Apotheken

Apotheker protestieren vor dem Ministerium: Warum provoziert Lauterbach sie?

Am Mittwoch hatten viele Apotheken in Deutschland geschlossen. Der Grund? Zu wenige Einnahmen, zu viele Lieferengpässe – und alle nervt die Bürokratie.

4 Min
Protestmarsch in Berlin-Mitte am 14. Juni: Die Apotheken sterben aus.

Protestmarsch in Berlin-Mitte am 14. Juni: Die Apotheken sterben aus.

© Annette Riedl/dpa

Tausende Apotheken in ganz Deutschland blieben am 14. Juni geschlossen, da die Apotheker unter anderem für bessere Bezahlung und weniger Bürokratie protestierten. Etwa 2000 Menschen in weißen Kitteln liefen laut Polizeiangaben im Protestmarsch durch die Straßen von Berlin.

Um 12.37 Uhr blieben sie vor dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) in der Mauerstraße stehen, um die Haltung von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zu kritisieren. Der hatte die Forderungen der Apotheker bereits abgelehnt. Dazu warfen einige Demonstranten falsche 0-Euro-Scheine vor die Eingangstür des Ministeriums. Dies sei nämlich der Betrag, den die Regierung für die Apotheken in den letzten zehn Jahren trotz stetig steigender Kosten bereitgestellt habe.

Von seinem Bürofenster beobachtet Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) den Protestmarsch, macht ein Foto und lädt es auf Twitter hoch. Dazu schreibt der Bundesminister: „Großer Apotheker-Streik vor meinem Büro. Sie skandieren ‚wir sind viele, wir sind laut, weil er uns die Kohle klaut.‘“ In Wahrheit ging es bei den Demonstranten um eine geklaute „Zukunft“. Das wenige Geld ist jedoch ein Protestgrund, der von vielen Apothekern genannt wurde. Der Spitzenverband der Apotheken fordert nämlich eine Erhöhung des Fixums, der derzeit bei 8,35 Euro liegt, auf zwölf Euro pro verschreibungspflichtiges Medikament. Das Fixum wurde seit etwa zehn Jahren nicht angepasst.

Jeden Tag schließt in Deutschland eine Apotheke

„Alle 17 Stunden macht eine Apotheke in Deutschland zu“, sagt Umberto Veglia zur Berliner Zeitung. Er ist Filialleiter von der Feuerlandapotheke, eine der drei Apotheken in Berlin-Mitte, die zum N/F/S-Apothekenverbund gehört. Ende März gab es noch 17.939 Apotheken, der niedrigste Stand seit den 1980er-Jahren. Seit Ende 2022 gibt es damit bundesweit 129 Apotheken weniger: 17 Neueröffnungen stehen 146 Schließungen im ersten Quartal gegenüber. Ein Grabstein aus Pappkarton wird in Gedenken an die geschlossenen Apotheken vor dem Bundesgesundheitsministerium abgestellt.

Ein Grabstein aus Pappkarton vor dem Bundesgesundheitsministerium erinnert an die 129 Apotheken, die im ersten Quartal 2023 geschlossen haben.

Ein Grabstein aus Pappkarton vor dem Bundesgesundheitsministerium erinnert an die 129 Apotheken, die im ersten Quartal 2023 geschlossen haben.

© Franz Becchi/Berliner Zeitung

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„Es geht nicht darum, für die Apothekeninhaber mehr Geld zu bekommen, damit sie sich ein Haus auf Sylt kaufen, sondern es geht darum, dass wir Fachangestellte auch ordentlich bezahlt werden können“, sagte Veglia. Lieferengpässe bedeuten zum Beispiel nicht nur weniger Medikamente, sondern auch mehr Arbeit. Fachpersonal und Helfer würden täglich stundenlang mit Unternehmen telefonieren, um eine adäquate Menge von Arzneimitteln zu sichern, die wiederum auch nicht zu groß sei. Denn die Betreiber der Apotheken tragen das volle unternehmerische Risiko für eventuelle Mehrkosten.

Ein betonter Fachkräftemangel in der Branche würde zudem die Lage verschärfen. Insbesondere bei Apothekerassistenten und pharmazeutisch-technischen Assistenten. Die Letzteren müssen für die Kosten der Ausbildung selbst aufkommen, und immer weniger Nachwuchs entscheidet sich für diesen Weg, auch für die bitteren wirtschaftlichen Zukunftsaussichten.

Zwischen Bürokratie und fehlender Digitalisierung

Eins der größten Probleme, mit denen Apotheker täglich zu tun haben, ist auch eine viel zu aufwändige Bürokratie. Auf die Frage, was sie sofort ändern würde, wenn sie an der Regierung wäre, zeigte eine Apothekerin den QR-Code auf einem Rezept. „Dat kann nich’ war sein“, sagt die Berlinerin und meint, dass Deutschland bis jetzt immer noch keine digitalen Rezepte habe. Das E-Rezept sollte am 1. Juli in Deutschland eingeführt werden, aber ganz sicher ist es noch nicht. Die Kommunikation zwischen Krankenkassen und Apotheken sei zudem aufwändig und koste viel Zeit. „Die läuft jetzt langsam ab“, sagt die Frau und stöpselt sich Watte in die Ohren. Mit Vuvuzelas und Trillerpfeifen waren die weißen Kittel heute besonders laut.

„Ich kenne das noch aus DDR-Zeiten, damals sind Patienten bei mir zusammengebrochen, weil sie seit Monaten keine Medikamente bekommen hatten“, erzählte Annemarie V. Sie war schon vor dem Mauerfall Apothekerin und bezeichnet die aktuelle Lage als extrem. „Wir sind eine Minderheit und haben keine Lobby, die sich für uns einsetzt. Wir müssen jetzt selbst durchgreifen“, sagte Annemarie.

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