Brutal Berlin

Ist Wildpinkeln eine männliche Unart oder urologische Verzweiflung?

Öffentlich zu urinieren gilt als verpönt, ist sogar eine Ordnungswidrigkeit – trotzdem tun es einige Männer immer wieder. Darüber kann man sich aufregen oder fragen: Warum eigentlich?

Anne Tröst
6 Min

Es war, als mein Partner in unserem Innenhof an seinem Fahrrad rumschraubte, dass er erst ein Plätschern und dann lauwarmen Sprühnebel vernahm. Ein Blick durch die Holzstreben des Mülltonnenzauns verriet: Ein Lieferando-Fahrer pinkelte gerade zwischen die blaue und gelbe Tonne – direkt neben ihn. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich einen großen orangefarbenen Lieferrucksack mit meinem Partner streiten.

„Der hat echt in unseren Innenhof gepisst“, konnte mein Partner es nicht glauben. „Und sich nicht die Hände gewaschen!“, verzog ich das Gesicht. Dabei steht auf der anderen Seite unserer Straße ein öffentliches Pissoir – eine von aktuell 499 Möglichkeiten in Berlin, sein Geschäft zu verrichten.

Auch wenn das ein besonderer Vorfall war, fallen mir unzählige Male ein, bei denen ich Männer frei in Berlins Straßen urinieren gesehen habe: morgens neben ihrem Hund im Park, in der Abenddämmerung am Viaduktpfeiler der U-Bahn, auf dem Gehweg oder direkt im Hauseingang – einmal sogar an die Wand einer öffentlichen Toilette, von außen. Weil Mann es eben kann? Dagegen spricht nicht nur der Gesichtsausdruck meines Partners nach der Pinkel-Begegnung im Innenhof.

Als Vater der Geschichtsschreibung berichtete Herodot von Halikarnassos, dass im antiken Ägypten „die Weiber ihren Harn im Stehen und die Männer im Sitzen“ gelassen hätten. Tatsache ist nämlich, dass der Urin nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern in der Regel Beine und Füße trifft, wenn die Blase in senkrechter Haltung ohne Ausrichtung des Strahls entleert wird. Es ist also nicht die geschlechtliche Anatomie, sondern das Handwerk entscheidend. Doch nicht alle, die im Stehen pinkeln können, tun das auch zwingend auf Berlins Straßen.

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Ist es das, was Nietzsche mit dem „Kind im Manne“ meinte?

Die persönliche Motivation von Wildpinklern ist vielfältig: Natalie Eßig von der Hochschule für angewandte Wissenschaften München fand heraus, dass Fußballfans eine Art Gemeinschaftsgefühl beim öffentlichen Urinieren nach dem Spiel empfinden – und dass die Akustik eine Rolle spielt. Auf Quora berichten Männer von dem Spaß, mit ihrem Penis zu zielen, Markierungen an Wänden zu hinterlassen oder von „richtiger Männerzeit“, wenn sie, allein zu Hause, im eigenen Garten die Hose runterlassen können. Klingt alles ein wenig verspielt – ist es das, was Nietzsche mit dem „Kind im Manne“ meinte?

Aber auch als Spielerei ist es immer noch ein Verstoß gegen § 118 des Ordnungswidrigkeitengesetzes, der je nach Schwere zwischen 35 und 5000 Euro Bußgeld nach sich ziehen kann. Doch dass harte Strafen nicht zwingend vor Gesetzesbrüchen schützen, ist auch im Falle des Wildpinkelns keine Ausnahme. Denn selbst in Texas hält das Gesetz niemanden davon ab, in der Öffentlichkeit zu urinieren – obwohl das im schlimmsten Fall eine Registrierung als Sexualstraftäter bedeuten kann.

Dem Lieferando-Fahrer hätte womöglich eine Kündigung gedroht. Und das ging ihm vielleicht auch durch den Kopf, bevor er zurück in den Innenhof kam, um sich vor allem für seine aggressive Reaktion zu entschuldigen. Er hatte sich eben ertappt gefühlt. Warum er nicht aufs Pissoir gegenüber gegangen sei? Oder im Restaurant nebenan gefragt habe? Und ob es im nur 500 Meter entfernten Lieferando-Lager keine Mitarbeitertoiletten gebe? Die seien immer so dreckig, er wäre in Zeitnot gewesen – „war halt scheiße, ja“.

So wie er sind es nicht selten Männer, die Arbeiten ohne feste Örtlichkeit ausführen: Lkw-Fahrer, Straßenbauer, Handwerker. Lässt sich hier von einer wortwörtlichen Notdurft sprechen, wenn die Blase drückt und der Mann dem Harndrang öffentlich nachgibt? Wie beim ersten Flug ins Weltall, als Juri Gagarin sich kurz vorher noch am Reifen des Busses erleichterte, der ihn zum Raumschiff fuhr. Vielleicht immer noch besser als Alan Shepard, der sich als zweiter Mann im Weltall auf dem Weg dorthin in die Hosen machen musste.

Erziehung ist beim Urinieren ja generell ein Thema

Und auch mit dem Ekel vor unhygienischen öffentlichen Klos ist der Lieferando-Fahrer nicht allein. Frauentoiletten sind kein schönerer Ort. Ist die Konsequenz, einen anderen Ort vollzupinkeln, aber nicht paradox? In der englischen Stadt Norwich findet man noch heute „Anti Urination Devices“ in Form von Eisengittern und Steinvorsprüngen, die den Wildpinklern im 19. Jahrhundert genau deswegen die beliebten und daher übelriechenden Ecken verbauen und sie zur neuen Hygiene umerziehen sollten: dem Pinkeln im Privaten.

Erziehung ist beim Urinieren ja generell ein Thema: anale Phase, Töpfchentraining oder wenn der Sohn „schnell mal am Baum“ kann, während für die Tochter vielleicht erst ein geeigneteres, weil verstecktes Plätzchen gesucht wird. Auch wenn wir keine Abziehbilder unserer Kindheitserfahrungen sind: Könnte sich damit dennoch eine gesteigerte Bereitschaft zum Wildpinkeln erklären lassen?

Prof. Dr. med. Frank Sommer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit, geht davon aus, dass Wildpinkeln auch im Alter antrainiert ist – so wie Urinieren im Stehen oder Sitzen. Mit Ausnahme des imperativen Harndrangs: „Diese Männer haben ein medizinisches Problem. Sie müssen so schnell wie möglich eine Toilette aufsuchen, teilweise innerhalb weniger Sekunden.“ Er hält den imperativen Harndrang für unterschätzt, die Statistik schwanke stark: etwa zehn bis 40 Prozent aller Männer sollen darunter leiden.

Doch auch über Probleme mit der Blase hinaus: Um Hilfe zu bitten, ist für viele Männer mit Scham behaftet. Gehört das Fragen nach der Toilettenbenutzung in einem Lokal dazu? Ist für einen Mann die eigene Lösung immer die bessere, auch wenn sie bedeutet, die Hose an der Hauptstraße öffnen zu müssen?

Der Lieferando-Fahrer kam Wochen später noch mal in unseren Hinterhof – nicht aus urologischen Gründen, nicht erziehungswissenschaftlich erklärbar oder aus verlegener Hilflosigkeit heraus, sondern um uns Pizza zu bringen. Sein gewollt lässiges „Hey!“ konnte nicht ganz die Peinlichkeit aus der Situation nehmen. Vielleicht war erwischt worden zu sein die schlimmste Strafe überhaupt. Mein Partner gab ihm trotzdem Trinkgeld, wusch sich danach aber gründlich die Hände.

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