Derzeit wird von verschiedensten Seiten mehr „Demokratie“ gefordert. Als sei darunter ein Braten zu verstehen, den jeder anders würzen möchte. Demokratie als Begriff verschleißt. Demokratie ist nicht statisch greifbar. Nicht alle meinen daher das Gleiche. Man wappnet sich mit dem Synonym. Auch die DDR vereinnahmte es in ihrem Namen, wo am Ende aber immerhin der „Runde Tisch“ herauskam.
Die rhetorische Formel, „Wenn sich zwei Personen treffen, treffen sich zwei Standpunkte – jeder hat von seinem Standpunkt aus recht“, beschreibt den Weg zur Demokratie als Prozess. Derzeit ist fast alles gesagt. Leider geht es mehr und mehr in Richtung Spaltung. Ich persönlich ertrage aber nicht, zusehen zu müssen, wie die AfD in meinem Landkreis stärker wird. „Wutbürger“ wurden nicht als „Wutbürger“ geboren. Vielleicht hat man sie kulturell im Stich gelassen beziehungsweise sich gar nicht bemüht, sie abzuholen. Es fehlt das gemeinsame Suchen nach Lösungsformen.
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Wie wäre es mit mehr kreativem Denken, jetzt, wo die Realität den Umständen nicht mehr gewachsen zu sein scheint? Leider sind auch für Kunst und Kreativität die Begriffe verschlissen. Und kaum einer erinnert sich beispielsweise daran, welche Rolle Kunst und Kultur in der DDR einnahmen. Sie schafften freie Denk- und Aktionsräume und speisten reflektierende Geister – und sie ließen „Unmögliches“ möglich werden.
Kunst und Literatur schoben Assoziationen von Freiheit ins Bewusstsein großer Bevölkerungsschichten. Aus genau der Angst vor daraus erwachsenden Energien reagierte Honecker. Die zuvor noch geduldete Weite und Vielfalt wollte er unterbinden – kam jedoch zu spät. Die Bevölkerung verstand unsere kreativen Codes vom neuen Denken. Viele engagierten sich. Als die Situation eskalierte, war es (unter anderem) der intelligente Witz aufmüpfiger Bildsprache gewesen, der am 4. November 1989 ein Drehmoment einbrachte und die Revolution friedlich enden konnte. Eine Entspannungswelle fegte er über den Alexanderplatz.
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Hätten aber Verhärtungssignale den Demonstrationston bestimmt, wäre es – absolut wahrscheinlich – zum Startschuss bei den wartenden Panzern gekommen. Kreativität ist der Urmotor der Evolution. Kaum jemand möchte jedoch öffentlich den Begriff in Politiknähe rücken. Vielleicht ist Politik zu abstrakt. Vielleicht zu bürokratisch. Jeder innovative, die Konfliktatmosphäre konstruktiv belebende Versuch könnte womöglich verunsichern?
Ost- und Westkunst nebeneinander
Auch das Buch von Dirk Oschmann, „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“, stellt die Forderung nach mehr „Demokratie“ ins Zentrum. Der Ost-West-Konflikt ist neu entbrannt. Oschmann überrascht mit schmerzlichen Fakten. Wie begründet der zornige Autor aber seine zu vielen Verallgemeinerungen? Ich komme in Verlegenheit. Sensible Themen müssen ausreichende Schnittmengen aufweisen. Das „Defizitäre“, als Grundtenor seines Buches, stimmt aber nicht prinzipiell mit meinen Ost-West-Erfahrungen überein.
Schließlich tönte „Wir sind das Volk“ in Leipzig aus der demonstrierenden Menge. Eigentlich wurde schon damals der zweite Schritt vorm ersten getan. Wenige Monate später entstand der Einigungsvertrag im Schnellfeuerverfahren. Der Altkanzler Helmut Schmidt prangerte den Passus „Rückgabe vor Entschädigung“ als „Kardinalfehler“ an, den er für das darauffolgende Ausbluten ostdeutscher Regionen verantwortlich machte. Auch ich war betroffen. Heute betrachte ich den Teilverlust meines Grundstücks als „Narbe der deutschen Einheit“.
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Es begann danach für mich und für sehr viele eine spannende Zeit. Kunst und Kultur setzten kreative Impulse. Wir konnten Erfahrungen aus beiden Entwicklungen einbringen. Ich glaube nicht, dass sich jemand den alten Zustand zurückwünscht. Ich möchte Dirk Oschmann widersprechen, vom Westen geringgeschätzt oder gar verkannt zu werden! Kunst- und kulturliebende, bildungsneugierige Menschen aus der alten Bundesrepublik begegnen – seit 1990 – kunst- und kulturliebenden, bildungsneugierigen Menschen aus dem „Osten“, der eben keine pure „westdeutsche Erfindung“ ist.
Diese Schublade existiert in meiner Wahrnehmung nicht. Wut und Zorn sind nicht die bestimmenden Farben. Es gibt großartige, inspirierende Ironie und intelligenten, vereinenden Humor – und es gibt wirklich herzliche, langjährige und tiefgehende Freundschaften. Im tiefsten West-Berlin beispielsweise leben Menschen mit den Gemälden ostdeutscher Künstler, die – Ende der Achtziger – eine eigene, expressive Bildsprache entwickelten. Die Kunst ist der Grund für das Sammeln.
Es sind Werke, in denen Aufbruchsenergie aus dieser befreienden, unwiederbringlichen Umbruchsphase mitschwingt. Ich möchte zudem an eine Ausstellung erinnern, die 2015 im Potsdam-Museum stattfand. Auf Augenhöhe hingen ost- neben westdeutschen Künstlerinnen und Künstlern. In erstaunlicher Ähnlichkeit hingen sie nebeneinander. „Die wilden Achtziger in der deutsch-deutschen Malerei“ vereinte und vermischte bewusst und selektierte nicht nach politischer Herkunft. Manchmal beweisen Bilder mehr, als Worte es erklären könnten.
Ulla Walter, geb. 1955 in Meiningen, ist eine deutsche Malerin, Bildhauerin und Autorin. Sie lebt in Schöneiche bei Berlin.
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