Bühne in Berlin

Berliner Theatertreffen: Der Eindruck von heißer Luft herrscht gewaltig vor

Das Theatertreffen versucht in seinem Rahmenprogramm, die Diktatur in Belarus und den Krieg in der Ukraine ins Gespräch zu bringen, und vergisst dabei die Kunst.

Doris Meierhenrich
Doris Meierhenrich
5 Min
Wenn das Theater nur noch Mittel <a href="https://www.berliner-zeitung.de/topics/ukraine">des Kampfes gegen Russland und dessen imperiale Kultur</a> ist: Szene aus „Putinprozess“ mit ukrainisch-deutschem Ensemble.

Wenn das Theater nur noch Mittel des Kampfes gegen Russland und dessen imperiale Kultur ist: Szene aus „Putinprozess“ mit ukrainisch-deutschem Ensemble.

© Fabian Schellhorn

Möglicherweise haben es ein paar Passanten gesehen, als Jana Shostak sich pünktlich um 18 Uhr am vergangenen Sonntag vor das Haus der Berliner Festspiele stellte, die Arme ausbreitete und laut schrie. Im Theater selbst war derweil die Münchner Theatertreffeneinladung „Das Vermächtnis“ im vollen Gange, weshalb niemand des eigentlich adressierten Publikums etwas von dem Schrei draußen mitbekam.

Schade eigentlich, denn es war ein eminent dringender politischer Schrei, der die Tyrannei in Belarus auch den Theatergängern Berlins unter die Haut schießen wollte. Aber die „Artivistin“ Jana Shostak hat sich nun mal ein enges Zeitkorsett gegeben, das keine Verschiebung Richtung Stückpause erlaubt, ganz wie die belarussische Demokratiebewegung selbst, die ihr Schrei repräsentiert.

Gut ausgedacht ist das, praktisch umgesetzt aber leider ein Schuss ins Leere. Denn dieser Schrei weiß nicht nur nicht, an wen er sich wenden will, er findet hier vor allem komplett kontextlos statt, kümmert sich in keiner Weise um das Umfeld seiner Aufführung.

Betretenes Publikum: Rohe Kunstlosigkeit des belarussischen Schreis

Daran ändert sich auch nichts, wenn der Schrei dann doch mal großes Publikum hat, wie am Tag zuvor geschehen, als die Pause im Theater günstig fiel. Denn plötzlich trafen da die nach allen Regeln der Illusionskunst eingesponnenen „Vermächtnis“-Besucher auf die rohe Kunstlosigkeit des belarussischen Schreis, der dem Vernehmen nach aber nicht viel mehr hervorrufen konnte als Betretenheit. Sollte man sich nun schämen für das fiktive Spektakel im Innern, das sich um die reale Gewalt eines Lukaschenko oder Putin in dem Moment nicht scherte?

„1 Minute Scream“ heißt die Aktion von Jana Shostak.

„1 Minute Scream“ heißt die Aktion von Jana Shostak.

© Fabian Schellhorn

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Aus Sicht der „Artivistin“ und ihrer ukrainischen Kollegen, die das neue Theatertreffen-Team in diesem Jahr unter dem Fokus Ukraine und Belarus ins performative Rahmenprogramm des Festivals geladen hat, ist das durchaus eine zentrale Frage.

Und so kommt es, dass man in dem nun „10 Treffen“ betitelten Beiprogramm kaum etwas anderes erkennen kann als dezidiert antiästhetische Gegenentwürfe zu der ambitionierten 10er-Auswahl der Kritikerjury. Dabei war eine Frontstellung dieser Art nie Absicht der drei neuen Leiterinnen, denen es gerade im Gegenteil um den Ausbau des „Sich Treffens“, der Begegnungen ging, wie Co-Leiterin Joanna Nuckowska betont.

Neues Team: Joanna Nuckowska, Carolin Hochleichter und Olena Apchel (v.l.) leiten das Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele.

Neues Team: Joanna Nuckowska, Carolin Hochleichter und Olena Apchel (v.l.) leiten das Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele.

© Christophe Gateau/dpa

Nichts anderes feiert in diesem Sinne auch die fast manische Umbenennung aller Programmpunkte in „Treffen“-Artikel: Die Performances bilden so das „Responsibility-Treffen“, die Diskussionen das „Solidarity-Treffen“ usw. Dass nach der Hälfte des Festivals der Eindruck von heißer Luft nun aber gewaltig vorherrscht, liegt nicht nur an diesem überdehnten Begriffskleid, sondern daran, dass die geladenen Performances und Diskussionen dieses schlicht nicht mit Fleisch füllen.

Ja, es gab auch gute Treffen. Im Garten des Festspielhauses zum Beispiel, wo eine Handvoll geflüchteter Ukrainerinnen einen Nachmittag lang an einem Tisch voller Stoffe und Wolle auf Interessierte warteten, denen sie ihre Stick- und Webkunst beibringen konnten. Ohne Ukrainisch-Kenntnisse war Reden hier sinnlos, dennoch verstanden sich die Frauen so kreativ mitzuteilen, dass jeder Besucher am Ende mit irgendeiner Handarbeit nach Hause ging.

Über dem Schreibtisch hängt nun eine Glück bringende Motanka-Puppe als Produkt schönsten Begreifens jenseits aller Begriffe. Man kann das naiv finden, aber angesichts des Zynismus, der später die Performance „Putinprozess“ von Andriy May etwa prägte, war die intellektuelle Aufgeschlossenheit dieses „Textile Workshops“ beglückend.

Zähe, zynische Parodie auf Kunst selbst: Szene aus „Putinprozess“

Zähe, zynische Parodie auf Kunst selbst: Szene aus „Putinprozess“

© Fabian Schellhorn

Vom Krieg traumatisiert, versteht May wie die meisten der hier geladenen ukrainischen Künstler das Theater mittlerweile nur noch als Mittel des Kampfes gegen Russland und dessen imperiale Kultur. Aus seiner Sicht verständlich, nur glaubt er zudem, ein deutsches Publikum, das sich dennoch für russische Kultur weiter interessiert, von seiner unreflektierten Russlandhörigkeit befreien zu müssen.

„Putinprozess“: Quälend lange Filmausschnitte von Putins Kriegsreden

Ebenso von der Erwartung, ein ukrainischer Künstler könne eine raffinierte (Anti-)Kriegsperformance abliefern. Sein „Putinprozess“ ist somit nicht viel mehr als eine unendlich zähe, zynische Parodie auf Kunst selbst. Dafür lässt er quälend lange Filmausschnitte von Putins Kriegsreden abspielen, die trotz grafischer Verzerrung den Machtdiskurs natürlich nur verdoppeln, während er in der zweiten Hälfte dann alle Darstellungsmittel verbannt und nur noch selbst auf dem Boden liegend seine Fluchtgeschichte erzählt. Kunstkritik in allen Ehren, in dieser Plattheit aber ist sie witzlos.

Auch die junge Hooligan Art Community aus Kiew hat keinen Nerv für große Kunst. Anders als May aber versteht sie es in ihrer wild-bunten Sing- und Tanz-Show „Bunker Cabaret“ mit ihrer Wut, Angst und auch dem bitteren Sarkasmus den russischen Nachbarn gegenüber zu spielen. Es braucht nur wenige kleine Lichter und Kisten, um in ironisch-pathetischer Beiläufigkeit ebenso von Bomben zu erzählen wie von zarten Träumen. Kleine Lichtblicke in einem dünnen, in sich verkapselten Rahmenprogramm mit viel Luft nach oben.


Theatertreffen, bis 29.5., Info: berlinerfestspiele.de

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