beide Länder müssten gemeinsam gegen Terrorismus, Separatismus und Extremismus vorgehen, erklärte er laut Xinhua.

China verlangt außerdem einen besseren Schutz seiner Staatsbürger und Unternehmen. Nach Angaben von Reuters wurden Ende vergangenen Jahres fünf chinesische Staatsbürger bei Angriffen in Tadschikistan getötet, die nach Darstellung der Behörden von Afghanistan ausgingen.

Die chinesische Regierung befürchtet, dass militante Gruppen aus der Region auch die Sicherheit in Xinjiang gefährden könnten. Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Jahren, dass China seinen Kampf gegen Extremismus zur Rechtfertigung weitreichender Repressionen gegen die uigurische Bevölkerung nutzt. Peking weist diese Vorwürfe zurück.

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