Aufgaben, die man mit 30 nebenbei erledigt hat, fressen mit Mitte 40 plötzlich den halben Tag. Viele halten das für den Anfang vom Ende.
Arthur Brooks sieht darin den Beginn einer neuen Phase. Der 62-jährige Harvard-Professor erklärt das mit zwei Arten von Intelligenz, die zu sehr unterschiedlichen Zeiten im Leben ihren Höhepunkt erreichen.
Aufgegriffen hat seine Aussagen zuletzt die argentinische Zeitung La Nación.
Fluide Intelligenz: das schnelle Denken der Jugend
Die erste Form heißt in der Psychologie fluide Intelligenz. Dazu zählen das Arbeitsgedächtnis und die Fähigkeit, sich rasch in neue Probleme hineinzudenken.
Vor 40 ist davon reichlich vorhanden, sagt Brooks. Danach geht sie zurück. Die Unterscheidung stammt vom Psychologen Raymond Cattell, der sie 1971 ausformulierte.
Burnout mit 40: Brooks´ Erklärung
Genau hier sieht Brooks eine Wurzel für den Burnout in der Lebensmitte. Was früher leichtfiel, wird zur Mühe. Und was schon immer schwer war, wirkt auf einmal unerreichbar.
Wer trotzdem das Tempo der Jüngeren halten will, tritt auf der Stelle. Das zermürbe viele, sagt Brooks.
Auf eine einzige Ursache lässt sich Burnout allerdings nicht zurückführen. Auch Arbeitslast und Führungskultur spielen eine große Rolle.
Kristalline Intelligenz steigt bis ins hohe Alter
Die zweite Form nennt Brooks kristalline Intelligenz. Sie beruht auf allem, was ein Mensch über die Jahre gelernt und erlebt hat.
Laut Brooks steigt sie in den Vierzigern und Fünfzigern stark an. Danach hält sie sich jahrzehntelang auf hohem Niveau.
Ihre Stärke ist der Überblick. Wer viel davon hat, erkennt Muster schneller und kann Wissen an Jüngere weitergeben.
Studie: Jede Fähigkeit hat ihren eigenen Höhepunkt
Die Forschung stützt Brooks weitgehend. Joshua Hartshorne und Laura Germine werteten 2015 für eine Studie in der Fachzeitschrift Psychological Science Tests von 48.537 Menschen aus.
Das Ergebnis: Das Ergebnis: Es gibt nicht das eine Alter, in dem das Gehirn am meisten leistet. Das Verarbeitungstempo ist Ende der Teenagerjahre am höchsten, das Arbeitsgedächtnis Ende 20 bis Anfang 30.
Gefühle anderer Menschen erkannten die Teilnehmenden zwischen 40 und 50 am besten. Der Wortschatz wuchs in den Daten sogar bis etwa 65 bis 70, wie die Harvard Gazette berichtete.
Dieses Ergebnis überraschte die Forscher selbst. Ältere Testdaten hatten den Höhepunkt beim Wortschatz noch Ende 40 verortet.
Ihre Vermutung laut MIT News: Heutige Erwachsene sind besser ausgebildet und lesen im Job mehr. Das Gehirn im Alter ist also auch eine Frage dessen, was man ihm zu tun gibt.
Die Werte sind Durchschnitte. Einzelne Menschen können deutlich abweichen.
Der Haken an Brooks´ Rat
Brooks empfiehlt, im Beruf rechtzeitig die Rolle zu wechseln. In seinem Buch „From Strength to Strength“ von 2022 nennt er das den Sprung auf die „zweite Kurve“: weniger selbst erfinden, mehr anleiten.
Sein Merksatz: „Sei der Innovator mit 30, sei der Lehrer mit 60.“
Das klingt einleuchtend, setzt aber einen Arbeitsplatz voraus, der solche Rollen überhaupt vergibt. Für die Pflegekraft im Schichtdienst oder den Paketboten gibt es selten eine Mentorenstelle, auf die man ausweichen könnte.
Der Gedanke lohnt sich trotzdem. Wer mit 45 langsamer wird, hat nicht versagt. Er ist an dem Punkt angekommen, an dem seine Erfahrung mehr wert ist als sein Tempo.
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