Seit Kenias Regierung die scharfen Corona-Einschränkungen lockerte, ist Timothy Wanjiru wenigstens eine seiner vielen Sorgen los: Die großen Touristenhotels in der Hauptstadt Nairobi haben wieder geöffnet. Dadurch hat der 68-Jährige regelmäßiger zu essen, wenn auch über Umwege. Asthma, Diabetes, Bluthochdruck und ein Hüftleiden haben ihn zum Invaliden gemacht. Ob er schon Corona hatte? Er weiß es nicht. Mühsam bewegt er sich an Krücken durch seine winzige Hütte im Slum „Korogocho“, was auf Deutsch „Abfall“ heißt. Aus gutem Grund. In Korogocho wird der Unrat der Vier-Millionen-Metropole abgeladen.
Die ungefähr 150.000 Slumbewohner leben von und mit dem Müll. Wie Timothy Wanjiru auch. Er isst das weggeworfene Hotelessen, das sein Sohn Ellis ihm gelegentlich vorbeibringt. Wenn der es denn ergattert, denn man muss schnell sein. Ellis, 22 Jahre alt, schläft daher – wie andere auch – auf der Halde, um nur keinen Müllwagen zu verpassen. Sein Vater stammt aus dem Viertel, hat seinen Lebensunterhalt über die Jahre als Straßenverkäufer bestritten und acht Kinder großziehen können. „Die Zeiten sind härter geworden“, sagt Timothy Wanjiru.
Wenn Menschen wenig haben, dann können selbst Nebeneffekte der Corona-Pandemie sie um fast alles bringen. Und treten zu dieser einen Krise noch weitere hinzu – Klimawandel, Krieg um die Ukraine –, dann können das die Zutaten für große Katastrophen sein.
Extremer Hunger und die Preise für Weizen steigen
Ostafrika steht modellhaft für andere Regionen. Für Weizen sind die Preise in Kenia um die Hälfte gestiegen. Bereits jetzt sind wegen der schwersten Dürre seit 40 Jahren 13 Millionen Menschen am Horn von Afrika extremem Hunger ausgesetzt, drei Millionen von ihnen nach UN-Angaben allein in Kenia. Sollte die Ernte in der Ukraine tatsächlich ausfallen, geht man von bis zu 20 Millionen Hungernden nur in dieser Region aus, zu der auch Somalia, Äthiopien und Teile des Südsudan gehören. Experten rechnen mit einer internationalen Hungerkatastrophe. „Die Klimakrise haben wir verschuldet. Doch in Afrika ist sie zur Katastrophe gereift“, sagt Roland Hansen, Afrika-Chef von Malteser International.
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Die Kölner Organisation war Helferin in der Not für Timothy Wanjuru. Über eine kenianische Partnerorganisation zahlte sie eine Art Sozialhilfe aus, um zum Beispiel eine Krankenversicherung abschließen oder Miete zahlen zu können. Selbst hinter der erbärmlichsten Slumhütte steht einer, der die Hand aufhält. Zum Hilfsprojekt gehört auch, arbeitslose Männer und Frauen zu Kleingewerbetreibenden auszubilden. Sie lernen, Kleidung zu schneidern, Flüssigseife herzustellen, die in Corona-Zeiten hochbegehrt war, oder Frauen attraktive Fingernägel zu machen.
Brot, Mehl, Bohnen und Transport – alles ist teurer geworden
Der weltweite Nahrungsmittelmarkt gerät vor unseren Augen aus den Fugen. Die Preise steigen. Hinzu kommen die Kosten für knapper gewordenes Rohöl. Brot, Mehl, Bohnen und Transporte – alles ist teurer geworden. Und das ist erst der Anfang. „Wenn ein Nahrungsmittel knapp wird, erfasst das den gesamten Markt,“ sagt Roland Hansen. „So leiden die Menschen zusätzlich noch unter einem Krieg, mit dem sie rein gar nichts zu tun haben.“
Wie zum Beispiel Phoebe Achiang. Sie ist 30 Jahre alt und lebt im Slum Mathare Valley mit ihrem Mann und den drei Kindern auf der Fläche eines größeren Kleiderschranks. Die Habseligkeiten der Familie wachsen auf der winzigen Grundfläche buchstäblich in die Höhe, damit irgendwo noch Platz für die Menschen ist. Mit der Hilfe von Malteser International bezahlt die junge Frau nun eine Krankenversicherung. Die tut Not, denn die acht Monate alte Tochter kann keine Nahrung bei sich behalten. Ihre Haare zeigen bereits die typisch rötliche Färbung, ein Zeichen von Mangelernährung.
Ntinyikwa Mirgichan vom Volk der Rendille mit dem jüngsten ihrer fünf Kinder.
© Peter Pauls
Vielleicht hätte auch der Mutter selbst eine Krankenversicherung helfen können. Als Phoebe Achiang acht Jahre alt war, begannen sich ihre Augen schmerzhaft und wässrig zu entzünden. Niemand suchte mir ihr einen Arzt auf, als ihre Sehkraft schwand.
Unbeeindruckt bereitet sie morgens das traditionelle Uji zu, ein Porridge aus fermentiertem Reis, Mais oder Hirse. „Ich weiß, wo alles steht“, sagt sie. Doch wenn Behördengänge oder größere Einkäufe anstehen, muss die sieben Jahre alte Tochter die Mutter führen. Das ist jedes Mal ein kleiner Albtraum, denn die Familie wohnt in abschüssiger Lage und die Blechhütten stehen dicht beieinander.
Das Ziel der Mutter ist, den Kindern zumindest zweimal täglich eine Mahlzeit zu sichern. Solange sie Teil des Hilfsprojektes ist, wird ihr das möglich sein; die Finanzierung durch das Berliner Außenministerium hält ausdrücklich mit der Teuerung Schritt.
Der Hunger der Kamelnomaden und ihrer Tiere
Gesellschaften, die mit geringsten Ressourcen auskommen müssen, trifft die aktuelle Entwicklung mit existenzieller Wucht. Das ist vor allem im trockenen Norden Kenias so, der Provinz Marsabit. Auf einem Sechstel der Landesfläche leben etwa 460.000 Menschen. Die meisten von ihnen sind Kamelnomaden, die auch „Vergessene“ genannt werden. Ihre traditionelle Lebensweise hat mit den hypermodernen Wolkenkratzern in der Hauptstadt nichts gemein. Roland Hansen erinnert vor dem Hintergrund der Dürre an die Heuschreckenplagen, die 2019 und 2020 das Grün ganzer Landstriche abfraßen, und an den „Heerwurm“, der im Südsudan und Teilen Ugandas Ernten vernichtete. „Allein im Umland des Turkana-Sees sind kürzlich zehn Menschen verhungert, darunter sieben kleine Kinder“, sagt er.
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Unerbittlich ist das Leben hier immer gewesen. Vielleicht war auch daher das Verhältnis der Menschen zu ihren Tieren symbiotisch. Beide brauchten einander. Ein Kamel den Hirten, der es zu Wasser und Weide führt. Und der Hirte das Kamel, weil es Lasten schleppt, Milch gibt und man sein Fleisch essen kann.
„Wenn keine Hirse mehr da war und der Hunger kam“, erzählt Nasak Baryo, ein Dorfältester in Watalii, einem Flecken am Turkana-See, „haben wir unseren Rindern Blut abgezapft und es mit ihrer Milch gemischt.“ Ein Leben ohne Vieh war physisch und kulturell nicht denkbar. Fragt man, wie es früher war, dann bemisst die Lebensqualität sich an der Verfügbarkeit von Milch. Sie ist ein Lebenssaft, der für eine ganze Kultur steht und gleichbedeutend mit gesundem Vieh, guten Weiden und damit auch verlässlichen Regenzeiten ist. Doch Massen von Tieren sind jetzt in der Dürre verendet. Die Welt der Nomaden zerbricht.
Hilfsorganisationen verteilen Wasser, Mais und Bohnen
Auf dem Weg vom Turkana-See in die Provinzhauptstadt Marsabit durchqueren wir die Chalbi-Wüste. In dem Flecken Toricha, wo deren Sand- und Geröllfelder aneinanderstoßen, gibt es eine Wasserstelle, jedoch wenig Weide. Eine Kamelherde hat sich zwar in diesen unwirtlichen Ort gerettet. Doch die ausgemergelten Tiere haben nur zu trinken und kaum zu fressen. Sie sitzen in der Falle, denn den Weg zur nächsten Weidestelle werden wohl nur wenige überleben. Große, säuberlich abgenagte Skelette säumen den Rand der unbefestigten Piste, auf der wir unterwegs sind. Sie stehen für die Erbarmungslosigkeit der Lage. Die wenigen Lebewesen, die uns noch begegnen, sind verendende Kamele, die mit ihrer Herde nicht mehr Schritt halten konnten.
An zahlreichen Stellen hat Pacida, ein örtliches Hilfswerk und Partner von Malteser International, unterirdische Wasserspeicher angelegt, die durch Tankwagen befüllt und von der Bevölkerung genutzt werden. Hier werden auch Nahrungsmittel an Familien verteilt. Je zehn Kilo Mais, Bohnen und Maismehl, zwei Liter Speiseöl und einen großen Wasserkanister bekommen die Frauen vom Volk der Gabra. Um alle Hilfsgüter zu ihren Hütten zu bringen, müssen sie mehrmals kilometerweit über Geröllbrocken laufen.
Sind allein die klimatischen und politischen Umstände für das Elend verantwortlich? So einfach sei es nicht, sagt ein Missionar, der seit Jahrzehnten im Norden lebt. Die kulturelle und gesellschaftliche Überhöhung von Vieh habe die Extremlage zumindest verschärft. In Liedern des Gabra-Volkes etwa folge auf Gott an höchster Stelle gleich das Kamel, noch vor der Frau. Frische Wasserlöcher seien genutzt worden, um Herden immer weiter zu vergrößern. Ein Übermaß an Vieh strapaziere die karge Landschaft. Die Nomaden müssten ihr Leben anpassen und verändern, sagt der Gottesmann, auf kleinere Herden und gesünderes Vieh setzen.
Timothy Wanjiru lebt im Slum Korogocho in Nairobi. Korogocho bedeutet: Abfall.
© Peter Pauls
Dabei ist dieser Gedanke vielen nicht mehr fremd, vor allem Frauen. In Afrika gelten sie als Trägerinnen von Entwicklung und Veränderung. Sie sind es, die die Familien versorgen und den Alltag organisieren, insbesondere im nomadischen Norden Kenias. Die Männer ziehen mit den Resten ihrer Herden auf dem Weg nach Wasser und Weide durch die ausgezehrte Landschaft. Ihre Frauen müssen oft über Wochen auf sich allein gestellt Nahrung organisieren, hungrige Mäuler stopfen, Essen zubereiten und vor allem die Kinder erziehen. Entsprechend selbstbewusst sind sie.
Das Elend und die Folgen: Alkohol, Drogen und zerstörte Familien
In Balesa, einem Flecken inmitten des Niemandslands zwischen dem Turkana-See und der Provinzhauptstadt Marsabit, bricht alle Sorge aus einer älteren Frau heraus. Guratu Guracha hat sieben Kinder geboren und ist Großmutter von drei Enkeln. „Vergesst das ganze Vieh“, sagt sie eindringlich. „Hier fahren nicht einmal mehr Händler vorbei, um etwas zu kaufen. Jetzt geht es um uns. Es geht um die Menschen.“
Die 59-Jährige schaut zornig auf die Männer, die auf dem Dorfplatz herumlungern und schimpft auf junge Aussteiger, die nicht mehr zur Schule gehen wollen. „Immer mehr Menschen kommen in die Siedlungen, weil sie ihr Vieh verloren haben. Aber wir haben keine Arbeit.“ Das Klima ändere sich, setzt sie nach, die Menschen seien hungrig und der Ort zerbreche. „Ich habe Angst um unser Leben. Wir erleben das Ende der Welt“, sagt sie.
Mit jedem ihrer Worte hat die energische Frau den Projektchef von Pacida, Wario Guyo Adhe, bestätigt. Er hat von Suiziden, zerstörten Familienstrukturen und entwurzelten Jugendlichen berichtet, welche Marsabit zu einem der unsichersten Orte Kenias machen. Alkohol und Drogen haben leichtes Spiel, nachts wird auf den Straßen geschossen. Kämpfe gibt es auch unter den Stämmen – um Brunnen, Weideland oder Fische aus dem Turkana-See.
Eine, die bereit ist, ihr Leben zu ändern, ist Ntinyikwa Mirgichan. Auch sie hat Geld bekommen, um sich und ihre fünf Kinder durchzubringen. Die 22-Jährige gehört zum Volk der Rendille, deren kunstvoller Perlen- und Kopfschmuck den Stolz dieses Hirtenvolkes unterstreicht. „Wartet“, sagt sie, bevor sie mit uns spricht. „Ich muss mich noch umziehen.“ Wenige Minuten später ist die selbstbewusste junge Frau in traditionelle Kleidung geschlüpft und hat praktisch ihre Rolle gewechselt.
Kamel in der Wüste.
© Peter Pauls
Essen habe sie mit der Förderung bezahlt, aber auch Ziegen, die sie später mit Gewinn weiterverkaufen konnte, berichtet sie. Ihre Hütte hat sie gebaut und vor allem ihre Kinder zur Schule schicken können. „Nur wer lesen und schreiben kann, bekommt Arbeit“, sagt sie. Später werde sie die Hilfe ihrer Kinder brauchen. Dafür müssten sie gut ausgebildet sein. Am nomadischen Lebensstil der Vorfahren scheint auch sie zu zweifeln. „Diese langen Dürren machen mich nachdenklich“, sagt sie. „Da kommen sicher noch mehr. Unser Leben wird nicht bleiben, wie es ist.“
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