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Dringliche Frage an die Bildungssenatorin: Wo sind die Millionen hin, Frau Günther-Wünsch?

Eine an einer Neuköllner Schule tätige Lehrerin geht mit der Bildungssenatorin hart ins Gericht und fordert zudem hinsichtlich einer Spende Transparenz.

Ada M. Hipp
8 Min
Berlins Bildungs- und Familiensenatorin Katharina Günther-Wünsch

Berlins Bildungs- und Familiensenatorin Katharina Günther-Wünsch

© Annette Riedl/dpa

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Seit den Ankündigungen für einen dreitägigen Streik im Mai durch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Berlin (GEW) verging kaum ein Tag, ohne dass in den Medien zu lesen gewesen wäre, wie sehr Katharina Günther-Wünsch, die Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, das Vorgehen der GEW, auch an einem offiziellen Prüfungstag (Dienstag, 13. Mai) zum Streik aufzurufen, verurteile. Ja, warum auch nicht?

Ihre „Untergebenen“ scheint sie nicht sehr gut zu kennen bzw. nicht viel von ihnen zu halten. Komisch, war oder ist sie nicht eine von ihnen? Denn dann wüsste sie, dass keine einigermaßen an ihren Schülerinnen und Schülern interessierte, ihren Beruf ernst nehmende Lehrkraft es sich tatsächlich erlauben würde, ihre Schützlinge just am Prüfungstage „im Stich“ zu lassen und streiken zu gehen. Ich zumindest kenne eine solche Person nicht.

An unserer Schule liefen am ersten von drei Streiktagen die Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss und der Berufsbildungsreife im Fach Mathematik. Keinem von uns in den Prüfungen eingesetzten Lehrkräften fiel auch nur im Traum ein, an diesem Tage dieser Prüfung fernzubleiben.

Mit ihrer Beschwerde gegenüber der GEW suggeriert die Senatorin, dass wir dies ohne ihre öffentliche Verurteilung doch getan haben würden. Ich weise dies als eine Diffamierung unser aller entschieden zurück und erinnere sie daran, dass wir bei Dienstantritt einen Eid geschworen haben, der unter anderem beinhaltet, alles für die Bildung und Erziehung der uns Schutzbefohlenen zu tun und nicht unsere Arbeitskraft gegen sie einzusetzen.

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Schüler in einer Prüfung

Schüler in einer Prüfung

© Silas Stein/dpa

Gegeneinander statt Füreinander

Frau Günther-Wünsch trägt mit ihrer öffentlich angeführten Debatte das Thema Streik auf dem Rücken der Berliner Schülerschaft samt ihren Eltern aus und spielt Elternhaus und Schule gegeneinander aus.

Sie versucht, durch Verweis auf die vergangenen Ferien im April und die Feiertage im Mai das Bild nicht nur von einer schlecht organisierten GEW zu zeichnen, sondern auch das des verantwortungslosen Lehrers und der selbstsüchtigen Lehrerin.

Verantwortungslos dahingehend, dass der Kollege zum einen seine Schülerschaft bei den Prüfungen quasi „in der Luft hängen lasse“, zum anderen einfach (nur) für mehr Work-Health-Balance im Schulalltag auf die Straße gehe. Denn darum ging es unter anderem bei diesem Streik. „Verantwortungslos ist nicht unser Streik, sondern die Verweigerungshaltung der Bildungsverwaltung“, sagte Gökhan Akgün, der GEW-Landesvorsitzende.

Gökhan Akgün, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), steht in einem Raum in der Geschäftsstelle der GEW.

Gökhan Akgün, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), steht in einem Raum in der Geschäftsstelle der GEW.

© Stefan Kruse/dpa

Streiken nach getaner Arbeit?

Ich selbst streikte auch, nicht am Dienstag, dem Tag der Prüfungen. Ich streikte am Donnerstag ab der dritten Stunde, weil für die ersten beiden Stunden seit Wochen eine Klassenarbeit anstand. Was mir natürlich die Lacher des Kollegiums einbrachte: streiken nach getaner Arbeit.

Der eigenen Belegschaft also vorzuwerfen, sie würde verantwortungslos handeln, indem sie Unterrichtsausfall in Kauf nehme, weise ich strikt von mir. Ich hingegen werfe der Senatorin vor, die gesamte (angestellte) Berliner Lehrerschaft mit ihren Äußerungen an den Pranger zu stellen und damit deren Ansehen nicht nur stark zu trüben, sondern auch zu untergraben. Anstelle sich hinter ihre Belegschaft zu stellen, deren durchaus angebrachte Forderungen zu unterstützen und laut für sie einzustehen, schafft sie eine Distanz zwischen sich und „ihren“ Bediensteten. Als wären diese selbstsüchtig und pflichtvergessen.

Sie versucht, von den eigentlichen Themen (kleinere Klassen, Stärkung der Schulsozialarbeit, Verringerung der Arbeitsbelastung etc.) abzulenken und sich den Eltern anzubiedern, indem sie darauf verweist, dass Eltern sehen müssten, wo sie mit ihren Kindern während des Tages blieben.

Ich stimme ihr dahingehend sogar zu, dass sie den durch den Streik möglicherweise verursachten Unterrichtsausfall korrekt kritisierte. Doch könnte das womöglich öfter in den Schulen so aussehen, wenn Lehrerinnen, Erzieher sowie Sozialarbeiter reihenweise krankheitsbedingt ausfielen, weil der Senat sich nicht bereit zeigt, den berechtigten Forderungen nachzukommen.

Schüler im Unterricht

Schüler im Unterricht

© Uwe Ernst/imago

Berliner Lehrkräfte mit zwei Millionen Überstunden pro Jahr

„Wir streiken, weil wir nicht mehr anders können“, erklärten die GEW-Landesvorsitzenden Martina Regulin und Gökhan Akgün in einem Interview. Mit dem Warnstreik reagiere die GEW auf „anhaltende Ignoranz der Bildungsverwaltung“ im Hinblick auf die wachsende Arbeitsbelastung im Bildungsbereich. Laut einer von der Universität Göttingen durchgeführten Arbeitszeitstudie leisten die Berliner Lehrkräfte zwei Millionen Überstunden pro Jahr.

Wir streiken nicht für nichts, wir streiken nicht für unser privates Glück. Wir streiken für eine Work-Health-Balance, um den möglichst langen Erhalt unserer Arbeitskraft im Dienste unserer Schutzbefohlenen, im Dienste unseres Dienstherrn, dem Senat, zu gewährleisten.

Zu den Aufgaben einer Gewerkschaft gehört es, ihre Mitglieder erwartungsgemäß vor Unbill zu schützen und sie vor gesundheitlichen Schäden, hervorgerufen durch die Ausübung des Berufes, zu bewahren und dafür zu sorgen, dass deren Arbeitgeber dasselbe tun.

Die GEW ist nicht dumm. Ihr ist völlig klar, dass die Forderung nach kleineren Klassen reine Illusion ist, doch muss sie anscheinend immer noch und unentwegt daran erinnern, damit diese Forderung nicht in Vergessenheit gerät. Mehr Lehrkräfte kommen nicht aus dem Nichts, sie können nicht herbeigezaubert werden. Doch ist dies ein hausgemachtes Problem. Nicht die lange Jahre versäumte (?) Verbeamtung der Lehrkräfte ist daran schuld, sondern die nicht erfolgte Ausbildung des Nachwuchses.

Anfänglich konnte man sich in den 1990er- bzw. 2000er-Jahren noch im Ostteil der Stadt bedienen, wo Schulen reihenweise aufgrund des massiven Geburtenrückgangs schlossen und Lehrkräfte „frei“ wurden. Mit der Wende holte man sich neben der D-Mark auch soziale Unsicherheit und Massenarbeitslosigkeit ins Haus, beides nicht eben Empfehlungen für Familiennachwuchs.

Mit dem Istzustand begnügt

Auch ich wurde im Jahre 2004 in den Westteil der Stadt versetzt. Hingewollt habe ich dort nicht. Ich habe es mir nicht ausgesucht, letztlich an einer sogenannten Brennpunktschule zu „landen“. Ein Bericht einer ehemaligen Kollegin, die nach ihrem Referendariat an die damalige Rütli-Schule verwiesen wurde, reichte mir. Er bestärkte mich nicht in dem Drang, Derartiges unbedingt selbst erleben zu wollen.

Man bediente sich im Osten, weil im Westen Lehrkräfte gehäuft in Pension gingen. Schon damals wurde zwar die fehlende Ausbildung von Lehrpersonal festgestellt und bemängelt. Doch anstatt dafür zu sorgen, das drängende Thema einer Nachwuchsförderung anzugehen, begnügte man sich mit einem momentanen Istzustand, der die Lösung des Problems künftigen Personalmangels lediglich vorgaukelte.

Nun stehen wir vor dem Dilemma. Es fehlen flächendeckend pädagogisch gut ausgebildete Fachkräfte. Aus Verzweiflung wirbt man Quer- und Nebeneinsteiger an, um kurzfristig und schnell neues Personal „an Land zu ziehen“.

In unseren Lehrerzimmern gibt es weiterhin große Gehaltsunterschiede zwischen verbeamteten und angestellten Lehrkräften, zwischen Quer- und Nebeneinsteigern. Bei gleicher Arbeit, wohlgemerkt. Da sitzen Ungerechtigkeit und Ungleichheit mit am Tisch, nicht eben ein Motivationsschub für Nachwuchs.

Ein Lehrer im Unterricht

Ein Lehrer im Unterricht

© Lando Hass/dpa

Lottomillionen für freie Fahrt und freies Schulessen

Kurz vor dem Weihnachtsfest erhielt unsere Senatorin 7,5 Millionen Euro von der Berliner Lottostiftung für die Bildung. Der neue Koalitionsvertrag, der auch von ihrer Partei mitverhandelt und beschlossen wurde, verspricht uns mehr Transparenz. Hier wäre nun die Gelegenheit, dies umzusetzen: Wofür wird dieses Geld konkret ausgegeben?

Vielleicht sollte es in den Fortbestand des Schülertickets eingehen. Denn das scheint der neuste „Einsparclou“ der Senatorin zu sein, 58 Millionen Euro würden dadurch gespart. Ebenso kam sie jüngst erneut auf die glorreiche Idee, das mühsam erkämpfte kostenfreie Mittagessen für die Berliner Schülerschaft rückgängig zu machen. So zumindest war es am 23. Mai in den Medien zu lesen. Ihr Argument: Nicht alle Eltern bräuchten diese beiden kostenfreien Angebote, einige würden genug Geld verdienen, um dies selbst zu finanzieren.

Stimmt, darum jedoch sollte es nicht gehen, sondern darum, ein Signal für alle Schülerinnen und Schüler zu setzen. Weg vom Unterschied zwischen privilegierten Kindern und denen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind; weg von der Zweiklassengesellschaft auf dem Schulhof. Wollen wir eine Schule für alle, müssen wir auch alle gleich behandeln.

Am 28. April schrieb Frau Günther-Wünsch in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel, dass „diese Ausgaben auf Kosten der Qualität gehen“. Gemeint sei die Qualität der Bildung. Ebenso vermischte sie dort das kostenfreie Mittagessen sowie Schülerticket mit den Ausgaben für Schulneubauten und Kürzungen bei Personalkosten. Wörtlich heißt es dazu: „(…) während gleichzeitig Lehrerstellen gestrichen werden“. Da fragt sich der Durchschnittsbürger, welche Lehrerstellen bei dem pädagogischen Fachkräftemangel gestrichen werden würden.

Schauen wir nach Hamburg, so können Schüler dort seit dem 1. September 2024 den öffentlichen Nahverkehr kostenlos nutzen, durch das Deutschlandticket sogar deutschlandweit. Möchte man kein „Kostenlos für alle“, muss man sich etwas anderes „für alle“ überlegen. Dies kann gelingen, indem langfristig Prioritäten zugunsten der Bildung verschoben werden. Bildung muss man wollen!

Ada M. Hipp, Jahrgang 1968, lebt mit ihrer Familie in Berlin. Seit 1992 ist sie im Berliner Schuldienst tätig. 

Transparenzhinweis: Die Autorin verwendet ein Pseudonym, der wahre Name ist der Redaktion bekannt.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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