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„Fördern und Fordern“ – mit diesem Motto startete die neue Thüringer Regierung aus CDU, SPD und BSW Anfang des Jahres in die Bildungspolitik. Das Ziel: Thüringen soll führendes Bildungsland in Deutschland werden, sein Bildungssystem vergleichbarer und effizienter.
Gerät der Status quo in den Rankings in Gefahr, richtet sich der Verdacht schnell gegen eine „respektlose Jugend“ und die „Kuschelpädagogik“ der letzten Jahrzehnte. „Wie ist er denn mit Blick auf Anstand und Respekt?“ – darüber sollen die Kopfnoten laut Bildungsminister Christian Tischner in der MDR-Sendung „Fakt ist! Aus Erfurt“ Auskunft geben. Viele Thüringer erinnert das an das DDR-Quartett „Mitarbeit, Fleiß, Ordnung und Betragen“; die meisten sprechen sich für die Wiedereinführung von Mitarbeits- und Verhaltensnoten aus. Auch im Ländervergleich sind Kopfnoten in der Grundschule nichts Ungewöhnliches.
Dennoch gibt es heftige Kritik. Insbesondere die Thüringer Gemeinschaftsschulen sehen ihr Kernanliegen bedroht: individuelles Lernen ohne Notendruck. Zwei Fronten stehen sich gegenüber: „Man kann nicht früh genug anfangen, um späteren Defiziten vorzubeugen“, und „Lasst die Kinder Kinder sein“.
Thüringens Bildungsminister Christian Tischner (CDU)
© Christian Fischer/imago
Mittlerweile steht fest: Mit dem neuen Schuljahr im August 2025 wird es Kopfnoten ab Klasse drei geben. In den vier Stufen „sehr gut“, „gut“, „befriedigend“ und „nicht befriedigend“ sollen Lehrkräfte die Mitarbeit und das Verhalten ihrer Schüler bewerten, gestützt durch ein Kriterienmodell. Gemeinschaftsschulen können per Schulkonferenzbeschluss bei der differenzierten Leistungseinschätzung in Textform bleiben.
Die Verantwortung trägt das Individuum
Die Wogen scheinen geglättet, doch der gesellschaftspolitische Trend bleibt: Strukturelle Probleme sollen auf individueller Ebene gelöst werden. Zur Behebung sinkender Schülerleistungen und Abschlussqualitäten wird beim Leistungsverhalten des einzelnen Kindes angesetzt.
Diese Verschiebung der Verantwortung auf das Individuum ist jedoch auch in den modernen Bildungs- und Erziehungspraktiken verankert. Dies rührt von der Herausforderung her, störungsarmen Unterricht und Leistungsorientierung – sprich Fleiß und Disziplin – zu gewährleisten, ohne auf alte autoritäre Machtmittel zurückzugreifen.
Die Lösung des Disziplin-Problems: Schülerinnen und Schüler sollen eigenständig und mit Freude an der Verbesserung ihrer Leistungen arbeiten. Diesen Ansatz verfolgt insbesondere die „neue Lernkultur“ durch zum Beispiel projektbasiertes Lernen und individuelle Leistungsbewertung. Die konventionelle Pädagogik ist noch stärker von Frontalunterricht und standardisierten Leistungsbewertungen geprägt, doch auch hier nehmen Methoden zur Aktivierung des Individuums zu.
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Die subtile Macht der „neuen Lernkultur“
Beide Ansätze bewegen Schülerinnen und Schüler zur Leistungsorientierung. In der „neuen Lernkultur“ erfolgt die Verhaltenssteuerung jedoch indirekter und defensiver. Sie setzt auf Einsicht, Kooperation und reflexive Selbstverbesserung. Wohlwollende Entwicklungsberichte sollen das „Selbstwertgefühl“ des Kindes schützen und seine intrinsische Motivation erhalten. Ihre positive Sprache („Das kannst du schon gut, hier brauchst du noch Hilfe, wir arbeiten daran“) übt jedoch einen subtileren Anpassungsdruck aus als harte Zensur. Sie lässt wenig Raum, um gegen Leistungsdruck und die Macht des Lehrers zu protestieren – schlechte Noten kann man leichter von sich weisen und die Schuld dem Lehrer zuschieben.
Schulunterricht mit einem interaktiven Whiteboard
© Rainer Weisflog/imago
Die sanfte Bewertung schützt aber nicht primär die Schülerinnen und Schüler, sondern vielmehr die Lehrkräfte selbst vor Kritik und Gegenwehr. Daher ist Wohlwollen bei der Bewertung auch in der konventionellen Pädagogik verbreitet: Für gute Noten muss man sich als Lehrkraft nicht rechtfertigen. Wer hingegen ab Note drei keine stichhaltigen Argumente vorweisen kann, gerät in Erklärungsnot. Die verbalen Leistungseinschätzungen gehen von vornherein auf Nummer sicher.
Das Paradox der Selbstregulation
Lehrkräfte befinden sich in der paradoxen Situation, Lust auf Lernen zu wecken, es aber auch unmittelbar einzufordern und zu bewerten. Um Lernfrust vorzubeugen und die eigenständige Arbeit an Lernfortschritten zu fördern, werden Lob und Anerkennung bei Bewertungen bevorzugt. Umso öfter, umso besser, denn selbstreguliertes Lernen ist fundamental auf fortwährendes Feedback und Reflexion angewiesen.
Die Idee: Der Schüler pendelt sein Verhalten freiwillig und ohne Druck auf das Soll-Niveau eines guten Arbeits- und Sozialverhaltens ein. Über Ist- und Soll-Zustand sowie den Weg dorthin geben Rückmeldungen Aufschluss. Mit der Zeit sollen Einschätzung und Verhaltensmodifikation zunehmend selbstständig erfolgen: Der Schüler reguliert sich selbst. Das klingt nach wahrer Leistungsorientierung und intrinsischer Selbstdisziplin. Doch der erste Eindruck trügt.
Belohnung und Bestrafung: Zwei Seiten derselben Medaille
Die „neue Lernkultur“ setzt auf Verständnis statt Verdacht, auf Ressourcen- statt Defizitorientierung, auf Prävention statt Reaktion. Lob und Anerkennung haben schlechte Bewertung und Strafe ersetzt.
Doch dabei gerät leicht aus dem Blick, dass Belohnen und Bestrafen zwei Seiten derselben Medaille sind. Ob positives Verhalten gelobt oder unerwünschtes Verhalten sanktioniert wird, ob Ampelsystem oder Verhaltensnoten: Solche Feedbacksysteme belohnen positives und tadeln negatives Verhalten – mal mehr, mal weniger direkt.
Beiden Ansätzen geht es vordergründig um das Selbstwertgefühl der Schülerinnen und Schüler. Sie sollen zu eigenständigen und selbstbewussten Persönlichkeiten werden und dafür Orientierung erhalten: entweder durch harte Zensur und Zurechtweisung oder durch sanfte Ermutigung und Wertschätzung.
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Doch in beiden Fällen wird nicht Eigenständigkeit gefördert, sondern werden Schülerinnen und Schüler in Abhängigkeitsverhältnisse gebracht. Denn ihr Selbstwertgefühl und ihre vermeintliche Eigeninitiative gründen auf der Beurteilung durch andere.
Eine Schülerin ist beispielsweise nur dann engagiert, wenn Aussicht auf Lob oder die Gefahr einer Strafe besteht. Verhaltenssteuerung durch positive oder negative Verstärkung fördert nicht die Selbstständigkeit des Schülers, sondern sein Streben, dem Lehrer zu gefallen und eine besondere Position zu erringen. Sie fördert kompetitives und selbstbezogenes Verhalten, macht abhängig von Erfolg und führt bei Misserfolgen zu Minderwertigkeitsgefühlen.
Manch einen mag die Wiedereinführung der Kopfnoten an „Mitarbeit, Fleiß, Ordnung und Betragen“ in der DDR erinnern.
© Seeliger/imago
Das Wohlwollen in der heutigen Feedbackkultur konnte die Angst vor schlechten Noten abbauen, hat aber die Angst vor kritischen Urteilen gestärkt. Denn ein negatives Urteil bedeutet heute für viele: Man hat es nicht geschafft, seine Fehler eigenständig zu erkennen und zu beheben. Daher wird Kritik nur sparsam und mit großer Vorsicht formuliert. Man ist großzügig mit Lob und Bestätigung, da dies zur Basis vermeintlichen Muts und vermeintlicher Selbstsicherheit geworden ist.
Was wir wirklich brauchen, sind furchtlose Gegenüber
Die Schwierigkeit besteht darin, dass auch Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern ihr Verhalten über Anerkennung und Vermeiden von Kritik „regulieren“. Da sie sich selbst – zum Teil systembedingt – in einem Zustand der Abhängigkeit und Anpassung befinden, haben sie insgeheim Angst vor der wirklichen Selbstständigkeit und Willensfreiheit der heranwachsenden Generation, die auch gegen ihre Wünsche gerichtet sein könnten. Ein Lehrer vermeidet es zum Beispiel, unangenehme Wahrheiten offen auszusprechen, um die „positive Lernatmosphäre“ nicht zu stören.
Die Angst vor Widerstand und brenzligen Situationen ist nicht neu. Doch gerade in Zeiten steigenden Anpassungs- und Vergleichsdrucks brauchen wir nicht noch raffiniertere Methoden zur Verhaltenssteuerung. Nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch Eltern und Lehrkräfte brauchen furchtlose Gegenüber: Gegenüber, die einander ernst nehmen und unbequeme Wahrheiten zumuten; die sich, weil sie an der Entwicklung des anderen ernsthaft interessiert sind, nicht mit Erfolgsrezepten für oberflächliche Harmonie zufriedengeben.
Aliena Kempf studiert Bildung – Kultur – Anthropologie in Jena, unterrichtet nebenbei Deutsch als Zweitsprache und schreibt für das studentische Kulturmagazin „unique“. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie kulturelle „Wahrheiten“ unser Denken, Fühlen und Handeln prägen.
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