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Sommer 1936 – das nationalsozialistische Regime hatte sein Ziel erreicht: ie XI. Olympischen Sommerspiele fanden in der Reichshauptstadt statt. Am 13. Mai 1931 hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Spiele nach Berlin vergeben. Schon 1928 waren Vorbereitungen für die Durchführung Olympischer Spiele getroffen worden. Damals hatte man am alten Deutschen Stadion festhalten wollen. Adolf Hitler indes verfügte dessen Abriss und den Bau neuer Anlagen. Der Architekt Werner March skizzierte seinen Auftrag folgendermaßen:
„Für die verfügbare große Fläche stellte er ein Programm auf, das durch die Vereinigung der Kampfstätten aller Sportarten mit der Hochschule für Leibesübungen hier das Sportzentrum Deutschlands entstehen läßt. Die Einbeziehung eines großen Aufmarschgeländes für 150.000 Menschen und 60.000 Zuschauer und einer Freilichtbühne für Theater- und Musikvorführungen vor 35.000 Zuschauern macht diesen neuen Bezirk gleichzeitig zu der Feststätte der Reichshauptstadt, auf der in den verschiedenen Anlagen 500.000 Menschen versammelt werden können.“
Das Osttor des Olympiastadions am Nachmittag des 1. August 1936
© TopFoto/imago
Nur die Sowjetunion blieb bei ihrer Haltung
Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten gab es innerhalb des Internationalen Olympischen Komitees, vor allem durch die USA, die die Spiele 1932 ausgerichtet hatten, Bedenken gegen eine deutsche Bewerbung. Im Sommer 1933 wurde die NS-Regierung aufgefordert, eine Erklärung abzugeben, dass die Spiele allen „Rassen und Konfessionen“ offen stünden.
Insbesondere die Verabschiedung der „Nürnberger Rassengesetze“ vom September 1935 hatte die Boykottbewegung nochmals gestärkt. Dennoch entschied sich die nordamerikanische „Amateur Athletic Union“ zusammen mit anderen Staaten im Dezember 1935 wie Frankreich gegen einen Boykott der Spiele; nur die Sowjetunion blieb bei ihrer Haltung, ihre Athleten nicht teilnehmen zu lassen.
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Verantwortlicher Generalsekretär für die Organisation der Spiele war der bedeutendste Sportfunktionär der Zeit, Carl Diem, der im Jahr 1887 als Fünfjähriger mit seiner Familie von seinem Geburtsort Würzburg nach Berlin gezogen war. Nach Abbruch der gymnasialen Ausbildung nahm er noch eine kaufmännische Ausbildung auf, die ihn aber nicht befriedigte, sodass er sich 1904 als Freiwilliger für ein Jahr zum Militär meldete.
Da er nicht als Berufssoldat übernommen wurde, widmete er sich fortan ganz dem Sport. So gründete er 1899 den Sportverein Marcomannia Berlin. Im Jahre 1908 wurde er 1. Vorsitzender des „Berliner Sport Clubs von 1895“ und hatte diese Funktion bis zum Jahre 1922 inne. Unter seiner Führung wuchs der Club auf 2000 Mitglieder an. Trainingsstätte war seit 1909 der Sportplatz Kurfürstendamm/Cicerostraße, die Geschäftsstelle befand sich am Kurfürstendamm.
Carl Diem
© imago
Erfinder des Fackellaufs
Der umtriebige Diem begründete 1912 das „Deutsche Sportabzeichen“. 1920 fanden auf sein Bestreben hin die ersten „Reichsjugendwettkämpfe“ statt, in deren Nachfolge die Bundesjugendspiele stehen. Nach dem Ersten Weltkrieg propagierte Diem den „Sport als Wehrersatz“, da der Vertrag von Versailles ein Verbot der Wehrpflicht zur Folge hatte. Als Generalsekretär des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 1936 war er maßgeblich an deren Planung und Durchführung beteiligt.
Der Olympische Fackellauf von einem Hain des antiken Olympia in Griechenland zur Austragungsstätte der Spiele war von ihm zusammen mit Theodor Lewald initiiert worden. Diese Tradition wird bis heute gepflegt. Lewald hatte 1919 den Vorsitz des deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen übernommen und seitdem zielstrebig auf die Ausführung der Olympischen Spiele hingearbeitet.
Diem hatte auch Einfluss auf die Planungen zum Berliner Olympiagelände. Die Langemarckhalle als Weihestätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs ging auf ihn zurück. Bei der Einweihung ließ er blutgetränkte Erde vom Schlachtfeld in Langemarck in einem Schrein der Halle versenken. Von 1936 bis 1945 leitete er das Internationale Olympische Institut (IOI) in Berlin.
In dieser Zeit veröffentlichte er auch in nationalsozialistischen Publikationen wie der Wochenzeitung „Das Reich“. Im „Reichssportblatt“ vom 25. Juni 1940 rühmte er den „Siegeslauf durch Frankreich“. Noch im Jahre 1939 war Carl Diem Ehrenvorsitzender des Berliner Sport Clubs. Nach dem Zweiten Weltkrieg gereichte es Diem zum Vorteil, dass er nie in die NSDAP eingetreten war. So wurde er 1947 Rektor der von ihm gegründeten Deutschen Sporthochschule in Köln, 1956 bekam er vom IOC den Olympischen Orden verliehen.
Frauen bei einer Übung wahrend der Werbewoche des Frauenausschusses im Reichsbund für Leibesübungen
© TT/imago
Auch der Reichsbund für Leibesübungen funktioniert nach dem Führerprinzip
Mit der Berufung von Hans von Tschammer und Osten am 19. Juli 1933 zum Reichssportführer wurde der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen gegründet, der eine Neuorganisation der Sportverbände in Deutschland vornahm. Der Reichsbund für Leibesübungen funktionierte nun nach dem Führerprinzip und war in Fachausschüsse für einzelne Sportarten gegliedert.
An die Stelle der historisch gewachsenen Verbandsgebiete traten Gebietskörperschaften, in denen ein Sportführer einem politischen Spitzenbeamten gegenüber stand. Die Gliederung der Gebiete erfolgte analog der Einteilung des Deutschen Reichs in Gaue. Durch die Auflösung der Vorgängerorganisation, dem Deutschen Ausschuss für Leibesübungen, konnte sichergestellt werden, dass die dort vertretenen bürgerlichen Vereine gleichgeschaltet wurden. Der SPD-nahe Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) sowie alle kommunistisch und kirchlich ausgerichteten Sportvereine wurden verboten.
Die Arbeitersportvereine kannten keinen Konkurrenzkampf, den sie als kapitalistisch verurteilten, und verzichteten somit auf Siegprämien. Dies stand natürlich im krassen Gegensatz zur Ideologie der Nationalsozialisten. Das Reichssportblatt, das amtliche Organ des Reichssportführers, wurde zum Sprachrohr für die Neuorganisierung des Sports durch die Nationalsozialisten. Insbesondere in Hinblick auf die Olympischen Spiele 1936 sollte gewährleistet sein, dass nicht nur die Organisation gelingt, sondern auch die deutschen Teilnehmer Medaillen erringen.
Der Reitsport als Garant für den Erfolg
Eine Art Generalprobe für die Olympischen Spiele waren die „Deutschen Kampfspiele 1934“. Sie fanden vom 22. bis 29. Juli 1934 in Nürnberg statt und zeitigten erste gute Ergebnisse für das Deutsche Reich. Dabei war der Reitsport ein Garant für den Erfolg.
Im Reichssportblatt vom 18. Februar 1934 wurde unter der Überschrift „Deutsche Reiter – deutsche Siege“ eine Bresche für den bis dahin als elitär verschrienen Sport geschlagen: „Es ist noch gar nicht so lange her, da galt der Reitsport als etwas ganz ‚Exklusives‘, als eine Sache der ‚oberen Zehntausend‘, und reitsportliche Veranstaltungen fanden sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Anteilnahme, die unzählige Volksgenossen an dem Rennsport nahmen, basierte ja auf einem rein materiellen Untergrund, der Wettleidenschaft. Ein Wandel trat darin erst nach dem Kriege ein, merkwürdigerweise zu einer Zeit, da die Technik den Ton angab und man eigentlich hätte erwarten müssen, dass das Auto und das Flugzeug dem Reitsport endgültig den Garaus machen würden. Aber gerade das Gegenteil trat ein. Durch die Gründung der ländlichen Reit- und Fahrvereine ist auch auf dem flachen Lande wieder das Interesse für das edle Pferd und dem Sport auf ihm geweckt worden. Weiter haben SA, SS und StH das Reiten in ihren Dienstplan aufgenommen, und so ist die Gewähr geboten dafür, dass die reiterliche Kunst eine Pflegestätte in unserem Vaterlande findet.“
Ein Oberleutnant der Wehrmacht beim Training der Dressur
© Schirner Sportfoto/imago
In jedem Boot saß ein SS- oder SA-Mann
So gelang es, den eigentlich nur einer vermögenden Minderheit zugänglichen Sport – das einfache Volk hatte lediglich die Wettbüros besucht – durch Einbindung in nationalsozialistische Organisationen auch dem Volk die Möglichkeit zu geben, Reitsport zu betreiben. War Deutschland bei den Spielen in Los Angeles 1932 noch auf dem neunten Platz des Medaillenspiegels gelandet, so waren die Ambitionen für 1936 natürlich deutlich größer.
Im ganzen Deutschen Reich trainierten Sportler auf dieses Ereignis hin. Dabei war die Verbindung zu Militär und zur SA und SS von Bedeutung. Bei den Ruderern z.B. saß in jedem Boot ein SA- oder ein SS-Mann. So ist es nicht verwunderlich, dass im Medaillenspiegel von 1936 schließlich das Deutsche Reich mit 89 Medaillen vor den USA mit 56 als deutlicher Sieger aus den Wettkämpfen hervorgehen sollte.
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Jüdische Athleten durften dabei keine Rolle spielen. Prominentes Beispiel jüdischer deutscher Athleten, die von den Wettkämpfen ausgeschlossen wurden, war die Hochspringerin Gretel Bergmann.
Avery Brundage, der Vorsitzende des Nationalen Olympischen Komitees, hatte darauf hingewirkt, daß zwei jüdische Sprinter kurzfristig aus der 4-mal-100-Meter-Staffel genommen wurden. Hingegen nominierten die USA, bei denen strikte Rassentrennung und Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung herrschte, für Sprint und Hochsprung der Männer afroamerikanische Athleten.
Deutsche Athleten waren besonders erfolgreich im Turnen, Dressurreiten und Rudern. In der Leichtathletik war, sehr zum Missfallen der Nationalsozialisten, ein Afroamerikaner gleichwohl der erfolgreichste Athlet: Jesse Owens. Mit vier Goldmedaillen im 100-Meter-Lauf, 200-Meter-Lauf, Weitsprung und in der 4-Mal-100 Meter-Staffel war er der Star der Spiele. Beim Weitsprung lieferte er sich ein episches Duell mit dem Deutschen Luz Long. Mit 7,87 Metern legte Long vor, wurde aber von Owens mit 8,06 Metern, die einen olympischen Rekord bedeuteten, überboten. Im 100-Meter-Lauf stellte Owens mit 10,3 Sekunden und im 200-Meter-Lauf mit 20,7 Sekunden ebenfalls einen olympischen Rekord auf.
Jesse Owens im Berliner Olympiastadion
© United Archives International/imago
Das erste Großereignis, das live im Rundfunk übertragen wurde
Die nationalsozialistische Propaganda lief auf vollen Touren. Die Ost-West-Achse war mit Hakenkreuzfahnen geschmückt, die ganze Stadt sollte widerspiegeln, was das „Fest der Völker“ genannt wurde. Es war das erste Großereignis, das live im Rundfunk übertragen wurde. Eine Stimme im Äther gehörte Horst Slesina, der im Zweiten Weltkrieg Kriegsberichterstatter war und nach dem Krieg Chef einer Werbeagentur wurde. Beim Einzug der Nationen hoben die Teilnehmer der französischen Équipe den rechten Arm, was als „Deutscher Gruß“ interpretiert wurde.
Die Franzosen beharren allerdings darauf, dass dies der „Olympische Gruß“ gewesen sei, der schon bei vorangegangenen Olympischen Spielen gezeigt worden wäre. Gesichert ist jedenfalls, dass die deutschen und auch die österreichischen Athleten den „Deutschen Gruß“ darboten, obwohl Letztere erst 1938 an das Deutsche Reich angeschlossen wurden.
Während der Spiele, die vom 1. bis zum 16. August andauerten, herrschte in der Tat eine fröhliche, gelöste Stimmung in der Stadt. Auch die internationale Presse konnte keinen Anlass zur Kritik finden. So war es den Nationalsozialisten gelungen, der Welt das Bild eines friedlichen Deutschen Reiches zu zeigen, obwohl die Vorbereitungen für den Zweiten Weltkrieg schon liefen – bereits 1934 hatten Borsig in Berlin, die Krupp-Tochter Grusonwerk in Magdeburg und Hanomag in Hannover die verbotene Rüstungsproduktion wieder aufgenommen.
Petra Fischer studierte Politikwissenschaften am Otto-Suhr-Institut in Berlin und promovierte zum Thema „Wandel öffentlich-rechtlicher Institutionen im Kontext historisch-politischer Ereignisse am Beispiel des Senders Freies Berlin“. Beim Sender Freies Berlin und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg war sie als Festangestellte mit verschiedenen Projekten des Fernsehprogramms betraut. Seit 2022 ist sie als Autorin und freie Journalistin tätig. Im September 2024 erschien ihr Buch „Propaganda im III. Reich – Front und Heimat im Gleichschritt“ im Miles-Verlag.
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