Kommentar

Zum Arbeitskampf bei Gorillas: Die Rampe des Aufstiegs ist der Verrat

Die Mitarbeiterproteste beim Lieferdienst Gorillas lassen sich einzeln besprechen, oder als Teil einer Entwicklung: als Renaissance der Dienstbotengesellschaft.

Katharina Brienne
4 Min
Vergangene Woche zogen Mitarbeiter des Lieferdienstes Gorillas wegen der Kündigung eines Kollegen in den Arbeitskampf.

Vergangene Woche zogen Mitarbeiter des Lieferdienstes Gorillas wegen der Kündigung eines Kollegen in den Arbeitskampf.

© AP/Markus Schreiber

Kommen wir zum zweiten Teil dieser Themen-Choreographie: Am vergangenen Freitag verabschiedete der Bundestag ein Gesetz, mit dem der Gesetzgeber, wie er das nennt, „Regelungen für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an Führungspositionen“ für börsennotierte Unternehmen auf den Weg gebracht hat: das Führungspositionengesetz. Frauen im Chefsessel solcher Unternehmen ist fortan gestattet, nach der Geburt eines Kindes eine Babypause einzulegen. Bislang war das für Frauen in Spitzenpositionen wie dem Vorstand nach den Vorschriften des Aktienrechts nicht möglich.

Der dritte Teil dieser Gesamtbetrachtung rankt sich wiederum um eines jener Berliner Unternehmen, das zwar nicht an der Börse, aber mit einer Milliarde Euro hoch bewertet ist: der Lieferdienst Gorillas. Dessen Mitarbeiter hatten vergangene Woche eine Streikwelle vom Zaun gebrochen, nachdem ein Mitarbeiter gekündigt worden war.

In sozialen Medien wie Twitter oder Telegram als Gorillas Workers Collective organisiert, mobilisierten die Fahrer des noch jungen Start-ups gegen die aus ihrer Sicht prekären Arbeitsbedingungen. Gorillas-Chef Kağan Sümer hatte in einer Zoom-Konferenz am Freitagnachmittag hingegen immer wieder betont, „Gorillas is about riding, not about politics“. Er habe eine Marke entwickeln wollen, auf die alle – auch seine Fahrer – stolz seien. Im Unterschied zu anderen Lieferdiensten seien die Gorillas-Fahrradkuriere angestellt. Seine Mitarbeiter würden Gorillas als Arbeitgeber „8,6 von 10 happiness points“ geben.

Wie hängt nun alles zusammen? Wahrscheinlich hat Gorillas-Chef Sümer sogar Recht, wenn er meint, den Fahrern anderer Lieferdienste ginge es schlechter als seinen Mitarbeitern. Gut geht es ihnen deshalb trotzdem nicht. Dass Liefer- wie Paketdienste zu unterirdischen Bedingungen arbeiten, ist ein offenes Geheimnis. Nun steht der Fall Gorillas aber auch insgesamt für eine Entwicklung, in die auch die anderen beiden Ereignisse der vergangenen Woche hineinragen.

Zum einen sehen wir in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern auch eine schleichende Deregulierung von Arbeitnehmerrechten, die dazu beigetragen haben, dass es überhaupt möglich ist, Mitarbeiter wie die von Lieferdiensten zu ultraprekären Bedingungen anzustellen. Während das Thema Arbeit in Europa ob Schulden- und Coronakrise unter Druck steht, wurde die „Flexibilisierung“ des Arbeitsmarktes hierzulande ein Jahrzehnt früher auf den Weg gebracht. Wir erinnern uns, Deutschland galt einmal als „kranker Mann“ Europas. Daraus folgte: die Agenda 2010.

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Zum anderen sehen wir dieser Tage, wie Wirtschaft und Politik sich gleichsam mühen, Frauen für Führungspositionen zu mobilisieren. Das ist gut und überfällig – wird aber im Moment nur für einen Teil der Gesellschaft gedacht: die Besserverdienenden. Ihnen gegenüber steht ein Apparat an Niedriglohnarbeitenden. In Deutschland wird jeder Fünfte Arbeitnehmer diesem Sektor zugerechnet. Darin noch gar nicht berücksichtigt, die schwarz arbeiten. Wenn in Haushalten Arbeiten wie Putzen, Waschen, Einkaufen oder Kinderbetreuung nun wegen hoher Arbeitsbelastungen im Job von zum Beispiel zwei Elternteilen nicht mehr erledigt werden können, werden sie ausgelagert – und zwar zu im Vergleich oft prekären Arbeitsbedingungen.

Das ist eine Entwicklung, die wir bereits vor der Pandemie gesehen haben, die aber während ihres Verlaufs noch deutlicher wurde: Im Grunde arbeiten wir so viel, dass wir uns um die Dinge des Alltags kaum mehr selbst kümmern können. Daraus folgt: die Renaissance der Dienstbotengesellschaft. Das kann man so halten, aber dann gilt es, die Arbeitsbedingungen derer zu achten und zu guten Konditionen zu gestalten, die stattdessen für uns anrücken, unser Privatleben bequemer einzurichten. Der Protest der Gorillas-Fahrer ist insofern zu verstehen. Wir sollten ihn unterstützen.

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