Berlin

Streetworkerin über Silvester-Krawalle: „Bewusst nach Neukölln gekommen, um Action zu erleben“

Samira Bekkadour-Hotz arbeitet seit sieben Jahren mit jungen Menschen im Bezirk. Sie ist überzeugt, dass die Jugend in Problem-Kiezen nicht verloren ist.

Cedric Rehman
6 Min
Samira Bekkadour-Hotz  ist seit sieben als Sozialarbeiterin auf den Straßen in Neukölln unterwegs. 

Samira Bekkadour-Hotz  ist seit sieben als Sozialarbeiterin auf den Straßen in Neukölln unterwegs. 

© Berliner Zeitung/Markus Wächter

Samira Bekkadour-Hotz verbrachte den Jahreswechsel auf der Insel Rügen. Sie habe wie viele Berliner Hundebesitzer ihrem Haustier den Krach in der Silvesternacht ersparen wollen, erzählt sie. Am 1. Januar war es mit der Ruhe auf der Ostseeinsel für die 32-jährige Jugendarbeiterin vorbei. Die Neuköllner Straßen, die sie als Streetworkerin seit sieben Jahren kennt, erinnerten in Fernsehbildern an ein Schlachtfeld.

Die ganze Republik schien sich an Neujahr ungläubig die Augen zu reiben und empört nach Berlin zu blicken. Die Angriffe Jugendlicher mit Feuerwerkskörpern auf Einsatzkräfte löste auf sozialen Netzwerken eine Debatte um Jugendgewalt und die Zusammenhänge zum Migrationshintergrund vieler Täter aus. Berlin und Neukölln erschienen in manchen Meinungsäußerungen als rechtsfreie Räume, in denen jugendliche Migranten ihre Wut auf den Staat ausleben können.

Die Jugend im Bezirk ist divers

Die Streetworkerin strahlt im Neuköllner Auge des bundesweiten Sturms der Entrüstung professionelle Ruhe aus. Sie empfängt im Büro des queeren Jugendclubs Q*ube des Projekts Outreach für mobile Jugendarbeit an der Schönstedtstraße. Der Ort für die Begegnung erscheint wie eine Bestätigung ihrer Perspektive auf die Jugend in Neukölln. Das Bild einer homogenen Gruppe mit auf toxischer Männlichkeit beruhenden Verhaltensweisen ist für sie zunächst ein Konstrukt.

Bekkadour-Hotz hat in den vergangenen sieben Jahren in verschiedenen Neuköllner Kiezen gearbeitet. Sie zählt unter anderem Rixdorf und die Silbersteinstraße auf. Dabei habe sie auch mit einer Klientel zusammengearbeitet, die nun in Zusammenhang mit den Silvesterkrawallen gebracht wird: Jugendliche mit arabischen Wurzeln aus prekären Wohnverhältnissen, die in patriarchalen Strukturen aufgewachsen seien. Nicht jeder junge Neuköllner, der solche biografischen Merkmale aufweise, neige aber zu einer Ablehnung von Staat und Gesellschaft, betont sie.

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Viele Jugendliche schämen sich für die Krawalle

Die Streetworkerin beschreibt die Stimmung unter den Jugendlichen im Bezirk nach den Silvesterkrawallen. Einige berauschten sich noch an den Angriffen auf Helfer und Polizisten. Andere betonten, dass sie in der Nacht auf der Straße gewesen sein, ohne sich an den Ausschreitungen zu beteiligten. Viele verfolgten mit Schrecken die Berichterstattung über den Bezirk. „Sie meinen, das falle jetzt auf alle aus der Community zurück. Sie schämen sich für das, was passiert ist“, sagt Bekkadour-Hotz.

Sie meinen, das falle jetzt auf alle aus der Community zurück.

Samira Bekkadour-Hotz

Sie höre auch immer wieder, dass die schlimmsten Krawallmacher gar keine Neuköllner gewesen sein sollen. „Ich kann es nicht klar sagen. Aber möglich wäre es schon, dass Jugendliche aus angrenzenden Bezirken zu Silvester bewusst nach Neukölln gekommen sind, um dort Action zu erleben“, sagt die Streetworkerin.

Silvesternacht in Berlin: Die Lage ist explosiv

Die mobile Jugendarbeiterin bezeichnet die Verhältnisse in Neukölln mal als „knackig“, mal als „explosiv“.  Jugendliche aus beengten Wohnverhältnissen und einkommensschwachen Familien bliebe die Straße als einziger Ort für soziale Begegnung, erklärt sie. Da Freizeitangebote oft nicht erschwinglich oder gar nicht vorhanden seien und das eigene Zimmer oft noch geteilt werden müsse, werde für viele die Straße zur Heimat.

Die Kontaktbeschränkungen in der Corona-Pandemie habe selbst diesen Rückzugsraum immer beschränkt. Alternativen gab es während der Lockdowns nicht. „Den Frust haben wir bemerkt, wenn wir Angebote nur für wenige organisieren konnten und manche vor der Tür bleiben mussten“, erzählt die Streetworkerin.

Berliner Jugend: Die Straße wird zur Heimat

Bekkadour-Hotz beschreibt, wie schwierig es ist, manchen Jugendlichen, deren soziales Leben sich bisher ausschließlich auf der Straße oder auf Plätzen abgespielt hat, Angebote der mobilen Jugendarbeit schmackhaft zu machen. Der Weg führe immer über das Gespräch, sagt sie.

Streetworker suchen die Orte auf, an denen sich die Jugendlichen in Neukölln gern im öffentlichen Raum treffen. Sie nennt als Beispiel unter anderem den Richardplatz an der Grenze zum Böhmischen Dorf. Dann gehe es darum, die Jugendlichen anzusprechen und das Gespräch immer wieder zu suchen. „Beziehungsarbeit“ nennen das Streetworker wie Bekkadour-Hotz.

Der Redebedarf der Jugendlichen ist groß

Entgegen des Klischees von Jugendlichen, die Außenstehenden feindselig gegenüberstünden, sei der Redebedarf der Neuköllner Jugend groß. „Es ist nicht so häufig, dass ihnen jemand zuhört“, sagt die Streetworkerin. Die Jugendlichen spürten genau, dass die Herkunft aus den „Migrantenkiezen“ ihnen wie ein Stigma anhänge.

Es ist nicht so häufig, dass ihnen jemand zuhört.

Samira Bekkadour-Hotz

Alternativen der Freizeitgestaltung und der zugewandte Kontakt mit Jugendarbeitern könne dazu beitragen, Perspektiven zu verändern und Verhaltensweisen zu hinterfragen. Sie könnte einzelne Jugendliche aus einer Gruppendynamik herauslösen, in denen toxische Männlichkeit tonangebend sei.

Neuköllner Jugend: Toxische Männlichkeit ist weit verbreitet

Von Dominanzstreben geprägte und gewaltlegitimierende Bilder von Männlichkeit seien unter jungen Männern im Bezirk weit verbreitet. Sie seien aber heilbar, meint die Streetworkerin. Sie sieht keinen Zusammenhang zur kulturellen Herkunft vieler Neuköllner Jugendlicher aus dem arabischen Raum. „Ich glaube, hier wälzt die Gesellschaft einiges ab, was man viel breiter diskutieren müsste“, sagt Bekkadour-Hotz.

Ich glaube, hier wälzt die Gesellschaft einiges ab.

Samira Bekkadour-Hotz

Macht sie es sich vielleicht etwas zu einfach? Beim Blick auf die Statistik fällt zumindest auf, dass viele Täter deutsche Staatsangehörige sind. Die Berliner Polizei hat jüngsten Zahlen zufolge 45 Deutsche unter den 139 Männern und sechs Frauen wegen Delikten in der Silvesternacht festgenommen. 38 Personen wurden wegen Attacken mit Raketen in Haft genommen, zwei Drittel dieser Angreifer sollen Deutsche sein. Wie viele festgenommene Deutsche keinen Migrationshintergrund haben, ist allerdings derzeit so unklar wie eine linksextreme Motivlage bei manchen Tätern.

Randale gab es an verschiedenen Orten

Ausschreitungen hat es in der Silvesternacht aber nicht nur in Großstädten mit vielen Migranten gegeben, sondern auch im sächsischen Borna. Dort randalierten 200 junge Menschen auf dem Markplatz. Die Behörden ermitteln auch wegen von der Menge gebrüllten „Sieg Heil“-Rufen. Linksautonome verletzten in der Nacht auf Neujahr Polizisten bei Ausschreitungen im Leipziger Stadtteil Connewitz.

Unterschiedliche Gruppen scheinen an verschiedenen Orten in Deutschland für die Gewalt in der Silvesternacht verantwortlich zu sein. Die Täter scheint zu einen, dass sie meist jung und männlich waren und ihre Milieus Aggression billigen.

Silvester-Krawalle in Berlin: Strafen sollten auf den Fuß folgen

Die Streetworkerin empfiehlt, dass Strafen für jugendliche Täter zeitnah erfolgen. Nur so würde das Stoppsignal des Rechtstaats verstanden. Sie plädiert für mehr mobile Jugendarbeit in ihrem Bezirk und Projekte, die sich auf eine regelmäßige Finanzierung verlassen könnten. Eltern fielen gerade in prekären Familienverhältnissen oft als Rollenvorbilder aus. Ein möglichst engmaschiges Netz an sozialen Angeboten sei deshalb nötig, um Jugendliche aus schwierigen Milieus aufzufangen, meint sie.

Der Job von Samira Bekkadour-Hotz auf den Straßen von Neukölln mag manchem nach den Bildern aus der Silvesternacht mindestens einen Risikozuschlag wert zu sein. Sie betont, dass sie in sieben Jahren in Neukölln in keiner Situation Angst vor Jugendlichen gehabt habe. Die Arbeit mit der Jugend in Neukölln mache ihr immer noch Spaß. „Man begegnet jungen Leuten, mit denen man vor fünf Jahren gearbeitet hat. Und jetzt sind sie auf einem guten Weg. Wir sehen ja Resultate“, sagt Bekkadour-Hotz.

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