Kommentar

Berlin versus Frankfurt am Main: Ein Vergleich wie Samstagnacht und Dienstagmorgen

In der Rangliste der lebenswertesten Städte liegen die Hauptstadt und das Provinznest gleich auf. Unser Autor hat an beiden Orten gewohnt – und ist entrüstet.

Manuel Almeida Vergara
Manuel Almeida Vergara
3 Min
Ernstzunehmende Konkurrenz? Wohl kaum.

Ernstzunehmende Konkurrenz? Wohl kaum.

© Roshanak Amini für Berliner Zeitung am Wochenende

Berlin rutscht weiter ab im jährlichen Städteranking des Economist. Von Platz 13 auf Platz 17. Schön ist das nicht, wäre an sich aber verkraftbar, wird die nun erneut herausgegebene Reihenfolge der „lebenswertesten Städte der Welt“ eben viel zu sehr an nicht unwichtigen und doch eher langweiligen Faktoren festgemacht. An der Sicherheit im Stadtraum zum Beispiel, an einer funktionierenden Bürokratie oder einer guten Infrastruktur – Bewertungsfelder also, in denen Berlin tatsächlich kaum punkten kann.

Aber da ist ja noch die Stimmung in der Stadt. Ihre Atmosphäre, der „Vibe“, wie man heute sagt, die Balance zwischen Anspannung und Amüsement. Da ist das ewig unfertige, immer verruchte Berlin im Deutschlandvergleich einsame Spitze. Das wissen alle, die schon mal hier gewesen sind. Und so ist es besonders bedauerlich, erschütternd geradezu, dass sich Berlin den ohnehin unrühmlichen 17. Platz auch noch mit Frankfurt am Main teilen muss. Frankfurt! Am Main! Ausgerechnet!

Insgesamt elf Jahre lebe ich nun in Berlin. Immerhin viereinhalb habe ich zwischendurch in Frankfurt am Main gewohnt. Ich halte mich also für ortskundig genug, um festzustellen: Es ist eine Frechheit, Berlin gleichzusetzen mit diesem piefigen Örtchen, das nie verkraften konnte, nach dem Krieg eben nicht Hauptstadt geworden zu sein. Oder dass der erhoffte große Ansturm Londoner Banker nach dem Brexit schlichtweg ausgeblieben ist. Oder dass es die „Frankfurt Fashion Week“ nur auf dem Konzeptpapier gegeben hat.

Essigsaurer Apfelwein und glorifizierte Kräuter-Mayonnaise

Den Status der Weltstadt immer nur vor Augen, immer knapp verpasst, ist Frankfurt ein biederes Nest geblieben, in dem die Bankentürme stehen wie Fremdkörper, die man in der Provinz abgestellt und dort vergessen hat. Eine Absurdität, die sich vor allem am Wochenende zeigt; dann nämlich, wenn all die hemdsärmeligen Arbeitstiere in ihren bräsigen Hugo-Boss-Anzügen verschwunden sind – in ihre Häuser im Taunus, in Mainz oder Wiesbaden, irgendwo vor den Toren der Stadt.

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Montags bis freitags zwischen 8 und 18 Uhr ist Frankfurt voll; nach Feierabend und am Wochenende herrscht dafür gähnende Leere. Was ist das für eine Stadt, in der man dienstags schon um 11 keinen freien Mittagstisch mehr findet, aber samstagnachts um 2 ganz alleine in der S-Bahn sitzt? In der an jedem Wochentag der Innenstadtverkehr zusammenbricht, aber sich das semi-coole Bahnhofsviertel als wichtigste Ausgehmeile auf gerade mal ein, zwei kurze Straßen mit zwei, drei netten Kneipen beschränkt?

Da hilft auch die traditionelle Gastwirtschaftskultur mit ihrem essigsauen Apfelwein und der ach so tollen grünen Soße nichts, die sich als eine Art glorifizierte Kräuter-Mayonnaise entpuppt: Mit einer gesunden Work-Life-Balance hat das triste Dasein in Frankfurt am Main herzlich wenig zu tun. Man könnte auch sagen: Lebenswert ist anderswo – zum Beispiel in Berlin.

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