Seit 17 Jahren wird das Mittagessen in der Schule von Saint-Michel bei Angoulême von jemandem bezahlt, den im Ort offiziell niemand kennt.
2009 gewann eine Familie aus der Gemeinde bei den Euromillionen rund 50 Millionen Euro. Sie blieb im Dorf, blieb anonym und überweist seitdem jedes Jahr 80.000 Euro ans Rathaus, bestimmt für die Kantine.
Nun ändert sich die Verwendung. Das Geld fließt in den Umbau des Speisesaals, wie der Radio-France-Sender ICI berichtet. Die Eltern zahlen dafür erstmals mit, 1,50 Euro pro Essen.
Euromillionen-Gewinn 2009: 50 Millionen Euro und kein Name
Bekannt ist über die Gewinner fast nichts. Ein Paar mit Kindern, wohnhaft in einer Gemeinde mit rund 3200 Einwohnern in der Charente. Schon 2009 ließ die Familie ausrichten, an ihrem Alltag nichts ändern zu wollen.
Die Gewinnsumme von etwa 50 Millionen Euro geht auf Berichte der Regionalzeitung Sud Ouest zurück und wurde zuletzt von zahlreichen französischen und belgischen Blättern wieder aufgegriffen. Amtlich bestätigt hat sie nie jemand, der auch einen Namen dazu hätte nennen können.
400.000 Euro fürs Bürgerhaus, 80.000 Euro im Jahr für die Kantine
Der erste Scheck ging schon kurz nach der Ziehung ans Rathaus: 400.000 Euro für ein geplantes Bürgerhaus und für die Schulden des örtlichen Altenheims, wie Sud Ouest damals berichtete.
Danach kam der jährliche Betrag von 80.000 Euro für das Essen im Groupe scolaire Louis-Pasteur. Über die Jahre summiert sich das auf rund 1,4 Millionen Euro, ohne Antrag, ohne Einkommensprüfung, ohne dass jemand Danke sagen konnte.
Vom Gewinn ist das ein kleiner Teil. Für den Haushalt einer 3200-Einwohner-Gemeinde ist es ein Posten, den kein Bürgermeister freiwillig aufgibt.
Umbau der Schulkantine: bessere Akustik, weniger Hitze
Jetzt lenkt die Familie den Betrag um. Finanziert werden Bauarbeiten, vor allem die Akustik im Speisesaal und der Schutz vor sommerlicher Hitze.
Der Wunsch der Spender habe sich diesmal eher in einer Beteiligung an der Investition ausgedrückt, sagte Bürgermeisterin Fabienne Godichaud dem Sender. Die Schulen entsprächen nicht mehr den Anforderungen, weder bei der Akustik noch beim Sommerkomfort.
Sandrine Pelletier arbeitet als Reinigungskraft an genau der Schule, die sie vor gut 40 Jahren selbst besucht hat. Der Speisesaal der Grundschule habe das dringend nötig, sagte sie ICI.
1,50 Euro pro Essen: Was Eltern in Frankreich sonst zahlen
Für die Familien im Ort endet damit die Gratiskantine. 1,50 Euro kostet die Mahlzeit künftig, möglichst aus Bio-Zutaten.
Im französischen Vergleich ist das wenig, aber kein Ausreißer. Kantinenpreise werden dort nach dem Quotient familial gestaffelt, dem Einkommensschlüssel der Familienkasse: In Paris reicht die Spanne von 13 Cent bis 7 Euro, in Lyon von 77 Cent bis 5,89 Euro. Für ländliche Gemeinden fördert der Staat außerdem ein Programm, mit dem Grundschulkinder für einen Euro essen.
Die Umstellung in Saint-Michel bedeutet also weniger eine Preiserhöhung als das Ende einer Selbstverständlichkeit.
Schulessen in Berlin: Wahlkampf um die Beitragsfreiheit
In Berlin übernimmt die Rolle des anonymen Spenders das Land. Seit 2019 ist das Mittagessen an Grundschulen für die Klassen 1 bis 6 beitragsfrei. Rund 182.000 Kinder profitieren davon, die Kosten liegen bei etwa 180 Millionen Euro im Jahr.
Vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September ist daraus ein Wahlkampfthema geworden. CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er halte nichts von „Kostenlos-Politik für gut verdienende Eltern“. Landesgeschäftsführer Dirk Reitze nannte es gegenüber der Berliner Morgenpost eine Frage der Fairness, staatliche Leistungen dort zu bündeln, wo sie gebraucht würden.
SPD, Grüne, Linke und AfD wollen die Beitragsfreiheit erhalten. Caterer und Elternvertretungen warnen, dass viele Familien ihre Kinder abmelden, sobald sie wieder zahlen müssen.
In Saint-Michel wurde über solche Fragen 17 Jahre lang nicht gestritten. Dort kam einfach jedes Jahr ein Scheck. Auf der Rechnung, die Eltern im September bekommen, steht trotzdem eine Zahl.
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