Theater

„Der Bus nach Dachau“ beim Theatertreffen: Ein stilles Fest auf der KZ-Latrine

Die niederländische Gruppe De warme Winkel zeigt eine Erinnerungscollage, die sich mit dem Scheitern am Holocaust abfindet und mit einem Sonnenaufgang endet.

Ulrich Seidler
3 Min
Szene aus dem Erinnerungsstück „Der Bus nach Dachau“ von De Warme Winkel. Auf dem Bild: Mercy Dorcas Otieno, Lieve Fikkers und Risto Kübar (v.l.)

Szene aus dem Erinnerungsstück „Der Bus nach Dachau“ von De Warme Winkel. Auf dem Bild: Mercy Dorcas Otieno, Lieve Fikkers und Risto Kübar (v.l.)

© Isabel Machado Rios

Irgendwann steht nicht mehr nur die verschlossene Holzkiste mit einer Kantenlänge von ungefähr sechs Metern im Raum, sondern auch eine These: Wäre es nicht wirkungsvoller, den Holocaust als Fiktion, als ein Gruselmärchen zu erzählen, statt daran zu scheitern, die Wahrheit weiterzugeben?

Die Verwässerung und Verfärbung der Erinnerung ist das Thema der zum Theatertreffen eingeladenen Andeutungs- und Erklärtheatercollage „Der Bus nach Dachau“ der niederländischen Theatergruppe De Warme Winkel, im Kern bestehend aus Vater Vincent Rietveld (geb. 1948) und Sohn Ward Weemhoff (geb. 1983), in diesem Fall ergänzt mit Mitgliedern des Schauspiels Bochum. Was ist zum Beispiel mit der Wahrheit des Großvaters, der das Gut-Böse-Schema nicht überall schon in unendlich viele Graustufen ausdifferenziert hatte, sondern sagte: Wenn man einem Faschisten begegnet, jage man ihm eine Mistgabel durch den Leib und nagle ihn damit an einen Baum. Weemhoff überlegt, ob und wie er das an seine achtjährige Tochter weitergeben soll.

Ausgangspunkt des Abends ist ein Drehbuch, das Rietveld in den 1990er-Jahren über ehemalige Dachau-Gefangene geschrieben hat. Nach der Befreiung des Lagers haben alle Nationen Delegationen geschickt, um ihre Leute nach Hause zu holen. Nur die Niederländer wurden nicht abgeholt, die mussten sich selbst auf den Weg machen, wurden an der Grenze erst einmal in Quarantäne gesteckt und arrestiert, als sie abermals zu fliehen versuchten. Der Film sollte davon handeln, wie diese Gruppe nun die Rückreise nach Dachau, in ihre Vergangenheit antritt. Das Projekt scheiterte an der Finanzierung, zum Teil auch an der Konkurrenz zu „Schindlers Liste“, der 1993 den Bedarf an Holocaust-Filmen deckte.

Verfremdung und Einfühlung

Die Akteure reflektieren über die Darstellung des Undarstellbaren, machen Andeutungen, verwerfen sie, diskutieren ästhetische Fragen, arbeiten sich Schubert singend an der Vater-Sohn-Geschichte ab, überformen naturalistische Szenen mithilfe von Langhaarperücken, mit dem Einsatz von Videofiltern und fetter Musik. Höhepunkt ist ein leiser Monolog, mit dem Rietveld sich in die Situation eines Dachau-Häftlings zu versetzen versucht, indem er dem Publikum minutiös die Empfindungen beim Defäkieren in der KZ-Latrine miterleben lässt.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Die Dramaturgie des sympathisch unaufgeregten Abends ist offen bis hin zur Windigkeit und mit Absicht im Prozess stecken geblieben, sie findet sich ab mit dem eigenen Ungenügen und erklärt entlang des Adorno-Diktums von der Dichtung nach Auschwitz mit einem melancholischen Lächeln den Bankrott der Kunst vor dem Abgrund und dem Mahlstrom der Wirklichkeit. Schön, wie sie am Ende auf einer Tankstelle in die Morgensonne tanzen – ausgerechnet zu einer Ost-Rock-Ballade, nämlich Panta Rheis „Nachts“, gesungen von Veronika Fischer: „Langsam geht die Nacht vorbei, ein neuer Tag beginnt. Ein Tag mit viel Sonnenschein, der mich dir wiederbringt.“

Der Bus nach Dachau läuft noch einmal am heutigen Mittwoch, 19 Uhr im Haus der Berliner Festspiele. Das Theatertreffen geht noch bis 29. Mai. Karten und Programm unter www.berlinerfestspiele.de

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

weltbune Banner