Energie

81 Prozent Anteil: USA und Russland teilen Europas LNG-Markt unter sich auf

Eine neue Studie zeigt: USA und Russland legen bei Europas LNG zu, andere Lieferländer verlieren. Ihr gemeinsamer Anteil fällt auf 19 Prozent.

4 Min
Europas LNG-Importe konzentrieren sich zunehmend auf die USA und Russland. Andere Lieferländer verlieren Marktanteile (Symbolbild).

Europas LNG-Importe konzentrieren sich zunehmend auf die USA und Russland. Andere Lieferländer verlieren Marktanteile (Symbolbild).

© Nicolas Koutsokostas/Imago

Europa will seine Gasversorgung breiter aufstellen und russische Lieferungen bis Ende 2027 beenden. Doch auf dem LNG-Markt passiert derzeit etwas anderes: USA und Russland bauen gleichzeitig ihre Anteile aus, während andere Lieferländer zurückfallen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Norwegian Institute of International Affairs (NUPI).

Im ersten Halbjahr 2026 stammten bereits 81 Prozent der LNG-Importe des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) aus den USA und Russland. Ein Jahr zuvor waren es noch 73 Prozent. Die Lieferungen aller anderen Staaten brachen zugleich von 19 auf 13 Milliarden Kubikmeter ein. Ihr gemeinsamer Marktanteil sank damit binnen eines Jahres von 27 auf 19 Prozent.

USA liefern fast fünfmal so viel LNG wie Russland

Die Forscher Raffaele Piria, Kacper Szulecki und Hannah Lentschig sprechen von einem „Diversifizierungsparadox“. Grundlage sind Daten der Denkfabrik Bruegel für das erste Halbjahr 2026. Anders als viele Analysen betrachten sie nicht nur die EU, sondern den gesamten EWR einschließlich Norwegens. Norwegisches Gas gilt dabei als heimische Produktion; ausgewertet werden Importe von außerhalb des EWR.

Die USA bleiben mit großem Abstand der wichtigste LNG-Lieferant. Ihre Ausfuhren in den EWR stiegen im Vergleich zum ersten Halbjahr 2025 von 41 auf 44 Milliarden Kubikmeter. Ihr Anteil legte von 57 auf 62 Prozent zu. Russland lieferte trotz des für 2027 beschlossenen Gasausstiegs ebenfalls mehr: Die Mengen wuchsen von elf auf 13 Milliarden Kubikmeter, der Anteil von 16 auf 19 Prozent.

Die gesamten LNG-Importe blieben der Studie zufolge in den vergangenen drei Halbjahren ungefähr stabil. Zusätzliche Mengen aus den USA und Russland verdrängten damit andere Anbieter. Seit dem zweiten Halbjahr 2022 gehe die Diversifizierung ununterbrochen zurück, schreiben die Autoren. Beim LNG habe sich der Trend 2026 verschärft.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Trotz des geplanten EU-Gasausstiegs stieg Russlands Anteil an Europas LNG-Importen binnen eines Jahres von 16 auf 19 Prozent.

Trotz des geplanten EU-Gasausstiegs stieg Russlands Anteil an Europas LNG-Importen binnen eines Jahres von 16 auf 19 Prozent.

© ITAR-TASS/Imago

EU nennt 100 Prozent Gas aus einem Lieferland noch „Diversifizierung“

Die Studie stellt damit das Diversifizierungsverständnis der EU infrage. Brüssel verlangt nationale Pläne für den Ausstieg aus russischem Gas. Ein Land könne jedoch sein gesamtes Gas aus nur einem anderen Staat beziehen und trotzdem als diversifiziert gelten, kritisieren die Forscher. Sie nennen das eine „selektive Blindheit“ gegenüber anderen großen Lieferanten.

Gelingt der Ausstieg aus russischem Gas, dürfte der US-Anteil weiter steigen, heißt es. Neue Exportkapazitäten in Kanada, Australien und Nigeria reichten voraussichtlich nicht aus, um die Lücke zu schließen. LNG beeinflusst zudem zunehmend Europas Gas- und Strompreise. Uniper-Chef Michael Lewis hatte bereits im Sommer erklärt, amerikanisches Fracking-Gas werde künftig den Maßstab für das langfristige Preisniveau auf dem deutschen Gasmarkt setzen.

Die stärkere Ausrichtung auf die USA birgt laut NUPI zudem ein politisches Risiko. Die US-Regierung verfolgt ausdrücklich das Ziel einer „Energiedominanz“. Europa werde damit anfälliger für Druck aus Washington – etwa bei Handel, Digitalregulierung oder Klimapolitik. TotalEnergies-Chef Patrick Pouyanné hatte bereits im vergangenen Winter vor einer neuen einseitigen Abhängigkeit und möglichen Preisschocks gewarnt.

Der Iran-Krieg hat die Auswahl weiter verkleinert. Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate erklärten wegen der Blockade der Straße von Hormus für einen Großteil ihrer Lieferungen höhere Gewalt. Der Ausfall katarischer Mengen habe die Dominanz der USA zusätzlich verstärkt, so die Studienautoren.

Deutschlands Gasspeichern fehlen 29 Terawattstunden

Verschärft wird das Risiko durch die niedrigen Speicherstände. Laut aktuellen Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) waren die Gasspeicher der EU am 7. September mit 757,07 Terawattstunden gefüllt. Das entsprach 66,9 Prozent der Kapazität. Deutschland lag mit 134,93 Terawattstunden bei einem Füllstand von lediglich 54,52 Prozent. Damit hat Europa vor dem Winter einen deutlich geringeren Puffer als in den vergangenen Jahren.

Aktuelle Entsog-Daten zeigen zugleich, wie widersprüchlich sich Europas Gasversorgung entwickelt. Die LNG-Einfuhren der EU lagen im August bei 95.785 Gigawattstunden – gut 41 Prozent weniger als im Januar. Gleichzeitig stiegen die Lieferungen von russischem Pipelinegas über Turkstream gegenüber Juli um 7,25 Prozent auf 17.337 Gigawattstunden. Es ist die letzte verbliebene Route für russisches Pipelinegas in die EU.

Die NUPI-Forscher fordern deshalb, nicht nur den russischen, sondern auch den amerikanischen Anteil am Importportfolio zu senken. Langfristig sollen erneuerbare Energien, Speicher, Effizienz und Elektrifizierung den Gasbedarf reduzieren. Kurzfristig müsse Europa seine Speicher unabhängig von der jeweiligen Marktlage stärker füllen und sich auf mögliche Notfallmaßnahmen im Winter vorbereiten.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner