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Medizinische Forschung

Machen Abnehmspritzen blind? Forscher legen Studie zu Ozempic und Co. vor

Eine Analyse von Patientendaten legt den Zusammenhang von Semaglutid und dem Verlust des Sehvermögens nahe. Weitere Untersuchungen erscheinen jedoch ratsam.

5 Min
Eine Spritze mit dem Diabetes-Medikament Ozempic

Eine Spritze mit dem Diabetes-Medikament Ozempic

© NurPhoto/Imago

Eine Reihe aus Zahlen, von 100 gehen sie in Fünferschritten abwärts bis 80. Es sind die Ziffern, die für eine Erfolgsgeschichte auf Instagram stehen sollen. Daneben zu lesen ist die Angabe „kg“: Kilogramm. Die Geschichte dreht sich um Ozempic, ein Medikament, das für Patienten mit Diabetes Typ 2 gedacht ist, im Volksmund inzwischen jedoch auch Hollywood-Diätspritze genannt wird. Etliche Prominente haben sich öffentlich zu deren Gebrauch bekannt, Elon Musk und Oprah Winfrey etwa. Sie finden offensichtlich viele Nachahmer.

Ozempic und das artverwandte Wegovy enthalten die Substanz Semaglutid. Die erfreut sich seit einiger Zeit bei Menschen großer Beliebtheit, die abnehmen wollen. Bei denen die üblichen Strategien wie Diät, Fasten oder Sport nicht anschlagen oder die es damit erst gar nicht versuchen. Das Netz ist voll von Geschichten wie jener mit den fünf Zahlen. Doch der Gebrauch solcher Diabetesmedikamente für eine Schlankheitskur kann negative Folgen haben. Das zumindest legt jetzt das Ergebnis einer Studie nahe; eine internationale Forschergruppe um Jimena Tatiana Hathaway hat es in der Fachzeitschrift „Jama Ophthalmology“ veröffentlicht. Demnach erhöht die Substanz Semaglutid das Risiko zu erblinden.

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Nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie wird die zugrunde liegende Erkrankung genannt – abgekürzt: Naion. Sie führt zu einem plötzlichen Sehverlust auf einem Auge, weil die Blutzufuhr zum Sehnerv unterbrochen wird. Um an einen Nachweis zu gelangen, dass Menschen mit Diabetes bei Anwendung von Semaglutid ein erhöhtes Risiko für diese Erkrankung haben, verwendeten die Wissenschaftler nun Daten von 16.827 Patienten des Massachusetts Eye and Ear in Boston/USA. Sie identifizierten 710 Personen mit Typ-2-Diabetes und 979 Personen mit Übergewicht oder sogar Adipositas. Diese wurden entweder mit Semaglutid oder einem anderen Wirkstoff behandelt.

Die Forscher beobachteten die Probandengruppen drei Jahre lang. Sie fanden heraus, dass das Risiko bei den Diabetikern für eine Naion-Diagnose bei 8,9 Prozent lag, wenn sie Semaglutid einnahmen. Lediglich 1,8 Prozent waren es, wenn die Patienten eine andere Substanz verwendeten. Bei den übergewichtigen und fettleibigen Probanden lag das Risiko bei 6,7 Prozent in der Semaglutid-Gruppe, dagegen bei 0,8 Prozent in der Kontrollgruppe. Das Forscherteam sieht darin zwar keinen endgültigen Beweis, dass Semaglutid die Gefahr erhöht, an Naion zu erkranken, weist aber auf den Bedarf hin, dass dieser Zusammenhang weiter untersucht werden müsse.

Andere Wissenschaftler bescheinigen der Studie eine hohe Qualität. Graham McGeown zum Beispiel, Honorarprofessor für Physiologie an der Queen’s University in Belfast. Die Autoren hätten bezüglich ihrer Methodik „die wichtigsten Schwachpunkte klar benannt, die sich darauf beziehen, wie repräsentativ die Gruppe der an sie überwiesenen Patienten im Hinblick auf die breitere US-Bevölkerung sein könnte“, sagte McGeown der Wissenschaftsplattform Science Media Center. Es seien beträchtliche Anstrengungen unternommen worden, um die Probandengruppen „mit statistischen Methoden auf Störfaktoren abzustimmen, obwohl dies, wie die Autoren erklären, schwierig ist“. Zu diesen Faktoren zähle etwa, wie schwer die Erkrankung sei, die mit Semaglutid behandelt werde, also Diabetes Typ 2 oder Adipositas.

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Auch McGeown erkennt den Bedarf, die Studienergebnisse durch umfangreichere Untersuchungen zu überprüfen, angesichts möglicher gesundheitlicher Folgen. Schließlich werde die Substanz immer häufiger verordnet, was die Zahl der Betroffenen erhöhen könnte. Semaglutid kommt auch zur Behandlung anderer Erkrankungen in Betracht. Diskutiert wird zum Beispiel der Einsatz gegen Zellabbau im Gehirn. „Aber mögliche Nebenwirkungen des Medikaments müssen immer gegen den wahrscheinlichen Nutzen abgewogen werden“, sagt McGeown.

#Ozempic-Babies: Ungeplante Schwangerschaft durch Abnehmspritze?

Möglicherweise hat Semaglutid neben der eigentlichen Bestimmung und der Funktion als Abnehmspritze noch einen weiteren Effekt. Seit Monaten berichten Frauen auf Instagram, X oder TikTok, sie seien schwanger geworden, ohne es beabsichtigt zu haben. Sie führen dies auf den Gebrauch von Ozempic zurück. Der Hashtag lautet: Ozempic-Babies. Allerdings dürfte es sich um eine indirekte Auswirkung handeln. Adipöse Frauen haben einen veränderten Monatszyklus, der sich bei Gewichtsverlust normalisieren kann. Auch weist der Hersteller auf mögliche Wechselwirkungen mit der Antibabypille hin.

Wie groß die Nachfrage nach Semaglutid ist, verdeutlicht unterdessen die Geschäftsbilanz des dänischen Pharmakonzerns Novo Nordisk. Der Hersteller von Ozempic und Wegovy steigerte nach eigenen Angaben seinen gesamten Umsatz im vergangenen Jahr auf umgerechnet etwa 31,2 Milliarden Euro. Mit dem als Abnehmspritze zugelassenen Wegovy setzte Novo Nordisk etwa 4,2 Milliarden Euro, mit dem Diabetesmedikament Ozempic sogar rund die dreifache Summe um.

Warnung vor gefälschten Ozempic-Medikamenten und -Rezepten

In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Lieferengpässen in Deutschland. Die große Nachfrage rief auch Betrüger auf den Plan. Zuletzt warnte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vor Fälschungen, die auf den Markt gelangt seien. Ebenso tauchten hierzulande vereinzelt gefälschte Rezepte auf. Viele Menschen besorgen sich Ozempic zum Abnehmen auf eigene Kosten. Eine Umwidmung des Medikaments für andere Erkrankungen als die, für die es ursprünglich zugelassen wurde, ist legal. Ärzte können es für einen solchen Off-Label-Use mittels Privatrezept verschreiben.

Zur Behandlung von starkem Übergewicht ist Semaglutid im Medikament Wegovy in der Europäischen Union seit 2022 zugelassen. Es ist doppelt so hoch dosiert wie im Präparat Ozempic. Wegovy darf bei einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 und mehr sowie einem BMI von 27 bei Bluthochdruck verordnet werden. In Deutschland ist das Arzneimittel seit dem Juli vergangenen Jahres erhältlich.

Die Pharmaindustrie arbeitet an weiteren Medikamenten, die Semaglutid oder ähnliche Wirkstoffe enthalten und zur Gewichtsabnahme führen. Ende des vergangenen Jahres wurde die Substanz Tirzepatid als Therapeutikum bei Erwachsenen mit gewichtsbedingten Begleiterkrankungen und einem BMI von mehr als 27 sowie bei Adipositas zugelassen. Tirzepatid ahmt die Wirkung von Semaglutid nach. Enthalten ist es in dem Diabetesmedikament Mounjaro. 

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