Silberne Palmen flankieren die gigantische Bühne. Flamingos sind im Bühnenbild auch schon zugegen – und etwas, das nach überdimensionierten gebogenen Strohhalmen in Regenbogenfarben aussieht. Wobei sich während der Zwei-Stunden-Show herausstellen wird (Spoiler!), dass diese Teile auch in anderen Farben blinken können. Auf die Bühne hat man zudem eine Discokugel mit bestimmt zwei Metern Durchmesser gerollt. Es wirkt, als wollte Pink mit uns eine Strandparty feiern, hier im Olympiastadion auf ihrer „Summer Carnival“-Tour. Berlin am Meer? Warum nicht. Oder zumindest etwas Spreestrand.
Pink, die dreifache Grammy-Preisträgerin aus den USA, einst Stimme der Outsider, aber inzwischen Mainstream genug, um das Olympiastadion zu füllen (wie bald noch Depeche Mode und voraussichtlich auch Rammstein), hat sich den Lippenstift pink, na logo, über den Mund gezogen. Gutes Match mit ihrem pinken Lidschatten und erst recht mit dem Glitzerbody, in dem Pink zum Opener die Bühne besteigt. Das Sonnenlicht im Olympiastadion ist noch angeschaltet kurz vor halb neun, aber Pink weiß eben, wer sie ist, und fordert, dass die Fete für sie jetzt ratzfatz in Schwung zu bringen sei („Get The Party Started“).
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Pink feiert von den ersten Tracks an eine Party like it’s 1999. Sie zeigt viel Schenkel in Strumpfhosen; und obendrauf ihren platinblonden Iro-Undercut. Auf der Haupttribüne erheben sich die ersten aus dem Publikum (geschätzter Altersdurchschnitt: Mitte 40) und beginnen zu schwofen – vielleicht auch hypnotisiert von den Visuals auf der Bühnenleinwand: Ananas-Totenköpfe und Einhorn-Donuts. Später werden sie abgelöst durch computeranimierte Zitronenscheiben, bunte Basketbälle, gelbe Delfine und psychedelisch verhuschte Videos. In besagten Pink-Hit von 2001, „Get The Party Started“, mischt sich aber erst mal ein Eurythmics-Riff („Sweet Dreams (Are Made Of This)“) ein, und Pink schwingt Salti, als wollte sie in Sachen atemloser Akrobatik selbst Helene Fischer Konkurrenz machen.
Gut ist Pink auch darin, mit erbaulicher Pride-Regenbogenflagge vor knutschenden queeren Paaren oder mit flotten Sprüchen ansatzweise Nähe zu den 60.000 Menschen hier im Stadion herzustellen: „Wenn wir in der Oper wären, wäre ich der Vampir“, sagt die 43-Jährige keck. Oder, als sie ihre Solo-Piano-Version von Bob Dylans „Make You Feel My Love“ ankündigt: „Toller Song zum Rummachen – falls jemandem gerade danach ist.“
Zwar steht ihr weiß lackierter Flügel etwas verloren da zwischen all den Ballermann-Requisiten auf der Bühne. Aber trotzdem sind es klanglich diese Momente, die am meisten überzeugen – denn hier kommt Pinks große Charakterstimme mit der richtigen Dosis Krächzen voll zur Geltung. Auch beim A-cappella mit ihren drei Background-Sängerinnen: „Please Don’t Leave Me“ gerät trotz blendend weißer Zähne wie aus der Zahnpastawerbung zum Schmachtfetzen, der hart auf die Tränendrüse drückt. Das Gegenteil des betäubten Autotune-Einerleis heutzutage. „Lieder waren immer meine Kumpels im Dunkeln“, sagt Pink, „wie Taschenlampen.“ Man glaubt es leicht.
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Auch physisch geht Pink auf Tuchfühlung zum Stadion-Publikum, sammelt Kuscheltiere und Sekt aus den ersten Reihen. Oder auch mal Batikklamotten. Obwohl die Fans so viel geben, haben sie immer noch genug: Manche tragen Lichterketten im Haar. Die Stimmung im Stadion ist prächtig, viele haben Bock zu tanzen. Pink verteilt fleißig Autogramme auf allerlei Gegenstände, die man ihr auf die Bühne reicht. Sie kann gut fangen und gut werfen, verfügt über beste Baseball-Skills.
Kürzlich in London soll ein Fan sogar die Asche seiner Mutter auf Pinks Bühne geworfen haben. So weit kommt es in Berlin nicht, wenn wir alles richtig sehen. Aber immerhin wird Pink mit einigen Büstenhaltern bombardiert. Die Körbchengröße wird dabei immer größer, bis Pink kokettiert, der BH hier würde ihr wohl erst im nächsten Leben passen. Stets strahlt Pink dabei nett. Aber richtig nahbar wirkt sie trotzdem nie. Eher eine Spur gönnerhaft, vielleicht sogar überheblich: Ganz klar, sie ist der Star hier.
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In mittelblauem Rock und rosa Wuscheloberteil macht Pink dann zur Country-Gitarre mal einen auf Taylor Swift, und zu „When I Get There“ bekommt sie ihr erstes Handylichter-Sternenmeer des Abends. Langsam lässt die untergehende Sonne es zu. Bei der Bluegrass-Powerballade kocht der Kessel. Und das sicher nicht nur, weil man sich hier im Stadion für 6,50 Euro einen halben Liter „Premium Pils“ gönnen kann, plus 3 Euro Pfand.
Zu „Trustfall“, dem Titeltrack des 2023er-Albums, behüpfen die Tänzer diverse Trampoline, und bei „Blow Me“ laufen Lippen mit Beinen über die Bühne, ähnlich einer Kussmund-Polonaise. Ariana, die Keyboarderin, imitiert den „Final Countdown“, und einer der Tänzer fährt in einem Einkaufswagen. Es ist nicht so, als würde alles direkt so viel Sinn ergeben wie die Trampoline und die Lippen. Inzwischen herrscht ein heilloses Party-Tohuwabohu auf der Bühne. Gut, dass wir für einen Ansatz von Restorientierung die Namen der Tanzenden in neonpinken Lettern eingeblendet bekommen auf den Screens, wie zum Abspann einer Streaming-Serie. All dies zum Track „Never Gonna Not Dance Again“, reich an Blechbläserfanfaren.
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Zur ersten Zugabe „Last Call“ hat sich Pink selbst per Ganzkörperanzug in eine stattliche Discokugel transformiert. Und zum finalen „So What“ schwingt sie sich, an vier Hochseilen befestigt, Hunderte Meter weit quer durchs Stadion, hin und zurück und wieder zur Mitte, wo sie zweimal kurz landet. Ein irrealer Ritt. Ein bisschen wie Dumbo, der liebenswerteste fliegende Elefant der Welt. Irgendwie passt das zu dieser Frau, die als Mädchen überhaupt nur mit dem Singen anfing, um ihr Asthma in den Griff zu kriegen. Und die hart dafür kämpfen musste, keine Tiefkühlsongs mehr vorgelegt zu bekommen, sondern ihre eigene Story zu erzählen. Es gleicht einem Wunder, dass diese große Outsiderin so sehr Mainstream wurde. Für viele verkörpert sie offenbar noch immer dieses gewisse Rebellentum, von dem sie sich gerne eine Scheibe oder zumindest ein Lied abschneiden würden.
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Am Ende fliegt sie weiter, durchs Konfetti, bis das Feuerwerk Silvester im Sommer verkündet. Die Palmen und Flamingos und die Discokugel formulieren keine Einwände. Die Party namens Leben läuft. Und für 60.000 Menschen ist die Zukunft pink.
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