Intervention

Jan Josef Liefers 1989: „Die Menschen haben zu entscheiden, wer führen soll“

Jan Josef Liefers äußert sich kritisch zur Arbeit der Bundesregierung und erntet einen Shitstorm. Dabei bewies er schon in der DDR seine Renitenz.

Jan Josef Liefers
2 Min
Jan Josef Liefers hält eine Rede am 4. November 1989 in Ost-Berlin.

Jan Josef Liefers hält eine Rede am 4. November 1989 in Ost-Berlin.

© Bundesarchiv Bild 183-1989-1104-032, Berlin, Demonstration, Rede Jan-Josef Liefers CC-BY-SA-3.0-de

Jan Josef Liefers, Schauspieler am Deutschen Theater in Berlin

Mein Name ist Liefers, ich bin Schauspieler. Ich möchte drei Überlegungen mitteilen. In den letzten Wochen haben Hunderttausende Menschen auf den Straßen unseres Landes das Gespräch eingefordert. Wir alle führen es seit kurzer Zeit. Natürlich hat jeder das Recht, Partner in diesem Gespräch zu sein. Aber ich meine, wir sollten darauf achten und uns verwahren gegen mögliche Versuche von Partei- und Staatsfunktionären, jetzt oder zukünftig Demonstrationen und Proteste von Menschen unseres Landes für ihre Selbstdarstellung zu benutzen, Initiatoren und Führer des begonnenen gesellschaftlichen und politischen Reformprozesses zu sein.

Der zweite Gedanke. Zur ganzen Frage der führenden Rolle überhaupt meine ich schon, dass sie zur Disposition gestellt werden muss. Zur Demokratie gehört für mich, dass keine gesellschaftliche Kraft allein dieses Recht okkupieren noch sich um sie bewerben, sondern sie bestenfalls erringen kann. Und zwar in täglicher Arbeit, demokratisch und eindeutig durchschaubar organisierter Arbeit und entsprechender Resultate. Solange die Spitze der SED nur auf unser aller Druck reagiert, kann meiner Meinung nach von führender Rolle nicht die Rede sein.

Außerdem haben, denke ich, allein die in diesem Land verbliebenen und verbleibenden Menschen darüber zu entscheiden, wen sie mit der Führung beauftragen. Und der dritte Gedanke: Es ist richtig, jeden Menschen zu ermutigen, die durch die Politik von Partei und Regierung entstandene Krise in unserem Land durchzustehen. Ich glaube allerdings nicht, dass in 40 Jahren DDR-Geschichte nur einzelne Personen immer wieder in Krisen führten, sondern auch die von ihnen geschaffenen und zentrierten Strukturen.

Die vorhandenen Strukturen, die immer wieder übernommenen prinzipiellen Strukturen lassen Erneuerung nicht zu. Deshalb müssen sie zerstört werden. Neue Strukturen müssen wir entwickeln, für einen demokratischen Sozialismus. Und das heißt für mich unter anderem auch Aufteilung der Macht zwischen der Mehrheit und den Minderheiten.

Quelle: Deutsches Historisches Museum

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