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In allen Regenbogenfarben leuchtet der Himmel, als ich früh am Morgen über den Strandaufgang von Dierhagen laufe. Es ist ein schöner, aber sehr stürmischer Oktobertag an der Ostsee. Die Gischt schäumt temperamentvoll und Silbermöwen gleiten elegant im Tiefflug über das Meer. Gut zwanzig Jahre ist es her, seit ich zum ersten Mal auf den Darß in das kleine Dörfchen Dierhagen reiste. Eine Freundin hatte mir von ihrem „Geheimtipp“ erzählt: „Da hast du sogar in den Ferien den langen Sandstrand fast für dich alleine.“ So war das, damals, vor zwanzig Jahren.
Heiko, ein Kite-Surfer aus Lübeck, kommt seit zwei Jahren an diesen Teil der Ostseeküste. Er ist einer der inzwischen zahlreichen Surfer, die neuerdings den weiten Horizont der Ostsee mit ihren Segeln bunt färben. Die Bedingungen sind heute ideal für ihn. „Ich bin ja fix hier“, erzählt er. „Da lohnt es sich schon, auch nur für ein paar Stunden herzukommen, wenn der Wellengang so krass ist wie heute. Klar, man spürt jeden Muskel nach dem Surfen, aber die Glückshormone und das Erfolgsgefühl sind einfach einmalig“, sagt er. Könner wie er schaffen es, sich vom Wind meterhoch über die schäumenden Wellen tragen zu lassen. Dazu ist einige Kraft erforderlich. Erschöpft ist er nun, strahlt aber über das ganze Gesicht, als er sich aus seinem hautengen Neoprenanzug schält.
Es sind inzwischen sehr viele von ihnen, die entlang der Küste zwischen Graal-Müritz und Ahrenshoop das Meer und den Strand für sich beanspruchen. Manche Urlauber aber, die einfach nur Entspannung bei langen Strandwanderungen suchen, sehen diese Entwicklung kritisch: „Mitunter glaubt man fast, so ein Seil könnte einen glatt köpfen, wenn die Surfer wieder alle aus dem Wasser kommen. Regelrecht Slalom laufen muss man zwischen den Seilen. Die sind schon recht dominant hier am Strand, an solchen Tagen mit viel Wind“, sagt ein Herr aus Sachsen, der seit vielen Jahren seine geliebte Halbinsel Fischland-Darß mit Ehefrau Irene und Mischlingshund Josef besucht. „Aber zum Glück machen die Surfer nur bei so hohem Wellengang den Strand unsicher. Wenn das Meer ruhig ist, haben auch wir wieder unsere Ruhe.“
Kite-Surfer auf der Ostsee
© Klaus Rainer Krieger/imago
Marketingagenturen werben für immer mehr Besucher
Sehr viele Menschen zieht es seit ein paar Jahren nach Fischland-Darß. Zu Fuß, per Fahrrad und inzwischen auch hoch zu Ross wird nun die schmale Halbinsel zwischen Rostock und Stralsund von vielen Menschen besucht, die sich Naturbelassenheit und Ruhe wünschen. Das Phänomen nimmt seit der Corona-Zeit zu: Die Flüge ins Ausland wurden gestrichen, exotische Ziele rückten in unerreichbare Ferne. Der Darß jedoch, mit Stränden, die an heißen Tagen mitunter tropisch wirken, zog immer mehr Touristen an. Die Ostseeküste wurde „in“. Marketingagenturen warben – und werben – für immer mehr Besucher.
Früher einmal konnte man stundenlang fast alleine am Strand wandern. Die sechzehn Kilometer Dierhagen bis Wustrow, hin und zurück, bewältigte ich oft bei jedem Wetter und freute mich hinterher auf das wohlverdiente Fischbrötchen und auf einen kühlen Schluck Rostocker Bier. Radtouren durch den wunderschönen, verwunschenen Küstenwald erfreuten mein Berliner Großstadtgemüt und ich bekam Depressionen, wenn ich nicht mindestens einmal im Jahr auf „meinen“ Darß reisen konnte.
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Seit der Corona-Zeit aber ist es nicht mehr dasselbe. Sogar zu den unwirtlichen Jahreszeiten reißt der Strom der Touristen nicht mehr ab. Einfach nur die Natur genießen? Das reicht nicht mehr heutzutage! Die „Aktivitäten“ für die Gäste werden immer ausgefallener. In ein Restaurant gehen und etwas essen? Das ist vorbei! Nun muss man sich vorher für ein Zeitfenster anmelden und hat knapp eine Stunde Zeit, bis dann die nächsten hungrigen Gäste schon auf der Matte stehen und ihren bestellten Platz einnehmen möchten. Das hat schon etwas sehr ungemütliches. Ein normales Glas Weißwein kostet inzwischen gut zehn Euro. Auch die Speisen sind so teuer geworden, dass man doch lieber zum eigenen Kochtopf in der Ferienwohnung greift.
Touristenmassen am Strand auf Fischland-Darß im Sommer 2022
© Jens Büttner/dpa
„Pecunia non olet“
Als Rad-Verleiher in Dierhagen erlebt Herr Udo in der Hochsaison so manches mit den Touristen. Ihn bringt scheinbar nichts aus der Ruhe. „Die meisten sind schon noch ganz höflich. Es gibt aber zunehmend auch welche, die wollen, dass man ihnen den roten Teppich ausrollt“, brummt er.
Es hat sich viel verändert durch den zunehmenden Tourismus. Nicht nur, dass auch für die Einheimischen alles teurer geworden ist und viele der Alteingesessenen sich langsam verdrängt fühlen. Auch die alte, homogene Dorfgemeinschaft existiert nicht mehr so wie früher einmal. Wo die Nachbarn untereinander Durchgangspforten in den Zäunen hatten, damit man einander besuchen konnte, ist nun alles verschlossen. Die zahlenden Gäste wollen schließlich für sich sein. Alte Katen und Häuser, die einmal untereinander vererbt wurden, gehen jetzt für sehr viel Geld an Investoren.
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Zum Teil recht abenteuerliche Neubauten werden nun in den kleinen, ehemaligen Fischerdörfern errichtet. So entstand direkt am Hauptweg zum Strand in Dierhagen eine Villa, deren Eingang ein gigantisches, beleuchtetes Buddhahaupt „ziert“. Dieses Dekor will so gar nicht in den beschaulichen kleinen Ort passen. Immer mehr Luxusunterkünfte entstehen. Hier können nun betuchte Besucher „Chalets“ oder Luxuszelte mit blumigen Namen für den Urlaub mieten, direkt am Strand.
Die weniger gut verdienenden Menschen aber haben an deutschen Küsten inzwischen das Nachsehen. Oft ist es billiger, eine Woche auf Mallorca oder den Kanarischen Inseln zu buchen. Der Profit Einzelner steht offenbar über allem: „Pecunia non olet“– Geld stinkt eben nicht.
Zwischen die beschauliche ortstypische Architektur setzen sich nun immer häufiger Neubauten.
© JFs Pic Factory/imago
Center-Parks plant gigantische Ferienanlagen
„Strömt herbei, ihr Völkerscharen!“ Gemäß dieser Devise möchte Thomas Huth, Bürgermeister des kleinen, beschaulichen Ortes Ribnitz-Damgarten, am Saaler Bodden die dort gelegene Halbinsel Pütznitz in ein riesiges Feriencamp verwandeln. Center-Parks plant, dort eine ihrer gigantischen Ferienanlagen zu errichten. Der Park soll mit mehreren Tausend Betten sowie diversen „Bespaßungen“ wie Wasserski, Saunalandschaften etc. ausgestattet werden.
Bald aber regte sich mittels einer Bürgerinitiative Widerstand gegen das Mega-Projekt, denn aus guten Gründen hegen nicht nur viele Bürger der Stadt Ribnitz-Damgarten, sondern auch langjährige Besucher des Darß die Befürchtung, dass der angestrebte Massentourismus wohl einerseits Arbeitsplätze bringen mag, jedoch die natürliche Schönheit des Darß dadurch für immer verloren geht. Dem Bürgermeister wird vorgeworfen, unglaubwürdig zu sein, hatte er doch während des Wahlkampfes um das Amt des Bürgermeisters betont, er sei kein Fan von Massentourismus.
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Bereits jetzt leiden Natur und Tiere unter dem ganzjährigen Zustrom von Urlaubern auf das „schmale Handtuch“ Fischland. Viele Menschen werden dann zusätzlich mit ihren Fahrzeugen die schmalen Straßen verstopfen, die zu ihrer Unterkunft auf der Halbinsel führen. Weitere Infrastruktur müsste geschaffen werden, um diesen Zustrom zu bewältigen. Auch die Lebensqualität und das Heimatgefühl der Einheimischen wird sich vermutlich nicht zum Positiven verändern, befürchtet die Bürgerinitiative, die seit Jahren versucht, sich gegen das gigantische Projekt zu stemmen.
Wellen der Ostsee treffen am frühen Morgen auf den Weststrand der Halbinsel Darß. Natur und Tiere leiden bereits unter dem Tourismus.
© Thomas Trutschel/imago
Nachhaltiger Tourismus und Profit – geht das?
„Nachhaltiger Tourismus“ ist in vielen Bereichen zu einem Thema geworden. Sieht man sich jedoch die Realität an, so sind Reiseziele und Unterkünfte, die mit diesem Attribut werben, eher für Menschen gedacht, die auch die finanziellen Möglichkeiten haben, sich auf „Nachhaltigkeit“ beim Reisen zu berufen. Nicht umsonst ist es nicht nur in Europa seit einiger Zeit ein Streitthema, wie viele Touristen für begehrte Urlaubsziele zu verkraften sind.
Venedig und Mallorca sind nur Beispiele dafür, wie der Massentourismus die Heimat vieler Menschen sehr „nachhaltig“ zerstören kann. Venezianer und Mallorquiner wehren sich inzwischen vehement gegen diese Entwicklung. Erst im letzten Jahr gingen Tausende von Bewohnern der Balearen auf die Straßen, um gegen den zunehmenden Massentourismus zu demonstrieren. Mitunter werden die Proteste dagegen recht aggressiv ausgetragen. So wurden Urlauber mit Wasserpistolen bespritzt und beschimpft. Gleichzeitig aber weiß man auch, dass der Tourismus seit vielen Jahren Wohlstand und Arbeitsplätze bringt.
Ein Konfliktpotenzial dieser Größenordnung wird Fischland-Darß wohl nicht zu erwarten haben. Jedoch muss die Politik auch hier in Deutschland die Ängste und Befürchtungen der Bürger ernster nehmen, als das bisher der Fall war. Kompromisse sollten erzielt werden, denn auch nachfolgenden Generationen, sowohl der Einwohner als auch der Touristen, wünschen sich eine intakte Natur. Es sollte daher ein wichtiges Ziel sein, den Menschen die Schönheit der Ostsee auf dem Darß zu erhalten. Auch ich würde sehr gerne noch weitere zwanzig Jahre lang „meinen Darß“ besuchen.
Sabine Küster-Reeck ist freie Journalistin und lebt in Berlin und Brandenburg.
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