Die Mitarbeiter von Mercedes sollen künftig 40 statt 35 Stunden pro Woche arbeiten – ohne Lohnausgleich. Andernfalls droht der Autobauer mit einer Werksschließung in Deutschland; weitere Produktionskapazitäten könnten stattdessen in Osteuropa entstehen. Das berichtet die FAZ unter Berufung auf mehrere Personen, die mit den Gesprächen zwischen Mercedes und der Arbeitnehmerseite vertraut sind.
Die IG Metall kritisiert den Bericht scharf. „Abstrakte Drohkulissen über die Medien sind keine produktive Zukunftsstrategie“, teilt ein Sprecher der Gewerkschaft auf Anfrage der Berliner Zeitung mit. „Wer ohne mehr Aufträge und Arbeit die Arbeitszeiten erhöhen will, forciert nur mehr Arbeitslosigkeit.“ Konkrete Schließungspläne des Vorstands seien der IG Metall nicht bekannt. Die Rhetorik des Managements schüre jedoch „nur Wut bei den Beschäftigten“.
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Das sagt Mercedes zur möglichen Werksschließung
Welches deutsche Werk von einer möglichen Schließung betroffen wäre, ist bislang nicht bekannt. Eine Verlagerungsmöglichkeit besteht allerdings bei Modellen aus Bremen und Rastatt: Das stark ausgebaute Werk im ungarischen Kecskemét kann Fahrzeuge beider Standorte übernehmen.
Mercedes bestätigt den Bericht auf Anfrage nicht, dementiert ihn aber auch nicht. „Wir stehen zur vereinbarten Beschäftigungssicherung und wollen unsere Werke und die Beschäftigung in Deutschland erhalten“, erklärt ein Sprecher. Gleichzeitig verweist das Unternehmen auf international nicht wettbewerbsfähige Struktur- und Arbeitskosten. Mercedes spreche mit dem Betriebsrat darüber, wie die deutschen Standorte gesichert werden könnten. Zu den Gesprächen äußere man sich nicht.
Noch schützt die im vergangenen Jahr vereinbarte „Zukunftssicherung 2035“ die Belegschaft: Betriebsbedingte Kündigungen sind bis Ende 2034 ausgeschlossen. Nach Angaben der IG Metall haben die Beschäftigten dafür bereits finanzielle Zugeständnisse gemacht. Entgeltbestandteile seien in freie Tage umgewandelt und Tariferhöhungen mit übertariflichen Leistungen verrechnet worden. Nach Darstellung der IG Metall habe Mercedes zudem das tarifliche Transformationsgeld nicht ausgezahlt und die Einkommen dadurch um 1,3 Prozent gekürzt. Mit der Gewerkschaft als Tarifvertragspartei fänden derzeit keine Verhandlungen statt, stellt ihr Sprecher klar.
Die Beschäftigungssicherung schließt allerdings nicht aus, dass Stellen über Abfindungen, Altersteilzeit, ausbleibende Nachbesetzungen oder Modellverlagerungen abgebaut werden. Mehr als 5000 Beschäftigte haben Mercedes im Zuge des Sparprogramms gegen eine Abfindung verlassen.
Anfang Juli rief die IG Metall zu bundesweiten Kundgebungen auf: Tausende Mercedes-Mitarbeiter protestierten gegen die verschärften Sparpläne des Stuttgarter Autobauers.
© Bernd Weißbrod/dpa
Mercedes produziert in Ungarn deutlich günstiger als in Deutschland
Im ungarischen Kecskemét hat Mercedes rund eine Milliarde Euro investiert und die jährliche Kapazität im Juli von 200.000 auf 400.000 Fahrzeuge verdoppelt. Die A-Klasse wurde bereits von Rastatt dorthin verlagert. Gleichzeitig hat Mercedes seine Produktionskapazität in Deutschland seit 2024 um rund 100.000 auf 900.000 Fahrzeuge reduziert.
Der Kostenabstand ist erheblich. Laut Eurostat kostete eine Arbeitsstunde in der deutschen Industrie 2025 durchschnittlich 49,50 Euro, in Ungarn waren es 15,60 Euro. Nach Angaben von Mercedes liegen die gesamten Produktionskosten in Ungarn 70 Prozent unter denen in Deutschland. Die IG Metall warnt jedoch, die Verdopplung der dortigen Kapazitäten könne angesichts der schwachen Nachfrage zu erheblichen Überkapazitäten führen. Seit Mai werde allgemein mit Verlagerungen gedroht, mit einer konkreten Werksschließung bislang aber nicht.
Stefan Reindl hält das Szenario dennoch für ernst. „Die Werksschließung ist ein glaubwürdiges Eskalationsszenario, aber derzeit nicht das wahrscheinlichste Ergebnis“, sagt der Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft der Berliner Zeitung. Kurzfristig erwartet er eher einen Kompromiss aus mehr Flexibilität, Produktivitätsverbesserungen und Standortzusagen.
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Senken fünf zusätzliche Stunden wirklich die Kosten?
Umstritten ist, ob eine längere Wochenarbeitszeit den deutschen Werken tatsächlich hilft. Bei gleichbleibendem Monatsentgelt würde sie den rechnerischen Stundenlohn um 12,5 Prozent senken. Der Vorteil wirke laut Reindl aber nur, wenn die zusätzlichen Stunden produktiv genutzt und die Werke mit genügend Aufträgen ausgelastet werden könnten. „Bei Unterauslastung verlängert sie dagegen zunächst die verfügbare Arbeitskapazität – nicht automatisch die Produktivität“, erklärt er.
Ferdinand Dudenhöffer widerspricht. „Die 35-Stunden-Woche ist kein Naturgesetz“, sagt der Gründer des Center for Automotive Research in Bochum. Sie sei vereinbart worden, als Deutschland noch wettbewerbsfähig gewesen sei. „Wenn wir Arbeitsplätze in Deutschland halten wollen, müssen wir in vielen Industriebereichen zurück zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich.“ Dadurch könnten die Arbeitskosten je Stunde um rund 13 Prozent sinken.
Auch den Einwand fehlender Nachfrage lässt Dudenhöffer nicht gelten. Es gehe nicht um einige schwache Konjunkturmonate, sondern um die langfristige Kostenstruktur. Wettbewerbsfähigere Werke könnten Arbeit aus dem Ausland zurückholen oder eine Verlagerung verhindern. „Mercedes macht keine leeren Drohungen“, sagt er.
In Ungarn kann Mercedes offenbar deutlich günstiger produzieren: Laut dem Konzern liegen die gesamten Produktionskosten in Ungarn 70 Prozent unter denen in Deutschland.
© Marton Monus/dpa
Experte sieht größere Probleme als die Arbeitszeit
Reindl hält es dagegen für falsch, die Krise auf die Arbeitszeit zu verengen. Mercedes kämpft auch mit sinkenden Stückzahlen, komplexen Modell- und Antriebsstrukturen und einem schwachen Geschäft in China. Dort brach der Absatz im zweiten Quartal 2026 um 30 Prozent ein. Die Fokussierung auf besonders teure Modelle traf auf wachsenden Wettbewerb heimischer Hersteller. Weniger verkaufte Fahrzeuge verschärfen wiederum die Unterauslastung und erhöhen die Stückkosten.
Mercedes setzt deshalb weitere Sparhebel in Bewegung. Ab 2027 sollen die Produktionskosten je Fahrzeug zehn Prozent unter dem Niveau von 2024 liegen. Der Konzern will unter anderem Automatisierung und Künstliche Intelligenz ausbauen, Logistik- und Energiekosten reduzieren, Anlagen besser auslasten und Managementpositionen abbauen.
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„Nicht die fünf zusätzlichen Arbeitsstunden entscheiden über die Zukunft eines Werkes, sondern wettbewerbsfähige Stückkosten“, sagt Reindl. Diese entstünden aus Auslastung, Produktivität, einfacheren Strukturen sowie niedrigeren Material-, Energie- und Arbeitskosten. Dauerhafte Verlagerungen gefährdeten zudem Zulieferer, Logistiker und Entwicklungsdienstleister. Gehe immer mehr Fertigung verloren, drohe langfristig eine Entkopplung von Produktion und Entwicklung.
Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 arbeiteten laut Statistischem Bundesamt noch 691.500 Menschen in der deutschen Automobilindustrie – so wenige wie seit 2005 nicht mehr. Binnen eines Jahres verschwanden 42.300 Arbeitsplätze. Bei Mercedes entscheidet sich nun nicht nur, ob die Beschäftigten künftig fünf Stunden länger arbeiten müssen. Der Konflikt wird auch zum Testfall dafür, wie weit Unternehmen und Gewerkschaften zur Sicherung deutscher Autowerke noch aufeinander zugehen.
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