Mobilität

Streit um Torstraßen-Umbau: Bleibt der Notarzt künftig im Stau stecken?

Bürger äußern sich zur Neugestaltung der Strecke. Viele freuen sich, dass Radfahrer mehr Platz erhalten. Andere befürchten Nachteile – auch für die BVG.

7 Min
Wo heute Autos stehen, sollen Radfahrer zügig vorankommen. Die Simulation zeigt, wie die Torstraße in Mitte in Zukunft aussehen soll. 2024 sollen die Bauarbeiten beginnen, so der Senat.

Wo heute Autos stehen, sollen Radfahrer zügig vorankommen. Die Simulation zeigt, wie die Torstraße in Mitte in Zukunft aussehen soll. 2024 sollen die Bauarbeiten beginnen, so der Senat.

© Visualisierung: Senatsverwaltung für Mobilität

Eines ist klar: Die Torstraße muss saniert werden. Der Senat will die rund zwei Kilometer lange Ost-West-Verbindung in Mitte von Grund auf erneuern – zunächst zwischen der Chausseestraße und dem Rosenthaler Platz, wo die auf anderthalb Jahre terminierten Arbeiten 2024 starten sollen. Ebenfalls geplant ist, dass die östliche Hälfte 2026 folgt. Bei dieser Gelegenheit soll der Straßenraum neu aufgeteilt werden, wie es das Mobilitätsgesetz vorsieht. Für Autos gibt es statt zwei Fahrstreifen pro Richtung wie derzeit nur noch einen. Wo heute noch geparkt wird, verlaufen künftig Radfahrstreifen. Alle Stellplätze fallen weg, an der Nordseite werden Ladezonen markiert.

„Meine Mutter liebt die schnellen Richtungswechsel“

Wie finden Sie das? Das fragte der Senat auf der Internetseite mein.berlin.de. Der Rücklauf war groß: 478 Bürger stellten ihre Anmerkungen ins Netz. Die letzte Meinungsäußerung in dieser Etappe traf am vergangenen Freitag um 23.54 Uhr ein, fünf Minuten bevor die Seite dafür geschlossen wurde. Unterzeichnet war sie von Jens Schuster – der das Thema mit bitterer Ironie kommentierte.

„Meine Familie freut sich insgesamt sehr auf die zu erwartende Steigerung des Radverkehrs. Meine Mutter liebt die schnellen Richtungswechsel und Ausweichmanöver, welche die mit Karacho durch die Gegend donnernden Radfahrer erfordern. Das hält mit 65 Jahren jung und ermöglicht ihr auch im gehobenen Alter, kostenfrei die Reflexe zu trainieren“, so beginnt der Eintrag. „Mein Vater hingegen liebt vor allem das professionelle Radrennteam von Lieferando, ist großer Fan von Wolt und Uber Eats, welche dem Radrennsport rund um den Rosenthaler Platz zum internationalen Durchbruch verholfen haben.“

Warum nicht über die Linienstraße?

Schuster quittiert auch die geplante Neugestaltung der Fußgängerbereiche mit Ironie. Er finde es „wundervoll, dass mehr Grün- und Aufenthaltsflächen geschaffen werden, um mehr internationales Publikum anzulocken, welches dann in rauschenden Nächten gemeinsam mit den Anwohnern die neuen Errungenschaften feiern kann“, formuliert er. Und setzt ein PS unter seinen Kommentar: „Schön, dass der ein oder andere Behindertenparkplatz endlich verschwinden wird. Das stört das Gesamtbild.“

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„Hier Verkehrsberuhigung zu betreiben, könnte zum Verkehrsinfarkt führen“, schreibt ein Kommentator, der sich Picto nennt, gänzlich ohne Ironie. „Der fließende motorisierte Verkehr ist ein Wirtschaftsfaktor und hat immer Saison, währenddessen Radwege übers Jahr ganz unterschiedliche Auslastungen erfahren und das Radfahren selbst auch nur von einer bestimmten Zielgruppe genutzt wird. Die Abschaffung der Parkmöglichkeiten steht in keinem Verhältnis zum Bedarf, der steigt, wie die Verkaufszahlen gegenwärtig zeigen, wo auch wieder Parkplätze nötig werden.“ Für die Radfahrer bieten sich Alternativen an, vor allem die parallel verlaufende Linienstraße – die als Fahrradstraße ausgeschildert ist.

Auch ein Grünen-Politiker fordert Änderungen

Ein Kommentator namens Renecsonka meint: „Realität ist auch, dass Berliner selbst im dicksten Stau und bei teurem Benzin nicht auf das Auto verzichten.“ Wer wie die Planer Visualisierungen verbreite, auf denen eine „heile Welt ohne Stau mit einem Auto, einem Bus und drei bis vier Fahrrädern zu sehen ist, der täuscht sich und andere, um seine Ideologie durchzusetzen. Bekommt die Torstraße nur eine Fahrbahn pro Richtung, wird es ganztägig Stau in alle Richtungen geben“, so die Warnung.

„Parkplätze für Anwohner sind wichtig, was ist mit den Menschen im Schichtdienst?“, fragt ein Bürger, der sich das Pseudonym Kidiri gegen hat. „Wenn man um 23 Uhr nach Hause kommt und eine halbe Stunde nach einem Parkplatz suchen muss, fängt man an, über seinen Beruf und einen Wechsel raus aus dem Gesundheitswesen zu denken.“ Ein weiteres Argument: „Die Torstraße soll verändert werden, doch nicht auf Kosten des ÖPNV“ – des Nahverkehrs.

Wenn der Platz für Kraftfahrzeuge verkleinert wird, trifft dies auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Wie in der Kantstraße, wo es neben Pop-up-Radwegen und Autostellplätzen ebenfalls nur noch einen Fahrstreifen pro Richtung gibt, stehen die Busse im Stau, rügt der Fahrgastverband IGEB.

Dieses Problem sieht auch der Grünen-Politiker Stefan Lehmkühler aus Mitte, der normalerweise ein Verfechter der Mobilitätswende ist. Er könne „nicht erkennen, wie die vorgestellte Planung den ÖPNV bevorrechtigen soll“, warnt er. Lehmkühler erinnert auch daran, dass die nicht weit entfernte Charité tagtäglich von vielen Rettungswagen angesteuert wird. „Ich halte es für einen schweren Planungsfehler, die sehr häufigen Notarztfahrten nicht angemessen zu berücksichtigen.“ Damit spricht Lehmkühler ein wichtiges Thema an. Nach den im Internet veröffentlichten Plänen sollen die Radfahrstreifen 2,30 Meter breit werden – Notarztwagen messen aber rund 2,50 Meter.

Er regt außerdem an, die Lieferzonen nicht nur an der Nordseite anzulegen, sondern im Wechsel an beiden Seiten – und fügte eine eigene Planung hinzu, die aus seiner Sicht besser ist.

„Die Luft ist schlecht und staubig, der Lärm ist zu groß“

In der Debatte melden sich aber auch viele Bürger zu Wort, die Rad fahren – und die diese Straße als Gefahrenzone erlebt haben. Ein Mitarbeiter der Charité, der sich an der Diskussion anonym beteiligt, berichtet von einer Kollision, an der ein Radfahrer beteiligt war. „Ein Freund von mir erlitt auf der Torstraße Ecke Gormannstraße einen schweren Verkehrsunfall. Wiederholte Bitten, diese gefährliche Straße zu beruhigen, blieben bis heute ungehört.“ Die Linienstraße sei „keine Alternative“, fügt er hinzu. Auch dort seien Autos unterwegs, und die nötige Querung stark befahrener anderer Straßen mache ein „zügiges Vorankommen unmöglich“.

„Besonders wichtig ist mir, dass die Torstraße weniger gefährlich für Radfahrende wird“, pflichtet Jana Göbel bei. Ein Anwohner der Torstraße outet sich ebenfalls als Befürworter. „Das motorisierte Verkehrsaufkommen in der Torstraße ist eindeutig zu hoch“, schreibt er. Weil die Stellplätze am Rand meist besetzt sind, halte der Lieferverkehr in der zweiten Reihe – was wiederum den rollenden Verkehr behindere. „Er staut sich vom Rosenthaler Platz bis zu der Bergstraße. Die Luft ist schlecht und staubig, der Lärm ist zu groß. Wir selber haben auch ein Auto, sind trotzdem der Meinung, dass der motorisierte Verkehr in der Innenstadt stark reduziert werden soll.“

Umbau ist „völlig unsinnig“

Doris Steiner, die seit 35 Jahren an der Torstraße wohnt, äußerte sich in Schreiben an die Berliner Zeitung. „In unserem Haus wohnen 28 Mieter, dort ist nicht einer begeistert von diesen Ideen“, schreibt die 70-Jährige, die nach eigenen Angaben auf ihr Auto angewiesen ist und den geplanten Umbau für „völlig unsinnig“ hält. Die benachbarte Invalidenstraße sei bereits durch den Bau von geschützten Radfahrstreifen auf einen Fahrstreifen pro Richtung reduziert worden. „Wenn sich Straßenbahnen in beiden Richtungen begegnen, dann kommt nicht einmal die Feuerwehr oder ein Krankenwagen dort vorbei. Man fragt sich, wer das alles so irrsinnig plant.“

Dass Radfahrer stärker in den Fokus rücken, sieht Steiner skeptisch. „Es ist die Hölle, die Radfahrer fahren wo und wie sie wollen. Am liebsten fahren sie auf dem Bürgersteig. E-Scooter, Fahrräder, Lastenfahrräder und Leihmopeds stehen und liegen überall herum.“ Sie spricht sich dafür aus, Radfahrer und besonders Fahrer von Lastenrädern steuerlich zu beteiligen. Zudem sollten sie einen Nachweis präsentieren – „ähnlich wie ein Führerschein, mit dem sie nachweisen müssten, dass sie mit dem Straßenverkehr vertraut sind“.

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