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Srebrenica – 30 Jahre nach dem Genozid: Ein Ort, um den sich niemand kümmern mag

Wie lebt es sich in der Stadt, die im Juli 1995 Schauplatz eines Völkermordes wurde? Die Antwort wirft kein gutes Licht auf die bosniakischen Politiker.

Erdin Kadunić
7 Min
Gräber an der Völkermord-Gedenkstätte in Potocari bei Srebrenica

Gräber an der Völkermord-Gedenkstätte in Potocari bei Srebrenica

© Armin Durgut/imago

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Am 11. Juli 2025 jährt sich zum dreißigsten Mal der Völkermord von Srebrenica – eines der dunkelsten Kapitel europäischer Nachkriegsgeschichte. Ein Tag des Innehaltens, der Trauer und des Gedenkens. Doch jenseits der alljährlichen Zeremonien stellt sich eine drängende Frage: Wie lebt es sich heute in Srebrenica – einem Ort, der die schwerste moralische Last Bosniens trägt, wirtschaftlich jedoch kaum überlebt?

Srebrenica steht einmal im Jahr im Rampenlicht. Internationale Delegationen reisen an, Politiker halten Ansprachen, Medien berichten weltweit. Doch schon wenige Tage nach dem 11. Juli kehrt Stille ein – nicht nur symbolisch, sondern auch wirtschaftlich.

Isolation als Dauerzustand

Viele bosniakische Politiker besuchen die Stadt einmal im Jahr – mit ernsten Gesichtern, großen Worten und Kranzniederlegungen. In den übrigen elf Monaten aber: Funkstille. Keine konkreten Projekte, keine langfristigen Maßnahmen, kein politischer Wille zur wirtschaftlichen Wiederbelebung.

Straße in Srebrenica

Straße in Srebrenica

© Dreamstime/imago

Srebrenica ist infrastrukturell abgehängt. Es gibt keine Schnellstraße in die Stadt, keine Bahnverbindung, keinen logistischen Knotenpunkt. Die Fahrt nach Sarajevo dauert rund drei Stunden – lang genug, um wirtschaftliche Teilhabe zu erschweren und Handel unattraktiv zu machen.

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Für lokale Bauern bedeutet das: Ihre Waren erreichen keine Märkte. Transport ist teuer, mühsam und oft unrentabel. Währenddessen hat sich das wirtschaftliche Zentrum der Region in das nur zehn Kilometer entfernte Bratunac verlagert – mit besserer Infrastruktur und politischer Unterstützung durch die Republika Srpska.

Von der Industriehochburg zur Geisterstadt

Kaum vorstellbar: Vor dem Krieg galt Srebrenica als eine der wirtschaftlich stärksten Gemeinden Bosniens. Ein Drittel der Bevölkerung war fest angestellt, zusätzlich lebte man von der Landwirtschaft. In den Achtzigerjahren florierten Fabriken: eine Akkumulatorenfabrik, ein Metallbetrieb, ein Zink- und Bleibergwerk. In Potočari – heute als Ort des Gedenkens bekannt – befand sich ein florierendes Industriegebiet.

Auch der Kurort Guber, berühmt für seine heilenden Quellen, zog Gäste aus ganz Jugoslawien an. Heute fließt das wertvolle Wasser in die Kanalisation. Die Privatisierung scheiterte an politischem Streit und fehlender Investorenbereitschaft. Eine der wenigen echten Chancen auf wirtschaftliche Erneuerung wurde vertan.

2015 wurde in Srebrenica eine große Investitionskonferenz abgehalten. Politiker und Unternehmer kündigten Projekte an – von Fabriken über Tourismus bis zur Infrastruktur. Übrig geblieben ist wenig. Keine bedeutende Produktionsstätte wurde eröffnet.

Dabei hätte Srebrenica wirtschaftliches Potenzial: Bosnien ist bekannt für hochwertige Lebensmittel, Fleischwaren und Naturprodukte. Doch aus Srebrenica kommt kein Produkt, das heute auf einem bosnischen Esstisch landet. Keine Marke, kein Wiedererkennungswert – und somit auch keine wirtschaftliche Identität.

Blick auf Srebrenica

Blick auf Srebrenica

© Thomas Brey/dpa

Ein Lichtblick schien sich im Jahr 2005 aufzutun, als das slowenische Unternehmen CIMOS in Srebrenica eine Autoteilefabrik im Wert von einer Million Euro eröffnete. Die Halle mit rund 1300 Quadratmetern Fläche sollte zunächst 25, später bis zu 200 Menschen beschäftigen. CIMOS-Chef Franc Krašovec betonte damals, dass es nicht um Profit gehe, sondern darum, ein Zeichen zu setzen und andere Investoren zu ermutigen.

Doch aus dem Versuch wurde nichts. Einige Jahre später verkaufte CIMOS die Anlage an das bosnische Unternehmen Prevent – bekannt durch seine Nähe zur Autozulieferindustrie. Doch die Produktion kam nie richtig in Gang, Arbeitsplätze gingen verloren, das Projekt versandete. Am Ende blieb von der anfänglichen Hoffnung nichts übrig – wie so oft in Srebrenica.

Politisches Versagen auf allen Ebenen

Viele Jahre lang schob die bosniakische Politik die Verantwortung auf die Entitätsregierung der Republika Srpska – und insbesondere auf Milorad Dodik. Seine Blockaden sind real. Doch das entschuldigt nicht, dass es nie einen ernsthaften, eigenständigen Plan für den wirtschaftlichen Wiederaufbau gab.

Ein „Marschallplan für Srebrenica“ wurde nie entwickelt. Kein Investitionsfonds, keine steuerlichen Anreize, keine strukturierte Förderung für Rückkehrer. Kein einziger prominenter bosnischer Politiker hat – außerhalb des 11. Juli – öffentlich gemacht, dass er mit seiner Familie Srebrenica besucht, lokal konsumiert, finanziell unterstützt oder auch nur symbolisch Präsenz gezeigt hätte. Kein Facebook-Post, kein Foto aus einem Café in der Stadt, kein Aufruf zum Tourismus. Die Abwesenheit beginnt bei der Infrastruktur – und endet bei der Haltung.

Parteitreue, politische Deals, Stillstand

Auch die in Srebrenica gewählten Bürgermeister der letzten Jahrzehnte haben sich kaum mit Ruhm bekleckert. Das Amt gilt als prestigeträchtig, gut für die politische Karriere – doch echte Umsetzungskraft, langfristige Planung oder mutige Vorhaben? Fehlanzeige. Viel Symbolik, wenig Substanz.

Beerdigung neu identifizierter Opfer des Massakers von Srebrenica auf dem Friedhof in Potocari während des 29. Jahrestages des Massakers

Beerdigung neu identifizierter Opfer des Massakers von Srebrenica auf dem Friedhof in Potocari während des 29. Jahrestages des Massakers

© Armin Durgut/imago

Und das ist kein Einzelfall. Die bosnische Politik insgesamt leidet unter einem eklatanten Mangel an Evaluation und Rechenschaft. Es gibt keine messbaren Standards, keine systematische Bewertung, keine Öffentlichkeit, die fragt: Wer kann wirklich etwas bewegen? Wer bringt Resultate? Stattdessen: Parteitreue, politische Deals, Stillstand.

Nicht zuletzt haben auch viele sogenannte „muslimische Bruderstaaten“ enttäuscht. In ihren Heimatländern wird Srebrenica oft pathetisch zum Symbol erhoben, doch in der Praxis bleiben Investitionen, Aufbauprojekte oder wirtschaftliche Impulse aus. Große Worte – kleine Wirkung.

Admir Čavalić, Abgeordneter im Parlament der Föderation Bosnien und Herzegowinas, sieht den wirtschaftlichen Zustand Srebrenicas als Symptom eines tiefgreifenden strukturellen Versagens: „Das zentrale Problem ist der massive Wegzug junger, arbeitsfähiger Menschen. Srebrenica ist nicht nur arm an Infrastruktur, sondern auch an Zukunftsperspektiven.“ Versprechen und Gedenkreden reichten nicht mehr aus – nur konkrete Maßnahmen können Vertrauen schaffen.

Čavalić fordert daher ein strukturiertes und langfristiges Entwicklungskonzept. Sein Vorschlag: ein Entwicklungsfonds für Srebrenica, getragen von Entitätsregierungen, internationalen Partnern und der lokalen Verwaltung, ergänzt durch besondere Steuererleichterungen, eine funktionierende Infrastruktur und gezielte Anreize für junge Unternehmer und Unternehmerinnen.

Fördermittel fehlinvestiert

Ein weiteres Kernproblem: der Missbrauch und die Intransparenz der bisherigen Hilfsgelder. Jahrzehntelang seien Fördermittel ohne Kontrolle verteilt worden, Koordination habe gefehlt, das Vertrauen in die Institutionen sei verloren gegangen.

Auch die Rolle der Diaspora müsse neu gedacht werden, sagt Čavalić. Und: „Sie hilft derzeit vor allem mit sozialen Überweisungen. Doch wir brauchen Investitionen. Projekte. Unternehmerische Initiativen. Kampagnen wie Invest in Srebrenica könnten genau das anstoßen.“

Für ihn ist klar: Die wirtschaftliche Zukunft Srebrenicas steht und fällt mit Transparenz, Beteiligung und Integrität. Wenn man sich Srebrenica im Jahr 2030 vorstelle, müssten drei Dinge sichtbar sein: „Transparente Strukturen, echte politische Transformationsbereitschaft – und Menschen, die bleiben. Denn ohne Menschen, ohne Vision, ohne Energie für Veränderungen gibt es keinen Fortschritt.“

Ein leerstehendes Haus in Srebrenica

Ein leerstehendes Haus in Srebrenica

© Dreamstime/imago

Besucher müssen in Nachbarorten übernachten

Wer Srebrenica heute besucht, sucht vergeblich nach den grundlegenden Einrichtungen, die einen Ort lebensfähig und gastfreundlich machen. Es fehlt an jedem Anreiz, länger zu verweilen: keine gastronomische Szene, kein Ort zum Innehalten außerhalb der Gedenkstätte, keine Hotels. Besucher müssen in Nachbarorten übernachten – auch viele der internationalen Delegationen, die am 11. Juli zur Gedenkzeremonie anreisen, verlassen die Stadt noch am selben Tag.

Selbst in den Sommermonaten, wenn die bosnische Diaspora ins Land zurückkehrt, ist von wirtschaftlicher Belebung kaum etwas zu spüren. Der Ort wirkt leer, leblos – als hätte man ihn seinem Schicksal überlassen.

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Hier und da besuchen Schulklassen aus der Föderation den Ort, meist im Rahmen von Bildungsfahrten nach Potočari, um Geschichte hautnah zu erleben. Doch es überrascht kaum, dass Schulklassen aus der Republika Srpska in Srebrenica praktisch nie anzutreffen sind. Das kollektive Erinnern ist in Bosnien politisch geteilt – und Srebrenica bleibt der blinde Fleck in der serbisch-nationalen Geschichtsschreibung.

Erdin Kadunić ist Deutsch-Bosnier, Diplom-Politologe und dreifacher Familienvater. Er studierte an der Freien Universität Berlin und lebte anschließend acht Jahre lang in Bosnien, wo er unter anderem als Pressereferent an der Deutschen Botschaft in Sarajewo tätig war. Heute lebt er in Düsseldorf und arbeitet als Dolmetscher und Übersetzer für Bosnisch, Kroatisch und Serbisch. Auf seinem TikTok-Kanal „Balkandolmetscher“ und in seinem neuen E-Book „Život u Njemačkoj – kratko i jasno objašnjeno“ erklärt er Neuankömmlingen aus dem Balkan das Leben in Deutschland.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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