Kälteschock fürs Kulturerbe

Energie-Knappheit: Müssen Besucher in Berliner Museen bald frieren?

Die ersten Forderungen werden laut, Museen und Gedenkstätten vorrangig mit Energie zu versorgen. Sonst drohe Gefahr für Kunstwerke und Archive.

Cedric Rehman
5 Min
Ausstellung „Under Construction. Neuerwerbungen für die Sammlung der Nationalgalerie“ im Hamburger Bahnhof

Ausstellung „Under Construction. Neuerwerbungen für die Sammlung der Nationalgalerie“ im Hamburger Bahnhof

© dpa/Christoph Soeder

Die gute Nachricht vorneweg: Besucher oder Referenten müssen keine Angst haben, bei Stromausfall in den Fluren der Gedenkstätte Hohenschönhausen festzusitzen. Die Türen des ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnisses lassen sich von Hand öffnen.

Wir werden voraussichtlich 15 Prozent an Heizkosten einsparen.

Helge Heidemeyer, Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen

Derzeit lassen nur die Gedanken an die Haftbedingungen in den fensterlosen Zellen des früheren Kellergefängnisses frösteln. Die Temperatur ist im Zellenflur mit einer dünnen Übergangsjacke leicht auszuhalten. Die Gedenkstätte im Bezirk Lichtenberg hat aber bereits am Thermostat gedreht. „Wir werden voraussichtlich 15 Prozent an Heizkosten einsparen“, sagt Helge Heidemeyer, Direktor der Gedenkstätte, bei dem Rundgang über die Gefängnisflure. Es werde nun 19 Grad in den Büros. Die Heizungen in den für Besucher zugänglichen Teilen der Gedenkstätte seien auf 16 Grad eingestellt.

Bund und Land finanzieren die Gedenkstätte

Die Gedenkstätte wird zur Hälfte von Bund und Land getragen. Wie alle von der öffentlichen Hand finanzierten Einrichtungen wurde auch Hohenschönhausen aufgefordert, Energie zu sparen. Richtwert ist eine Reduktion um 20 Prozent. Sogar ein völliges Abschalten der Heizanlage bei einer Verschärfung der Energieknappheit hält Heidemeyer für machbar.

Dann müssten die Besucher sich entsprechend warm kleiden, meint der Direktor. Führungen durch zappendustere Gänge seien dagegen unmöglich. Falle der Strom für die Beleuchtung aus, müsste die Gedenkstätte schließen, erklärt Heidemeyer.

Die DDR übernahm das Lager

Die Sowjets richteten in einer ehemaligen Großküche der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt 1945 das Speziallager Nummer 3 ein. Die DDR-Staatssicherheit übernahm dann die Haftanstalt. Die historischen Backsteinwände können nicht beliebig mit Dämmplatten versehen werden, um Energie zu sparen, meint der Direktor. „Die Anlage steht unter Denkmalschutz“, sagt Heidemeyer.

Was an dem ehemaligen Gefängnis verändert werde, um Energie einzusparen, müsse mit historisch wirkenden Materialen geschehen, erklärt der Direktor. Diese zu besorgen, sei keine leichte Aufgabe und nicht innerhalb von Wochen zu stemmen. Die einzigen Posten, an denen die Gedenkstätte ihren Verbrauch spürbar senken könne, blieben Beleuchtung und Heizung.

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Eine hohe Energiekostenabrechnung droht

Heidemeyer fürchtet die Energiekostenabrechnung im kommenden Jahr. Denn in den Kassen der öffentlichen Träger dürfte Ebbe herrschen. „Wie viel Spielraum uns dann bleibt, ist schwer abzusehen“, meint Heidemeyer.

Dabei leiste die Gedenkstätte aus Sicht ihres Direktors in der Krise eine wichtige Aufgabe für die Gesellschaft. „Wir zeigen, dass Extremismus in Unfreiheit führt“, sagt Heidemeyer.

Kuratorin fürchtet um Kulturgut

Die Kuratorin des Hamburger Bahnhofs, Nina Schallenberg, treibt noch eine andere Sorge als die steigenden Kosten um. Was geschieht mit den Kulturgütern, wenn die Heizung kalt bleibt? Sie fordert eine staatliche Rettungsleine für Museen und Kulturstätten. Der Staat soll sie als systemrelevant anerkennen. Dann müssten Betreiber sie vorrangig bei einer Mangellage mit Energie versorgen.

Feuchtigkeit setzt Kunstwerken zu

Es gibt eine physikalische Eigenschaft der Luft, die bei niedrigen Temperaturen Gemälden gefährlich wird. Kalte Luft nimmt weniger Feuchtigkeit auf. Sie kondensiert an Objekten. Der Effekt zeigt sich an kühlen Herbsttagen auf Wiesen. Tautropfen benetzen das Gras. Leinwand und Papier drohten unter ähnlichen Bedingungen irreparable Schäden, erklärt Schallenberg.

Temporäre Abschaltungen sind verkraftbar

Politik und Versorgungsunternehmen betonen, dass ein kompletter Netzausfall nicht zu erwarten sei. Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey hält temporäre Abschaltungen aber für nicht ausgeschlossen. Dann würden die Bezirke im Wechselmodus versorgt. Das könnten die Kunstwerke aushalten, meint Schallenberg.

Sollte aber entgegen aller Zusicherungen Wärme auf längere Sicht fehlen, drohten auch Dokumente in Archiven Schaden zu nehmen, befürchtet die Kuratorin.

Museen sollen systemrelevant sein

Der Staat könne Museen bei Energieknappheit nicht auf dieselbe Stufe wie Kliniken stellen, stellt Schallenberg klar. „Sie sollten bei einer Mangellage aber auch nicht wie eine herkömmliche Freizeiteinrichtung behandelt werden, die kein sensibles Kulturgut bewahrt“, fordert die Kuratorin.

Sie sollten bei einer Mangellage aber auch nicht wie eine herkömmliche Freizeiteinrichtung behandelt werden.

Nina Schallenberg, Hamburger Bahnhof

Würde sie auch eine Priorisierung von Museen vor dem Gewerbe befürworten? Immerhin produzieren Fabriken Güter, die im Alltag gebraucht werden. Schallenberg spricht von einer Grundsatzfrage. Die Gesellschaft müsse abwägen, wie viel ihr die Bewahrung von Kulturgut wert sei. „Museen oder Gedenkstätten leisteten als Orte der Reflexion ihren Beitrag zum Erhalt der Demokratie“, sagt Schallenberg.

Für die einen wäre es die ganz große, für die anderen eine kleinere Katastrophe.

Nina Schallenberg, Hamburger Bahnhof

Schallenberg fürchtet ein Museensterben, sollten wegen des Energiemangels Einrichtungen geschlossen werden. Museen in öffentlicher Trägerschaft drohe ohne Einnahmen durch Eintritte nach den mageren Corona-Jahren ein Kahlschnitt ihres Budgets. Privaten Häusern könnte das endgültige Aus blühen. „Für die einen wäre es die ganz große, für die anderen eine kleinere Katastrophe – abhängig auch vom Zeitraum der Schließungen“, meint Schallenberg.

Sparvorgaben sind einschneidend

Julia Voss ist für die Nachhaltigkeit im Deutschen Historischen Museum zuständig. Sie untersucht gerade wie ihre Kollegin Schallenberg am Hamburger Bahnhof, wie sich die Sparvorgabe von 20 Prozent für vom Bund getragene Kultureinrichtungen in ihrem Haus umsetzen lasse. Das sei eine ganz schöne Menge. „Wir wollten schrittweise sieben Prozent einsparen, um unsere Klimaziele zu erreichen. Jetzt muss auf einmal viel mehr gespart werden“, meint Voss.

Jetzt muss auf einmal viel mehr gespart werden.

Julia Voss, Deutsches Historisches Museum

Besucher sollten im Winter vielleicht überlegen, ob sie Mütze und Schal wirklich an der Garderobe abgeben wollen.

Die Sammlung könnte wichtiger werden

Die Nachhaltigkeitsbeauftragte geht davon aus, dass sich die von Corona und der Energiekrise gebeutelten Museen auf Wesentliches konzentrieren werden. Ausstellungen mit Exponaten aus der ganzen Welt erzeugten Aufmerksamkeit, kosteten aber auch viel Geld. „Wir werden mehr mit der Sammlung arbeiten“, glaubt Voss. 

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