Strandbad Grünau

„Heute leider nicht“: Ist das Strandbad Grünau die härteste Tür von Ostberlin?

Im Strandbad Grünau werden Badegäste offenbar anhand ihrer Postleitzahl selegiert. Berliner Behörden bringen Kündigung des Pachtvertrags ins Gespräch.

José-Luis Amsler Team News Nicolas Butylin jla
5 Min
In ist, wer drin ist? Das Berliner Strandbad Grünau im Südosten Berlins.

In ist, wer drin ist? Das Berliner Strandbad Grünau im Südosten Berlins.

© Benjamin Pritzkuleit

An einem heißen Sommertag mitten in den Schulferien will eine vierköpfige Familie aus Pankow etwas Neues probieren. Sie kennen das Strandbad Plötzensee, das Freibad Humboldthain und das Sommerbad Pankow. An diesem Tag also fahren sie nach Grünau, in den Südosten Berlins. Doch am Eingang fragt ein Mitarbeiter die Eltern nach deren Postleitzahlen und schüttelt den Kopf: „Wir sind ein regionales Bad“, sagt der Mitarbeiter in einem freundlichen Ton. „Wenn wir am Morgen schon merken, dass es voll wird, versuchen wir, den Zugang vorrangig für Menschen hier aus der Gegend zu sichern.“

Berichte, wie die der Pankower Familie häufen sich in den vergangenen Tagen. Im Strandbad Grünau scheint es eine Türpolitik zu geben, bei der Badegäste nach Wohnort sortiert und im Zweifel offenbar willkürlich abgewiesen werden. Wie der Tagesspiegel bezugnehmend auf Berichte verschiedener Besucher des öffentlichen Freibads an der Berliner Dahme berichtete, sei es beim Einlass sogar mehrfach zu Ausweiskontrollen gekommen. Diese dürfen in Deutschland eigentlich nur von Polizei- und Zollbeamten sowie Mitarbeitern des Ordnungsamts vorgenommen werden.

Im Internet häufen sich die negativen Rezensionen: „Nachdem man stundenlang in brütender Hitze ansteht, erfährt man am Einlass, dass nur Menschen mit Wohnort Treptow-Köpenick reindürfen. Nachzuweisen mit Ausweis, den viele ins Freibad gar nicht mitnehmen.“ Jemand kommentiert: „Das ist eine Unverschämtheit und geradezu menschenverachtend, insbesondere wenn man als Familie mit kleinen Kindern dort wartet!“

Die vierköpfige Familie aus Pankow dachte ebenfalls im ersten Moment, dass man ohne Erfolg den Weg vom Nordosten Berlins nach Grünau gefahren sei. Jedoch folgte vor den Eingangstoren des Strandbades eine nächste Wendung. „Aber ihr habt ja Kinder“, sagte der Mitarbeiter. „Familien schicken wir niemals weg, weil wir ein Familienbad sind und bleiben wollen.“ Also hatten die Pankower noch mal Glück gehabt.

Behörden kritisieren das Vorgehen in Grünau

Der Senatsverwaltung für Justiz, Vielfalt und Antidiskriminierung in Berlin ist „die Praxis des Strandbades Grünau am Einlass nach Postleitzahl auszusortieren“ bekannt. Der Pressesprecher Martin Kröger berichtete gegenüber der Berliner Zeitung von mehreren Beschwerden migrantischer Familien. Da jedoch das Strandbad einen privaten Betreiber habe, gelte das Berliner Antidiskriminierungsgesetz dort nicht.

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Allerdings hoffe die Senatsverwaltung darauf, dass migrantische Familien gegen diese Praxis in Grünau klagen werden. Es liege bei der Einlasssituation eine „offensichtlich mittelbare Diskriminierung vor“, so Kröger. Diese sei nach Auskunft des Sprechers auch nicht durch einen sachlichen Grund gerechtfertigt.

Neben einer Klage gegen das Strandbad gibt es auch noch weitere Möglichkeiten für Geschädigte. Alternativ schlägt Kröger vor, im Pachtvertrag festzulegen, dass der Zugang frei von Diskriminierung sein müsse. Sollte das noch immer nicht fruchten, könnten die Berliner Bäderbetriebe, so Kröger, den Pachtvertrag kündigen.

Berliner Bäder: Betreiber dürfen aussortieren

Probleme mit den scheinbar nach Postleitzahl – und einigen Gästeberichten zufolge auch nach Ethnie und Nationalität – erfolgenden Einlasskontrollen hatte es schon im letzten Jahr gegeben. Neu ist das Phänomen also nicht, die Berliner Zeitung berichtete schon im Juni vergangenen Jahres von der skurrilen Einlasssituation im Grünauer Strandbad. Andre Beyer, Geschäftsführer des Bades, argumentierte damals mit Einschränkungen durch die Corona-Pandemie. „Wir sehen uns als regionales Unternehmen, unser Ansatz ist, etwas für die Region zu tun. Deshalb möchten wir, dass erst einmal unsere Leute, die hier in der Gegend wohnen, eingelassen werden“, so Beyer im Juni 2021.

Obwohl das Strandbad im Besitz der Berliner Bäder-Betriebe und damit in öffentlicher Hand ist, wird das Tagesgeschäft durch einen privaten Pächter übernommen. Aus einer Anfrage auf der Plattform „Frag den Staat“ geht hervor, dass bei den Gästen seit Beginn der Pandemie bewusst selektiert wird.

Laut den Berliner Bäder-Betrieben sei es dem Pächter während coronabedingter Nutzungseinschränkungen gestattet, „bestimmten Gruppen ein vorrangiges Nutzungsrecht“ einräumen. In anderen Worten: In Grünau darf ganz legal nach Belieben aussortiert werden. Inwiefern die Einlasskontrollen – Gäste berichten vom „übereifrigen Durchwühlen“ von Taschen und „flegelhaftem Verhalten“ durch die Türsteher – auch nach der Pandemie noch zulässig sind, wurde nicht beantwortet.

Auch Rechtsexperten sehen die Türpolitik an der Sportpromenade 9 in Berlin-Grünau problematisch. So erklärt Ehssan Khazaeli, dass der Betreiber des Strandbads Grünau die Stadt.Land.Bad. GmbH ist, also ein privates Unternehmen. „Diese muss nicht mit jedem einen Nutzungsvertrag abschließen“, sagt der Berliner Rechtsanwalt. Ähnlich wie die Diskothek Berghain könne der Betreiber ausgerichtet an seinem Betriebskonzept das Publikum bestimmen.

Grenzen setzt nur das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Danach wäre eine Diskriminierung aus unsachlichen Gründen etwa wegen der Religion oder Hautfarbe verboten. Auch die „Herkunft“ dürfte nicht als Maßstab angeführt werden, erklärt Khazaeli. Allerdings sei der Begriff Herkunft weit zu verstehen und meint nicht Berliner Bezirke. „Die Wohnortnähe wäre wohl ein sachlicher Grund, schließlich soll das Strandbad der Erholung dienen.“ Pauschal zwischen Ost- und West-Berlin zu unterscheiden, dürfte aber nicht vertretbar sein.

Die Pankower Familie genoss jedenfalls eine entspannte und angenehme Atmosphäre. Es war weitaus weniger Andrang als in Plötzensee, wo man dicht gedrängt sitzt, Bluetooth-Lautsprecher sich in der Lautstärke überbieten und Zigaretten im Sand ausdrückt werden. Die Tochter hat während des Tages Freundschaft mit einem Mädchen aus dem westen Berlins geschlossen, das mit ihrem Vater und dem kleinen Bruder da war.

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