Der erste Staatsbesuch eines Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) in Deutschland soll eine lange eher zweckmäßig gepflegte Beziehung in eine strategische Partnerschaft transformieren. 1300 Polizisten sind selbst in Berlin für einen Staatsbesuch eine außergewöhnliche Zahl. Als Scheich Mohammed bin Zayed Al Nahyan, seit 2022 Präsident der VAE und zuvor bereits Herrscher von Abu Dhabi, in der deutschen Hauptstadt unterwegs war, wurden Straßen gesperrt, zentrale Verkehrsachsen unterbrochen und der U-Bahn-Betrieb eingeschränkt. Es galt die höchste Sicherheitsstufe, wie sie sonst nur für wenige Staats- und Regierungschefs aufgerufen wird, etwa aus den USA, Israel oder der Ukraine. Eine Sicherheitseinstufung ist kein diplomatisches Ranking. Trotzdem passte der Aufwand zur Botschaft dieser zwei Tage: Deutschland misst den Emiraten inzwischen eine Bedeutung bei, die weit über Ölgeschäfte und deutsche Autoexporte hinausgeht.
Dabei kennen sich beide Länder lange. Am 17. Mai 1972, wenige Monate nach der Gründung der Emirate, nahmen Bonn und Abu Dhabi diplomatische Beziehungen auf. Doch erst jetzt, mehr als 54 Jahre später, kam ein Präsident der VAE vom 10. bis 11. September 2026 zu einem Staatsbesuch nach Deutschland. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfing ihn. Bundeskanzler Friedrich Merz verhandelte mit ihm im Kanzleramt. Am zweiten Tag folgten Gespräche mit Politikern und Unternehmensvertretern in München. Der historische Rang des Besuchs liegt allerdings nicht in den militärischen und protokollarischen Ehren.
Interessant ist, warum beide Seiten gerade jetzt mehr voneinander wollen. Deutschland braucht Investitionen, Energie und Partner jenseits seiner traditionellen Abhängigkeiten von den USA und China. Die Emirate wiederum verfügen über Kapital und suchen Technologiepartnerschaften, Industrieprojekte und politischen Einfluss in Europa. Das ist keine Freundschaftserklärung, sondern ein Geschäft mit strategischem Anspruch.
VAE sperren Iraner aus – Transit verboten
Die große Leerstelle der deutschen Außenpolitik: Wo bleibt die Forschung zur Diplomatie?
Milliarden mit Fußnote
Die zentrale Zahl, die von diesem Besuch hängenbleiben soll, lautet 40 Milliarden Euro. So viel zusätzliches Kapital wollen die Emirate in Deutschland investieren. Bundeskanzler Merz sprach von einem „wuchtigen Signal“. Das ist es zweifellos, nur ist ein Signal allein noch keine Überweisung. Bislang sind emiratische Investitionen von rund 34 Milliarden Euro in Deutschland verbucht. Während des Besuchs wurden 29 Unternehmensvereinbarungen über mehr als 9,35 Milliarden Euro präsentiert. Die drei Zahlen beschreiben aber Verschiedenes: Bestand, neue Vereinbarungen unterschiedlichen Verbindlichkeitsgrades und ein Ziel für die kommenden Jahre. Wer alles addiert und als gesicherte Investition behandelt, produziert Wirtschaftswachstum auf dem Papier.
Substanzlos sind die Pläne jedoch nicht. RWE und der emiratische Energiekonzern Masdar prüfen gemeinsame Gebote bei deutschen Offshore-Wind-Auktionen für 2027. Mögliches Investitionsvolumen: mehr als drei Milliarden Euro. Masdar und Luxcara sprechen zudem über Windkraft- und Speicherprojekte von mehr als fünf Milliarden Euro in mehreren Märkten. Auf der fossilen Seite verhandeln RWE und der staatliche Konzern ADNOC über bis zu zwei langfristige LNG-Abnahmeverträge für die frühen 2030er-Jahre. Auch ADNOC, XRG und der bundeseigene Händler Securing Energy for Europe (SEFE) wollen enger zusammenarbeiten. Diese Gleichzeitigkeit ist typisch: Die Emirate verwenden die Erträge der fossilen Energiewelt, um sich einen Platz in der Riege der Marktführer bei den Erneuerbaren zu erkaufen.
Beim ersten Staatsbesuch eines Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate wird der rote Teppich ausgerollt.
© Achille Abboud/Imago
Für Deutschland ist das verlockend: Es braucht Versorgungssicherheit und Kapital für den Umbau seiner Industrie. Aber ein langfristiger LNG-Vertrag kann in den frühen 2030er-Jahren bereits eine andere Wirkung haben als heute: Er kann dann nicht mehr nur absichern, sondern auch binden. Ob die Abkommen strategisch klug sind, ergibt sich aus Laufzeitvereinbarungen, Preisformeln, Mengen und Ausstiegsklauseln. Ähnliches gilt für Rechenzentren mit insgesamt etwa einem Gigawatt Leistung. Das wäre für den deutschen Cloud- und KI-Standort relevant. Doch ein Gigawatt muss erst einmal ans Netz. Woher kommt der Strom, wer erhält die knappen Anschlüsse, wem gehören die Daten? Deutschland fehlt es bisher nicht an Absichtserklärungen, sondern an Netzen, schnellen Genehmigungen und einer klaren Vorstellung davon, welche digitale Infrastruktur in europäischer Hand bleiben soll.
Im Warenhandel sind die Dimensionen bescheidener. Die jährlich rund 15,5 Milliarden Dollar außerhalb des Ölsektors machen die VAE zum wichtigsten deutschen Markt am Golf, aber nicht zu einem zweiten China. Abu Dhabis besonderes Angebot ist staatlich gelenktes Kapital, das sich schnell auf ausgewählte Branchen konzentrieren lässt.
Auch die künftige Direktflugverbindung Berlin-Dubai gehört zum Paket. Deutschland gewährt Emirates hierfür zusätzliche Verkehrsrechte. Der Flughafen Berlin-Brandenburg gewinnt Anschluss an ein globales Drehkreuz, Lufthansa wiederum einen staatlich geprägten Konkurrenten. Darin zeigt sich im Kleinen der Tausch der gesamten Annäherung: Deutschland öffnet einen Markt und erhält bessere Verbindungen. Zu klären bleiben die mittel- bis langfristigen Wettbewerbsbedingungen.
Alternativen zur Straße von Hormus: VAE planen neuen Hafen an der Ostküste
Syrien vor dem wirtschaftlichen Neustart: Unternehmen kommen zurück, Syrer nicht
Abu Dhabi folgt klaren Interessen
Wer die VAE nur als reichen Kleinstaat betrachtet, unterschätzt sie substanziell. Abu Dhabi verfügt über global relevante Staatsfonds, Hafenkapazitäten, Airlines, Energiekonzerne und Sicherheitskontakte und hat diese zu einem außenpolitischen Werkzeugkasten verbunden. Im Golf-Kooperationsrat (GCC) gehören die Emirate neben Saudi-Arabien zu den entscheidenden Akteuren. Ihr strategischer Einfluss reicht bis nach Nordafrika, ans Horn von Afrika und entlang der Handelswege des Indischen Ozeans.
Die Außenpolitik folgt dabei einem klaren Prinzip: Möglichst viele Optionen, möglichst wenige dauerhafte Abhängigkeiten. Die VAE arbeiten eng mit dem Westen zusammen und normalisierten 2020 im Rahmen der Abraham Accords ihre Beziehungen zu Israel. Zugleich pflegen sie gute Verbindungen nach China, Indien und Russland und gehören seit 2024 zur erweiterten Brics-Gruppe. Aus Sicht Abu Dhabis passt das zusammen: Sicherheit aus dem Westen, Technologien aus mehreren Machtzentren und geostrategischer Handlungsspielraum durch Dialogformate mit allen relevanten Akteuren.
Das wiederum macht die VAE für Berlin interessant. Die USA knüpfen unter Präsident Donald Trump ihren Schutz immer offener an Gegenleistungen, China positioniert sich zunehmend als strategisch souveräner Akteur auf globaler Bühne. Der Krieg im Iran und die Gefährdung der Straße von Hormus haben zudem vor Augen geführt, wie schnell Handelswege unter Druck geraten. Damit wächst das Gewicht von Staaten, die Kapital, Energie, Logistik und politische Kanäle zugleich anbieten. Die elf Regierungsvereinbarungen sind thematisch entsprechend breit: Investitionsrat, KI, Rechenzentren, Luftverkehr und strategischer Dialog, dazu Kriminalitätsbekämpfung, Rechtshilfe, Grenzkontrolle, Sicherheit und Verteidigung. Die Emirate verfügen über Informationen und Einflussoptionen bei Terrorismusfinanzierung, Geldwäsche und maritimer Sicherheit. Doch die operative Zusammenarbeit wirft Fragen auf: Welche Daten werden ausgetauscht, wie dürfen sie verwendet werden, welchen Schutz haben Betroffene? Der Hinweis auf einen „verlässlichen Partner“ allein beantwortet keine davon.
Der andere Blick auf die emiratische Macht
Wie umstritten Abu Dhabis Politik in der Region ist, zeigte sich ausgerechnet am Tag des Staatsbesuchs. Algerien brach am 10. September die diplomatischen Beziehungen zu den VAE ab. Die Regierung in Algier sprach von „provokativem“ und „feindseligem“ Verhalten, blieb aber einen konkreten Anlass schuldig. Der Bruch kam trotzdem nicht aus dem Nichts. Die Emirate unterstützen Marokkos Anspruch auf die Westsahara und unterhalten ebenso wie Marokko diplomatische Beziehungen zu Israel. Algerien dagegen hält an der Unterstützung der Polisario fest und lehnt eine Normalisierung mit Israel weiterhin ab. Auch in der Sahel-Region überschneiden sich die Interessen. Für die einen sind die Emirate ein Investor und Sicherheitsgarant. Für andere sind sie ein Staat, der mit Geld und militärischen Beziehungen regionale Kräfteverhältnisse zu seinen Gunsten verschiebt.
Wirtschaftsminister im Fokus: Deutschland und die VAE wollen künftig enger zusammenarbeiten. Das Ziel ist die Verringerung der Abhängigkeiten von den USA und China.
© dts Nachrichtenagentur/imago
Ähnlich sieht es in Somalia aus. Die Zentralregierung in Mogadischu annullierte im Januar ihre Hafen-, Verteidigungs- und Sicherheitsabkommen mit den VAE. Ihr Vorwurf: Abu Dhabi untergrabe die Souveränität des Landes. Die zu weiten Teilen autonom agierenden Regionen Somaliland, Puntland und Jubaland erklärten daraufhin, sie würden an ihren Vereinbarungen mit den Emiraten festhalten. Genau das illustriert das Problem. Emiratische Investitionen schaffen Häfen, Arbeitsplätze und Sicherheitsstrukturen. Indem Abu Dhabi direkt mit Regionalregierungen kooperiert, kann es zugleich die ohnehin schwache Zentralmacht in Somalia weiter schwächen.
Noch brisanter ist der Sudan. Die sudanesische Armee und Menschenrechtsorganisationen werfen den Emiraten vor, die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) zu unterstützen. Den RSF werden schwerste Verbrechen gegen Zivilisten angelastet. Abu Dhabi bestreitet, die Miliz mit Waffen zu versorgen. Die Vorwürfe sollten Deutschland nicht davon abhalten, mit den Emiraten zu verhandeln. Sie sollten Berlin aber vor der bequemen Annahme bewahren, regionaler Einfluss sei dasselbe wie regionale Stabilität. Man kann an einem Ort vermitteln und an einem anderen den Konflikt verschärfen. Hinzu kommt die innere Ordnung der VAE. Das Land ist eine autoritär regierte Monarchienföderation. Politische Partizipation und Meinungsfreiheit sind eng begrenzt. Auch deshalb fiel auf, dass der Präsident der VAE und der Bundeskanzler keine gemeinsame Pressekonferenz gaben.
Was Deutschland daraus machen sollte
Es wäre falsch, aus diesen Einwänden eine Politik der Distanz abzuleiten. Deutschland braucht dringend neue Partner und kann es sich nicht leisten, nur mit Staaten zusammenzuarbeiten, die seinem politischen Modell entsprechen. Die Lehre aus den Abhängigkeiten der vergangenen Jahrzehnte lautet schließlich nicht, dass langfristige Bindungen unvermeidlich sind, sondern dass die politischen Kosten auch mit Blick auf mögliche Krisen- und Konfliktszenarien sorgfältiger abgewogen werden müssen.
Bei den Investitionen sollte Berlin zuerst auf eine konsequente Umsetzung drängen: Welche Projekte kommen, wann, mit wie vielen Arbeitsplätzen und welchem europäischen Wertschöpfungsanteil wird innerhalb welchen Zeithorizontes zu rechnen sein? Für langfristige Infrastrukturvorhaben braucht es eine sorgfältige Investitionsprüfung, Datensicherheit und transparente Eigentumsverhältnisse. LNG-Verträge dürfen spätere Technologieentscheidungen nicht unnötig einschränken.
Der strategische Dialog sollte auch die Themen, bei denen Berlin und Abu Dhabi unterschiedlicher Auffassung bleiben, nicht aussparen. Die VAE suchen Investitionsmöglichkeiten und Sicherheitskooperation. Deutschland wiederum kann und sollte seine Einflussmöglichkeiten hier im wohlverstandenen eigenen Interesse nutzen. Am wirksamsten wäre das im europäischen Verbund. Deutschland ist, trotz aller gegenwärtigen Probleme, ein nach wie vor interessanter Industriestandort; die EU kann zusätzlich Regeln für Investitionen, Daten, Wettbewerb und kritische Infrastruktur setzen. Auch ein Handelsarrangement mit dem Golf-Kooperationsrat hätte mehr Gewicht als eine reine Abfolge bilateraler Tauschgeschäfte.
Anzeichen verdichten sich: Bereitet der Kreml die nächste große Mobilisierungswelle vor?
Frachtmaschine von K2 Airways vermisst, Suche im Arabischen Meer läuft
Der Staatsbesuch hat gezeigt, dass Deutschland außenpolitisch nüchterner wird. Es sortiert Staaten nicht mehr so leicht in strategisch banale Pauschalkategorien wie „Wertepartner“ und „Systemrivalen“. Die VAE sind ein kapitalstarker, technologisch ehrgeiziger und sicherheitspolitisch relevanter Akteur. Sie sind aber kein westlicher Partner im kleineren Format, sondern eine Regionalmacht mit eigener Agenda und souveränen Ambitionen.
Ob aus dem Staatsbesuch mehr wird als eine eindrucksvolle Kulisse, entscheidet sich erst in den kommenden Monaten und Jahren. Die 1300 Polizeibeamten veranschaulichten im Zentrum Berlins, welchen Aufwand Berlin für den mit allen Ehren empfangenen Gast betrieb. Eine kluge, interessengeleitete Strategie beginnt nach dem Abbau der Sperrungen und nach dem Trocknen der Tinte der Unterschriften, wenn aus wohlfeilen Ankündigungen tatsächliche, belastbare Projekte werden und wenn zugleich aus neuer Nähe kein neues Abhängigkeitsverhältnis resultiert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]