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Kein Ticket mehr in Berlins Bussen für Barzahler: Wer kein Bankkonto besitzt oder analog leben will, muss seit dem 1. September 2024 vorsorgen. Am Automaten an den U-Bahn-Haltestellen gibt es 4-Fahrten-Karten gegen Bargeld. Alternativ bietet sich die Guthabenkarte der Berliner Verkehrsbetriebe an. Die ist anonym an Hunderten Verkaufsstellen erhältlich und kann am Automaten mit Bargeld aufgetankt werden. Beim Busfahrer hält man die Karte an den Scanner und bekommt das gewohnte Papierticket.
Das Phänomen existiert seit drei, vier Jahren: Quer durch die Republik schaffen Verkehrsbetriebe die Barzahlung ab. Im bayerischen Schweinfurt und im hessischen Wiesbaden betrifft das die Busse. Eine Guthabenkarte wird auch in diesen Städten eingeführt. In Rostock verschwinden die Barzahlmöglichkeiten nicht nur aus dem Bus, sondern auch aus den Straßenbahnen. Für die neuen bargeldlosen Kassensysteme gibt es Fördergeld vom Land Mecklenburg-Vorpommern und vom Bundesverkehrsministerium. Eine Guthabenkarte ist nicht geplant. Nur etwa zehn Prozent der Rostocker Haltestellen besitzen laut Auskunft der Rostocker Straßenbahn AG einen stationären Automaten. Dort kann weiterhin bar bezahlt werden.
Kleingeld, nein danke! Die BVG schafft in Berliner Bussen die Barzahlung ab
Bei der Chemnitzer Verkehrsgesellschaft betrifft es den Bus. Jüngere Fahrgäste haben mitunter das Nachsehen. Eine Guthabenkarte gibt es auch hier nicht. Dem MDR berichtete ein Vater, wie sein Sohn zum Aussteigen veranlasst wurde. Der Busfahrer lehnte Bargeld ab. Die Verkehrsgesellschaft schrieb dem Vater später einen Brief, heißt es im MDR. Man habe ihm vorgeschlagen, eine Mastercard für Kinder zwischen sieben und 18 Jahren zu beantragen. Dass dafür ein Jahrespreis von 36 Euro anfalle, darauf sei nicht hingewiesen worden.
In Dresden kann mittlerweile in keinem Bürgerbüro mehr bar bezahlt werden. Alle Busse und Bahnen fahren laut Auskunft der Dresdner Verkehrsbetriebe jetzt mit bargeldlosen Fahrscheindruckern. An stärker frequentierten Haltestellen gibt es noch Möglichkeiten für Barzahler. Ist längerfristig ein Ausstieg aus dem Bargeldverkauf auch an den stationären Automaten geplant? „Bisher noch nicht“, antwortet die lokale Verkehrsgesellschaft DVB auf Anfrage. In Zeiten des Deutschlandtickets müsse die Frage aber eher lauten: „Brauchen die ÖPNV-Unternehmen überhaupt noch einen Automatenverkauf?“ Fast 90 Prozent der Fahrgäste seien mit Abonnement unterwegs. Touristen würden zunehmend das Deutschlandticket nutzen. „Lediglich für internationale Gäste müsste man dann ein teures Netzwerk von Automaten unterhalten“, so die DVB. „Diese Diskussion wird sicher bundesweit noch an Fahrt aufnehmen.“
Bargeldabschaffung Schritt für Schritt
In Berlin sollen gar 99 Prozent der Passagiere mit Dauerfahrkarte unterwegs sein. Fünf Prozent der Gelegenheitstickets verkaufen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) nach eigenen Angaben durch ihre Busfahrer. Bar bezahlt wurden davon im Schnitt zuletzt drei Fahrscheine pro Bus und Tag, schrieb die BVG, als sie am 2. August 2024 das Ende für das Bargeld ankündigte. Dieser niedrige Anteil am Umsatz hat natürlich seine Geschichte. Denn zwischenzeitlich bot die BVG drei Jahre lang keine Barzahlung im Bus an.
Im Nahverkehr nichts mehr wert: Münzen und Scheine
© Daniel Reinhardt/dpa
Mit Beginn der Corona-Pandemie mussten die Passagiere in Berlin hinten einsteigen und erhielten kein Ticket mehr beim Fahrer. Bundestag und Bundesrat einigten sich im März 2021 auf eine Änderung im Personenbeförderungsrecht. So wurde ganz nebenbei Rechtssicherheit geschaffen für den rein bargeldlosen Fahrscheinverkauf im Nahverkehr. Am 12. Juli 2021 ermöglichte die BVG wieder den Ticketkauf im Bus, aber nicht für Barzahler. Erst auf politischen Druck hin konnte ab dem 16. Januar 2023 wieder bar bezahlt werden. Unter dem neuen Berliner Senat geht die Reise jetzt wieder in die andere Richtung.
Derzeit mögen keine weiteren Schritte hin zu einem bargeldlosen Nahverkehr auf der Tagesordnung stehen, doch die Berliner Verkehrsbetriebe begeben sich mit dem Ausschluss der Barzahlung im Bus mitten in eine gesellschaftliche Entwicklung weg vom Bargeld. Es ist eine Entwicklung, die oft mit Anreizen beschleunigt wird. Die Deutsche Bahn beriet schon 2018 intern ein Papier, worin stand: „Realisierung des Ausstiegs aus dem Automatenverkauf“. Realisiert wurde er nicht, aber man arbeitet offensichtlich daran: Seit dem 1. Januar 2024 gibt es keine Sparpreisangebote mehr am Automaten. Wer spontan günstig reisen möchte und nicht am Schalter Schlange stehen will, muss das Smartphone nehmen. Als Grund für die Maßnahme nannte die Bahn auf Anfrage, dass zuletzt nur zwei Prozent der Kunden Sparpreistickets am Automaten kauften.
Auch in Hamburg weiß man, wo man die Kunden haben möchte. Seit 2021 gibt es sieben Prozent Rabatt beim Ticketkauf via App. Seit 1. Januar 2024 fahren die Busse bargeldlos. Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) hat eine anonyme Guthabenkarte entwickelt, die als elektronisches Ticket funktioniert. Fördergeld für das Projekt kam laut Auskunft des HVV und des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr von ebendiesem Ministerium. Wer die Karte nutzt, weil ihm seine Anonymität wichtig ist oder weil er kein Smartphone und kein Bankkonto besitzt, der muss dennoch auf sieben Prozent Rabatt verzichten. Der Grund: Man wolle Online-Bezahlverfahren fördern, so der HVV auf Anfrage.
Warum wir Bargeld nicht abschaffen sollten
Mit der schleichenden Abschaffung des Bargelds im öffentlichen Verkehr spart unsere Gesellschaft an der falschen Stelle. Es ist unsozial, Menschen an ihr Bankkonto oder Smartphone zu binden, damit sie Bus und Bahn zum günstigen Preis nutzen können. Banken und Zahlungsdienstleister werden die zunehmende Abhängigkeit von ihren Angeboten ausnutzen und höhere Gebühren für digitale Zahlungen veranschlagen. Mit dem Verzicht auf Rabatte für Handynutzer und der Ausgabe einer Guthabenkarte zeigen sich die Berliner Verkehrsbetriebe zumindest sozialer als andere ÖPNV-Unternehmen.
Für ein freies Land gibt es gute Gründe, die Barzahlung zu erhalten. In Deutschland wünschen sich 93 Prozent der Bürger Wahlfreiheit diesbezüglich. Eine klare Mehrheit zeigt sich auch im Nahverkehr: Nach einer Umfrage erachten in Berlin 57 Prozent die Entscheidung der BVG für falsch. Nur 28 Prozent finden es in Ordnung, dass im Bus nur noch digitale Zahlungsmittel akzeptiert werden.
Laut einer Umfrage erachten in Berlin 57 Prozent die Bargeld-Entscheidung der BVG für falsch.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Anonyme Fortbewegung sollte ohnehin gewährleistet sein. Auf Basis von Ticketkäufen und Fahrscheinkontrollen können theoretisch Bewegungsprofile erstellt werden. Dafür interessieren sich Konzerne, aber auch ein übergriffiger Staat. Es kann Menschen sogar davon abbringen, ihr Demonstrationsrecht zu nutzen, wenn sie fürchten, dass anhand von Ticketbuchungen auf eine mögliche Teilnahme an Protesten geschlossen wird. Demonstranten in Hongkong nutzten deshalb in der Metro lieber Bargeld als die Guthabenkarte.
Ein anderes Beispiel dieser Art: Der amerikanische Journalist James Risen weigerte sich standesgemäß, mit den Behörden zu kooperieren, um die Identität eines CIA-Agenten zu schützen, der sich ihm anvertraut hatte. Hinter seinem Rücken analysierten die Behörden deshalb seine Kontobuchungen, um Indizien zu gewinnen, wo er sich wann mit wem getroffen haben könnte. Auch dieser Fall illustriert die grundsätzliche Bedeutung anonymer Fortbewegung. Whistleblower sorgen dafür, dass eine Gesellschaft Informationen über Missstände erhält, damit diese beseitigt werden können.
Assange als Präzedenzfall: Sind Whistleblower, Journalisten oder Verleger „Verschwörer“?
Eine Abschaffung des Bargelds im öffentlichen Verkehr gefährdet in ganz Deutschland die Wahlfreiheit, bar oder digital zu bezahlen. Bargeld als Zahlungsmittel funktioniert dank eines Netzes von Bankfilialen, Geldautomaten und Orten, an denen bar bezahlt werden kann. Die ÖPNV-Unternehmen tragen einen guten Teil zu den Bargeldeinzahlungen bei Banken bei. Fällt dieser Anteil weg, sinkt die Wirtschaftlichkeit des Bargeldgeschäfts für die Banken. Somit drohen weitere Automatenstilllegungen und Filialschließungen. Gleichzeitig wird es für den Bürger schwieriger, Bargeld vom Konto abzuheben, und es gibt auch immer weniger Grund dazu, je mehr Möglichkeiten verschwinden, bar zu bezahlen.
Nach einer aktuellen Studie der Bundesbank hat der Anteil der Bürger, die den Zugang zu Bargeld als kompliziert bewerten, innerhalb von zwei Jahren um neun Prozentpunkte zugelegt. Immer mehr Orte lehnen Bargeld ab, auch in Berlin. Es sind Bäckereien, Cafés oder sogar öffentliche Schwimmbäder. In Düsseldorfer Stadtteilbürgerbüros kann seit dem 15. Juli 2024 nicht mehr bar bezahlt werden.
Dieser Entwicklung sollte ein Riegel vorgeschoben werden. Belgien und Norwegen haben dieses Jahr bereits eine Annahmepflicht für Bargeld im Einzelhandel beschlossen. Der Wirtschaftsausschuss des EU-Parlaments behandelt derzeit einen Verordnungsvorschlag der Kommission. Demnach müssten die Mitgliedstaaten zukünftig beobachten, wie es um Akzeptanz und Verfügbarkeit von Bargeld im eigenen Land steht. Wenn die Probleme zu groß werden, sollen Gegenmaßnahmen ergriffen werden, damit Akzeptanz und Verfügbarkeit von Bargeld in einem nicht näher definierten Rahmen gewahrt bleiben.
Bargeld-Abschaffung: Was würde das für die Gesellschaft bedeuten – und was sagen Experten?
Eine klare Annahmepflicht für Bargeld, etwa im Nahverkehr, ist aber von der EU-Kommission nicht vorgesehen. Das Parlament könnte das nachholen. Im Juli 2024 habe ich einen entsprechenden Aufruf an die Abgeordneten mit initiiert. 75.000 Unterzeichner haben sich bisher angeschlossen.
Wenn ich gefragt werde, warum ich mit meinen 25 Jahren kein Smartphone besitze und noch nie mit Karte gezahlt habe, dann sage ich: Ich will mich nicht von einem Handy vom wahren Leben ablenken lassen und mich im Spinnennetz der Überwachung bewegen. Ich habe keine Lust auf eine Chipkarte, die mir verheimlicht, über wie viel Geld ich noch verfügen kann, und die es mir möglichst bequem macht, mich von meinem Geld zu trennen. Ich finde, auch die künftigen Generationen sollten diese Freiheit besitzen. Dafür zahle ich bar.
Hakon von Holst, Jahrgang 1999, ist freier Journalist und Lektor. Er recherchiert seit 2019 zur schleichenden Verdrängung des Bargelds. Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit zählen auch Agrarpolitik und Umweltthemen.
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