Sechs Monate Ukraine-Krieg

„Zum Normalzustand geworden“: Was die Berliner über sechs Monate Krieg sagen

Die Unterstützung für Sanktionen schwankt, es droht ein „Wutwinter“. Was sagen Berliner und Ukrainer sechs Monate nach Kriegsbeginn.

Elizabeth Rushton Lenja Stratmann
6 Min
Besucher der Ausstellung „Testament von Bucha“ am George-Grosz-Platz am Kurfürstendamm

Besucher der Ausstellung „Testament von Bucha“ am George-Grosz-Platz am Kurfürstendamm

© imago/Stefan Zeitz

Neben den glänzenden Schaufenstern von Gucci, Louis Vuitton und Cartier steht auf dem Kurfürstendamm etwas, bei dem die Passanten nur den Kopf drehen und mit offenem Mund zuschauen können. Es ist das ausgebrannte, mit Einschlusslöchern übersäte Auto, in dem drei Frauen und ein 14-jähriges Mädchen im Frühjahr beim Fluchtversuch aus der Kiewer Vorstadt Butscha getötet wurden. Das Auto wurde von russischen Soldaten beschossen und ging in Flammen auf – jetzt bildet es die Ausstellung „Testament von Bucha“ am George-Grosz-Platz. Es ist der 24. August, sechs Monate nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine – und die Besucher dieser Ausstellung wissen, warum der Besuch vor allem heute, am 31. Unabhängigkeitstag der Ukraine, wichtig ist.

Am Vormittag kommen die Menschen ständig vorbei, um sich das Auto anzuschauen. Manche legen Blumen nieder oder hinterlassen eine Geldspende, einige kommen rein zufällig vorbei und machen Bilder mit dem Handy. Eine davon ist die Ukrainerin Maria aus Kiew, die seit drei Jahren in Deutschland wohnt. Der Anblick des Autos sei für alle Ukrainer „sehr schmerzhaft“, sagt sie: „Die Menschen können sich nicht vorstellen, was wir fühlen. Wir haben Bilder im Kopf, wie es in unseren Städten aussieht.“ Sie ist darüber enttäuscht, dass jetzt nur die ukrainische Community auf Demos gegen dem Krieg vertreten ist.

„Testament von Bucha“ sollte vor allem dazu dienen, dass der Krieg nach sechs Monaten „nicht in Vergessenheit gerät“, sagte der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk bei der Eröffnung am Montag. Der Charlottenburger Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger sagte, dass es im Vorfeld Diskussion darüber gab, ob dieses Projekt und dieser Ort richtig seien. „Wir bringen nicht den Krieg hierher“, sagt er, „aber wir wollen und müssen bewusst unsere Bequemlichkeit und Ruhe stören.“

Deutschland sei „mitverantwortlich“ für den Krieg

Am Mittwoch laufen auch die beiden 26-jährigen Freundinnen Theresa Makowsky und Dalia Al-Mufraji an dem ausgebrannten Auto vorbei. „Leider ist der Krieg zum Normalzustand geworden“, sagt Makowsky. „Es ist unglaublich bedrückend, so was hier zu sehen.“ Die Nähe des Krieges „macht auf jeden Fall Angst“, sagt Al-Mufraji, die in Charlottenburg wohnt. Sie sei aber „im Zwiespalt“, was die Frage der Waffenlieferungen für die Ukraine betrifft. Einerseits verstehe sie, dass Menschen jeden Tag sterben und Hilfe brauchen, andererseits frage sie sich, ob Waffenlieferungen die Gewalt weiter anfachen.

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Dalia Al-Mufraji (l.) und Theresa Makowsky finden es wichtig, dass noch an die Gräueltaten im Krieg in der Ukraine erinnert wird.

Dalia Al-Mufraji (l.) und Theresa Makowsky finden es wichtig, dass noch an die Gräueltaten im Krieg in der Ukraine erinnert wird.

© Elizabeth Rushton

Die Frage der deutschen Unterstützung für die Ukraine ist seit Kriegsbeginn umstritten gewesen. Am Dienstag kündigte Bundeskanzler Scholz weitere Waffenlieferungen für die Ukraine im Wert von 500 Millionen Euro an – Deutschland ist in den letzten sechs Monaten aber mehrfach dafür kritisiert worden, keine ausreichende politische sowie materielle Unterstützung an die Ukraine geschickt zu haben.

Der 74-jährige Heinz B. aus Charlottenburg hält Deutschland sogar für mitverantwortlich für den Krieg: „Merkel hat Deutschland verkauft, die SPD wollte auch keine Ahnung über Russland haben“, sagt er. Der Anblick des verrosteten Wagens lässt ihn nicht kalt. „Wie kann man sich so was anschauen und immer noch sagen, die Schuld für den Krieg liegt bei Selenskyj?“, sagt er. „Oder dass er mit Putin reden soll, mit diesem Massenmörder, diesem Kriegsverbrecher?“ Er blickt auf den Boden und schüttelt den Kopf.

Auch Stefan Krikowski empfindet einen „tiefen Trauer und Schmerz“ beim Anblick des Autos. Er fürchtet aber auch, dass der Krieg nicht mehr gesamtgesellschaftlich in Deutschland präsent sei – und dass die Solidarität wegen steigender Preise und Gasknappheit nachlassen könnte. „Das Gas ist Putins Waffe, er wird das auch gegen uns nutzen“, sagt er.

Heinz B. aus Charlottenburg

Heinz B. aus Charlottenburg

© Elizabeth Rushton

Wie sollte Deutschland sich vor einem „Wutwinter“ schützen?

Seine Sorgen sind vielleicht berechtigt: Am 22. Juli zeigte der ARD-„Deutschlandtrend“, dass ein Drittel der Deutschen Sanktionen gegen Russland, die möglicherweise Nachteile für Deutschland bringen, nicht unterstützt. Auch die Angst vor einem „Wutwinter“ durch steigende Energiepreise und eine wachsende Inflation im Herbst wächst.

Dagegen müsste man schon jetzt Maßnahmen planen, so Nicole Heger, 52, aus Hennigsdorf: „Mir wäre es vor dem Winter wichtig, dass wir die Menschen unterstützen, die wenig Geld haben“, sagt sie. Es müsse Subventionen geben. „Es darf keine Lösung sein, Nord Stream 2 zu öffnen.“

Auf einer Bank nur wenige Meter von der gespenstischen Ausstellung entfernt sitzt der Organisator von „Testament von Bucha“, Andriy Radnyuk. Wie jeden Tag bleibt er von 9.00 bis 21.00 Uhr am Platz, um mit den Besuchern über den Krieg zu sprechen. Bisher habe es dabei keine Probleme gegeben, sagt er. „Die Menschen sagen, wie sehr sie die Ukraine unterstützen“, sagt er. „Man hat mir erzählt, dass man diesen Stadtteil auch „Charlottengrad“ nennt, weil es hier so eine große russische Community gibt. Aber diese Ausstellung ist nicht dafür da, damit wir mit Russen streiten. Davon gibt’s genug in der Ukraine, an Orten wie Butscha.“

Tausende nehmen bei feierlichen Demonstration teil

Auch am Abend wurde weiter an Butscha gedacht, als geschätzt 2000 Demonstranten vom Breitscheidplatz bis zum Brandenburger Tor als Teil einer Parade zum Unabhängigkeitstag der Ukraine marschierten. Darunter waren unter einem Baldachin aus Tarnnetz auch eine Gruppe Aktivisten in den traditionell bestickten Hemden und Blumenkronen der ukrainischen Nationaltracht, die Schildern mit den Namen ukrainischer Städten trugen: Von Großstädten wie Kiew und Odessa bis auf kleineren Orten wie Winnyzja, Krementschuk oder Irpin. Das sollte Deutschen zeigen, „unter welchen Umständen die Ukraine ihren Nationalfeiertag in diesem Jahr verbringt“, sagte eine Organisatorin am Mikrofon.

Liudmila (l.) und Viktoria aus Tschernihiw waren zwei der Tausenden Demonstranten, die an einer Demonstration zum ukrainischen Unabhängigkeitstag teilnahmen.

Liudmila (l.) und Viktoria aus Tschernihiw waren zwei der Tausenden Demonstranten, die an einer Demonstration zum ukrainischen Unabhängigkeitstag teilnahmen.

© Elizabeth Rushton

Überall in der Parade sind blau-gelbe Fahnen zu sehen; leidenschaftlich singen sie die Nationalhymne die Ukraine und rufen Slogans gegen den Krieg: „Russland ist ein Terrorstaat“ oder „Energieembargo jetzt“. 

Für alle Ukrainer, sagt Olga, sei dieser Tag der symbolträchtigste des Jahres. Sie kam im März aus Kiew nach Berlin. Trotzdem gibt es für sie heute wenig zu feiern. „Ich kann nur an meine Eltern und meine Nächsten in der Heimat denken, denn heute gab es dort stündlich Luftalarm.“ Gerade deswegen sei es für sie so wichtig gewesen, an der Parade teilzunehmen.

Auch die Freundinnen Viktoria, 22, und Liudmila, 18, aus der Stadt Tschernihiw, sind gekommen, weil sie den Nationalfeiertag unbedingt zusammen mit ihren Landsleute verbringen wollten. „Ich bin einfach unendlich stolz auf unser Land, unser Volk und unsere Stärke  in Kriegszeiten“, sagt Liudmila. Viktoria nickt und sagt: „Die Ukraine ist heute in jedem von uns, egal in welchem Teil der Welt wir uns befinden.“

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