Kürzlich verstarb ein Bekannter von mir an Corona. Er war 84 Jahre alt und Kommunist aus München – ja, auch sowas gibt es. Schon seine Eltern waren Kommunist:innen gewesen. Unter den Nazis war sein Vater für seine Überzeugungen zehn Jahre ins Konzentrationslager gewandert, seine Mutter ins Zuchthaus. Nach 1945 blieben die Eltern Mitglieder der Kommunistischen Partei. Die wurde in der BRD 1956 verboten. Wieder kam die Mutter vor Gericht. Sie hatte die Nazis, das Zuchthaus und den Zweiten Weltkrieg überlebt, nur um dann in der BRD vom selben Richter für dieselben Überzeugungen wieder verurteilt zu werden.
Man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Dieser Wahnsinn – Symptom einer ganzen Gesellschaft – verfolgte meinen Bekannten sein Leben lang.
Kein Ort ohne Nazis in der Nachkriegs-BRD
„Die alten Nazis waren in der jungen Bundesrepublik überall“, schrieb jüngst die Süddeutsche Zeitung. Noch vor zwanzig Jahren sei man für so eine Feststellung als „böswilliger Linker“ beschimpft worden. Heute leugne das aber kaum jemand, so die Zeitung. Justiz, Verwaltung, Ministerien, Universitäten; trotz gepriesener Entnazifierung gab es in der Nachkriegs-BRD keinen Ort ohne Nazis. Die Zeitung nennt das „eine Art Totalkontinuität“. Funktionseliten machten ihren Job und bauten einen Staat, der sich der Demokratie verschrieben hatte. Selbst der Verfassungsschutz sei aber so braun gewesen, „dass es einen noch heute schüttelt“. Sieht man auf Vorwürfe rechter Hetze beim Verfassungsschutz heute, schließen sich die Kreise.
Damals drückten auch die Alliierten ein Auge zu. Schuld war der aufkommende Kalte Krieg; der neue Feind war der Kommunismus. Um den in Schach zu halten, brauchte es alte Funktionseliten. Denn laut Altkanzler Konrad Adenauer wussten die genau, wo der Hase langläuft. Da durften auch die Nazis ran. Alte Richter:innen sprachen weiter Recht, und Schreibtischtäter:innen verwalteten fleißig weiter. Der Blick ging nach vorn. Frei nach dem Motto: Neue Feinde bekämpfen, anstatt alte in den eigenen Reihen suchen.
Die wahren Altnazis blieben unbehelligt
Heute, 76 Jahre nach Kriegsende, stehen 100-jährige Altnazis vor Gericht und man fragt sich, warum heute und nicht damals. Die Antwort: Es geht um (fast) nichts. Es sind gefahrlose Platzhalter-Prozesse mit Symbolcharakter. Sie werden in den Medien breitgetreten und geben den Anschein der Aufarbeitung. Hätte man diese Prozesse vor 50 Jahren geführt, wären alle betroffen gewesen: Nachbar:innen, Kolleg:innen, Chefs – die Altnazis von nebenan. Die aber blieben oft unbehelligt, bis sie letztlich starben. Auch so funktioniert Geschichte. Aufarbeitung gibt es erst dann, wenn jene in Machtpositionen keinen Schaden mehr nehmen.
Für meinen Bekannten wurde dieser Zwiespalt zum Motor seines Lebens. Er wusste um die Politik des Alltags und den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit. Niemand, unterstrich er, könne so tun, als ginge dieser Unterschied einen nichts an. Er blieb Kommunist und kämpfte damit für Ideenfreiheit und gegen bloße Phrasen der Demokratie – noch Tage vor seinem Tod demonstrierte er gegen Krieg.
Ich bin keine Kommunistin. Aber ich finde, wenn jemand mit 84 noch auf der Straße protestiert und sich politisch engagiert, hat er etwas richtig gemacht – selbst wenn er dafür als „böswilliger Linker“ beschimpft wird.
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