Was CDU und SPD Ende April in ihrem Koalitionsvertrag in Aussicht stellten, weckte bei Betroffenen von Long Covid und dem Post-Vac-Syndrom große Erwartungen. „Wir fördern den Aufbau wohnortnaher, niederschwelliger und interdisziplinär angelegter Anlaufstellen für von Long/Post Covid und/oder Post Vac betroffenen Personen auch finanziell“, versprach das neue Regierungsbündnis. Es war bundesweit die weitreichendste Zusage für Menschen, die mit Langzeitfolgen einer Corona-Infektion oder Impfung zu kämpfen haben. Auch jene, die unter der häufig postviral auftretenden Multisystemerkrankung ME/CFS leiden und denen bislang oftmals Ärzte fehlen, konnten auf eine bessere Versorgung hoffen.
Wenige Wochen nach Abschluss des Vertrags jedoch rückt die Senatsverwaltung für Gesundheit von den verbindlichen Aussagen ab. Auf Anfrage, ob Konzept und Zeitplan bereits stehen, stellt die Behörde von Senatorin Ina Czyborra (SPD) das Vorhaben an sich infrage: „Anzeichen dafür, dass die vorhandenen Versorgungsstrukturen im Land Berlin zur Behandlung von Menschen mit Long/Post-Covid und Post-Vac sowie mit ME/CFS nicht geeignet wären und daher diesbezüglich ein Versorgungsnotstand vorliegt, liegen nach hiesiger Einschätzung derzeit nicht vor“, heißt es aus der Fachabteilung der Senatsverwaltung.
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Zwar könnten „niedrigschwellige Anlaufstellen“, wie sie im Koalitionsvertrag angekündigt waren, durchaus die Versorgung noch verbessern. Die Senatsverwaltung stellt aber klar, dass „Bestrebungen auf Berliner Landesebene“, solche Anlaufstellen für Patienten mit ME/CFS zu schaffen, „nicht bekannt“ seien. Für Long-Covid- und Post-Vac-Betroffene sei das „noch offen“, allerdings sei „die Krankenbehandlung inklusive ihrer Koordinierung und Rehabilitation keine Aufgabe des Landes Berlin“, sondern der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung. Was im Koalitionsvertrag versprochen wurde, hält der Senat also entweder für nicht nötig oder sich nicht für zuständig.
Selbsthilfeorganisationen und Betroffenenverbände kritisieren seit langem eine mangelhafte Versorgungssituation und gebrochene politische Versprechen. 2021 hatte das Ampelbündnis im Bund in ihrem Koalitionsvertrag zugesagt, „ein deutschlandweites Netzwerk von Kompetenzzentren und interdisziplinären Ambulanzen“ für Langzeitfolgen von Covid-19 und ME/CFS zu schaffen. Davon war das Bundesgesundheitsministerium Anfang dieses Jahres ebenfalls abgerückt. Eine Sprecherin von Minister Karl Lauterbach (SPD) verwies auf die bestehenden Long-Covid-Ambulanzen, in denen „Aspekte von ME/CFS“ ebenfalls „thematisiert“ würden. Der Aufbau „eines zweiten Netzwerks von Ambulanzen speziell nur für ME/CFS“ sei hingegen nicht geplant.
Tatsächlich haben viele Kliniken – wie die Charité – Long-Covid-Spezialambulanzen eingerichtet. Für einen Termin müssen Betroffene jedoch mit Wartezeiten von oft vielen Monaten rechnen. Zudem bieten jedenfalls die meisten interdisziplinär ausgerichteten Ambulanzen nur eine Diagnostik, aber keine weitergehende Versorgung an. Menschen mit Impfschäden oder einer unabhängig von Corona entwickelten ME/CFS-Erkrankung werden vielerorts nicht angenommen, wie Betroffene berichten. Die deutschlandweit einzige ME/CFS-Sprechstunde an der Charité ist überlaufen und kann ebenfalls nur diagnostizieren, nicht weiter behandeln.
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