Oft lösen Erlebnisse bei mir Gedanken über die Sprache aus. Neulich zum Beispiel. Ich war im Admiralspalast. Eine Band namens The Analogues spielten Beatles-Songs auf perfekte und witzige Art, unter anderem „Maxwell’s Silver Hammer“. Wie der Beatle Paul McCartney einst erklärte, geht es darin um die Fallstricke des Lebens. Gerade wenn man es nicht erwartet, schlägt – Bang, Bang! – „Maxwell’s Silver Hammer“ zu, und das war’s. Im Admiralspalast stand ein Amboss auf der Bühne. Immer, wenn das „Bang, Bang“ ertönte, schlug ein Mann mit einem Hammer zweimal auf den Amboss.
Alles lachte. In meinem seltsamen Gehirn aber erschien sofort eine Assoziation. „Amboss und Hammer“, dachte ich. Da war doch was. Und tatsächlich. Das ungleiche Verhältnis der beiden (der Schmiedehammer schlägt auf den Amboss ein) hatte einst den ollen Goethe animiert, ein Gedicht zu schreiben, und zwar als Ratschlag, wie man leben sollte. Dies endete mit den Zeilen: „Du musst herrschen und gewinnen,/ Oder dienen und verlieren,/ Leiden oder triumphieren,/ Amboss oder Hammer sein.“
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Wutausbrüche von Obernazi Hermann Göring
Eine Metapher zum Thema Machtverhältnisse – oft zitiert. Unter anderem vom Kommunisten Georgi Dimitroff im Reichstagsbrandprozess von 1933. Die Nazis hatten ihn als angeblichen Brandstifter angeklagt. Dimitroff rezitierte Goethes Gedicht. Er sagte, im Kampf könne man nur Amboss oder Hammer sein. Mit seiner offensiven Art, sich zu verteidigen, trieb er den Obernazi Hermann Göring zu Wutausbrüchen. Man kann sie im Internet nachhören.
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Ich finde, heute herrscht wieder so eine Amboss-oder-Hammer-Situation. Ich frage mich, warum Wolodymyr Selenskyj das Goethe-Gedicht nicht schon zitiert hat. Zumal es ja bei Goethe eingangs heißt: „Nutze deine jungen Tage,/ Lerne zeitig klüger sein:/ Auf des Glückes großer Waage/ Steht die Zunge selten ein ...“ Sprich: Labert nicht zu viel, ihr Deutschen! Schickt schweres Zeugs! Goethe hätte sicher auch was geschickt. Vielleicht seine olle Reisekutsche, um sie zum Gepard-Panzer umzubauen.
Bang, Bang, Maxwell’s Silver Hammer ...
Der ukrainische Präsident knüpft – wie einst Dimitroff –Literarisches und Gleichnisse in seine Reden ein, um sie zuzuspitzen, eindringlicher zu machen. Vor dem britischen Unterhaus zitierte er Shakespeares Frage „Sein oder nicht sein“. Er baute auf der Rede Churchills von 1940 auf: „Wir werden in den Wäldern kämpfen und in den Feldern, an den Küsten, in den Städten und Dörfern, in den Straßen und auf den Hügeln.“ Vor dem Bundestag spielte er auf die Berliner Mauer an, um über die neue Mauer zwischen Freiheit und Unfreiheit zu reden. Ähnlich war es auch anderswo.
„Amboss oder Hammer sein“ – mit dieser Zeile hat Goethe uns was eingebrockt. So absolut, so unversöhnlich! Niemand kann auf Verhandlungen zwischen Amboss und Hammer hoffen. Und wehe dem, der dazwischengerät! Dem geht’s so richtig übel. Aber ist es nicht auch so, dass der Amboss ohne Schmiedehammer völlig nutzlos ist – und umgekehrt auch? Eine zutiefst philosophische Frage. Oder ganz kurz gesagt: Bang, Bang!
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