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Zu den Wundern, die es trotz einer sehr restriktiven DDR-Kulturpolitik gab, gehören die zehn Jahre Chansontage im Harzer Kloster Michaelstein, die Wolfgang Schlemminger 1976 nach einer Idee seines Freundes Klaus Stepputat mit einer Privatinitiative zu republikweiter Berühmtheit brachte.
In einem Land, das jegliches öffentliches Musizieren von einer staatlichen Spielerlaubnis mit Einstufung abhängig machte, in dem sogar Straßenmusik verboten war, weil man sie in der Nähe von Bettelei verortete, war dies eine kreative Großtat, die sich die meisten Bürger dieses Landes nicht trauten. Schlemminger war da eine Ausnahme und er war der große Conferencier, brachte Leute zusammen.
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Wie alles begann
In einer Blankenburger Backstube entstand die Idee von Klaus Stepputat, doch mit selbstgewerkelten Songs unter Gleichgesinnten öffentlich aufzutreten. Von Anfang an erkannte Wolfgang Schlemminger die Chance, ohne direkte Beeinflussung durch die FDJ, eigene Wege zu gehen. Den beiden schwebte 1976 eine landesweite Werkstatt für junge, singende Poeten im Kloster Michaelstein von Blankenburg vor. Schlemminger hatte familiäre Beziehungen zum Chef des Telemann-Kammerorchesters Eitelfriedrich Thom, der sich von den jungen Leuten eine zusätzliche Belebung der Anlage versprach.
Dieses unerhörte Wagnis bekam ein großes Echo. Schnell wurden die „Chansontage in Michaelstein“ für zehn Jahre geradezu legendär: Viele Liedermacher – darunter schon damals berühmte Größen wie Gerhard Schöne, Stefan Krawczyk und manch andere kamen hier zusammen. Da wurde nächtelang probiert, gefachsimpelt, gesungen, diskutiert und natürlich auch gefeiert – bis dann Mitte der Achtzigerjahre die Obrigkeit Einfluss nahm und das Kloster nicht mehr Austragungsort dieser friedlichen und freien Zusammenkunft von Kreativen sein durfte.
Schon mehrere Jahre davor waren Thom die Geister, die er gerufen hatte, inzwischen über den Kopf gewachsen, hatten ein systemkritisches Eigenleben entfaltet, das selbst die eingeschalteten Sicherheitsorgane kaum bändigen konnten. Man wich mit Unterstützung des Kreiskabinetts für Kulturarbeit in ein Dorfkulturhaus nach Langeln aus. Zu groß war die Musikergemeinde der inzwischen professionellen Liedermacher geworden, zu viel Öffentlichkeit war hergestellt, da hätte ein schnödes Verbot für einige Turbulenzen gesorgt. Im Gegenteil.
Eine FDJ-ferne Liederwerkstatt
Trotz der verschärften Observation der Staatssicherheit, die seit 1984 „besonders angesichts massiver `systemkritischer` und z.T. staatsfeindlicher Äußerungen in Liedern und Diskussionen“ (Stasi-Major Kolbes Notiz zur Aktion „Fliegenfalle“) konsequent versuchte, diese Zusammenkünfte zu zersetzen, gedieh das zarte Pflänzchen in der Kloster-Liederwerkstatt trotzdem prächtig. Ein Wunder mehr war geschehen. Und so galt es am 27. Juni dieses exorbitante Ereignisses zu feiern – 50 Jahre danach.
Auch wenn der Initiator bereits ein Jahr zuvor im 80. Lebensjahr verstorben war, wurde seiner im Programm, das im historischen Refektorium des Klosters Michaelstein, also am authentischen Ort stattfand, mehrfach erinnert. Vor einem ausverkauften Haus sahen 170 Liedermacherfreunde und ehemalige Mitstreiter der Chanson & Lyriktage eine Retrospektive an diese FDJ-ferne Liederwerkstatt.
Durch das Programm führten Wolf-Dieter Skibba und Tommi Riedel, die beide auch als Urgesteine der Liedermacherszene in verschiedenen Formationen auftraten. Von der Renitenz des Ursprungs war altersbedingt nur noch wenig zu hören, auch wenn die Verfassung dieser Bundesrepublik für kritische Liedermacher sicher einige Ansatzpunkte für reflektierende Reime geboten hätte, schwelgte man lieber in Erinnerungen.
Immerhin entwickelten sich bei den jährlichen Zusammenkünften Talente, die später mit zu den prägenden Künstlern des Landes gehörten: Rainer Schulze, Tommi Riedel oder Jens Paul Wollenberg.
Ankündigungsplakat für die 1. Chansontage in Michaelstein im Jahr 1976
© chansontage.de
Altersmilde Vorträge ohne Provokation
Die wohldosierten Lieder zur Gitarre wie „Blowin in The Wind“ von Bob Dylan, wie sie Wolf-Dieter Skibba vortrug, der an diesem Abend auch mit dem Eitelfriedrich-Thom-Preis geehrt wurde, kamen gut an. Viele der Gäste waren damals dabei, doch nur einige konnten an diesem Abend nach einem der heißesten Tage im kühlen Refektorium auftreten. Rainer Schulze sang zwei freche Lieder von Georg Kreisler am Klavier, Jens-Paul Wollenberg war aus Leipzig angereist und wie immer ein besonderes Erlebnis, Manuela Simmler und Ingrid Sprenger intonierten französische Chansons. Nach Anekdoten, Erinnerungen und diversen Umbaupausen geriet der Ablaufplan ins Schwimmen und eine längst überfällige Pause wurde nötig.
In die Wohlfühlatmosphäre platzte dann der Sponti Dieter Kalka, ebenfalls ein Urgestein der Szene, um seine Hommage an den großen Mentor Werner Bernreuther, die er als Rap vorbereitet hatte, loszuwerden. Nicht allen gefiel dieses anarchistische Zwischenspiel, auch wenn es etwas vom alten Geist zeigte, der einst in Michaelstein herrschte: „Hier kann jeder sein Lied singen!“, war der allgegenwärtige Slogan damals.
Zum gemeinsamen Finale erklang „Die Gedanken sind frei“ und man verabschiedete sich nach über drei Stunden in der Hoffnung, dass auch weiterhin die Freiheit der Kunst gewahrt bleibt. Obwohl das einst in der DDR nur selten ohne staatliche Bevormundung möglich war – im Kloster Michaelstein von Blankenburg gab es den Beweis, dass dies doch ging, eben eines der seltenen Wunder, die auch in Diktaturen geschehen.
Wolfgang Schilling, geboren 1957, 1975 Abitur in Blankenburg, Studium an der PH Clara Zetkin in Leipzig mit Diplom für Lehrer in Geschichte/Deutsch. Davor und danach DJ. Nach der Wende zur Verlagsgruppe Bauer gewechselt und dort fünf Jahre später nach kritischen Äußerungen ausgewechselt. Dann 27 Jahre in der Harzdruckerei Wernigerode tätig. Parallel seit über 25 Jahren journalistische Arbeit als freier Journalist und Herausgeber.
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