Gefühltes Alter

Ist Vierzig das neue Dreißig? Berliner Forscher erkunden das gefühlte Alter

Viele Ältere fühlen sich heute jünger als ihre Altersgefährten vor Jahrzehnten. Liegt das an einer besseren Gesundheit? Eine Berliner Studie.

Torsten Harmsen
Torsten Harmsen
9 Min
Man muss schon genau hinschauen, um die ältere Person in der Gruppe junger Frauen zu erkennen. Die „jungen Alten“ sind seit einiger Zeit ein sehr verbreiteter Begriff.

Man muss schon genau hinschauen, um die ältere Person in der Gruppe junger Frauen zu erkennen. Die „jungen Alten“ sind seit einiger Zeit ein sehr verbreiteter Begriff.

© Artem Varnitsin/Imago

Vierzig ist das neue Dreißig, heißt es heute mitunter. Oder: Sechzig ist das neue Fünfzig. Das bedeutet, dass sich viele Menschen heute jünger fühlen, als sie wirklich sind. Liegt das daran, dass Menschen heute generell gesünder sind als früher? Oder gibt es da noch andere Einflüsse?

Diesen Fragen sind Berliner Wissenschaftler um den Psychologen und Altersforscher Markus Wettstein von der Humboldt-Universität (HU) nachgegangen. „Jünger als je zuvor?“, haben sie ihre Studie überschrieben, die im Fachjournal Psychological Science erschienen ist.

Dass sich die meisten Menschen im mittleren Alter – und darüber hinaus – jünger fühlen, ist nicht neu. Die Forscher sprechen vom „subjektiven Alter“ im Vergleich zum wirklichen Lebensalter. Und sie verweisen auf Belege aus fast 300 Studien, die sie dazu auswerteten. So sei bei sehr alten Menschen oft von „subjektiver Altersverzerrung“ die Rede. Dahinter könnte unter anderem eine Abgrenzung von anderen Menschen der eigenen Altersgruppe stehen: „Sie sind alt, aber ich fühle mich jünger.“ Dies sei ein möglicher Weg, mit der Altersdiskriminierung umzugehen.

Wer sich jünger fühlt, hat ein geringeres Sterblichkeitsrisiko

Wie alt sich Menschen fühlen, habe aber auch eine erhebliche Relevanz, heißt es in der Erklärung der HU zu der neuen Studie. Diejenigen, die sich jünger fühlen, hätten Studien zufolge eine bessere Gesundheit, „ein höheres Wohlbefinden, eine größere Stressresistenz und ein geringeres Sterblichkeitsrisiko“, schreiben die Berliner Forscher. Es könnte also von Nutzen sein, ein jüngeres subjektives Alter zu fördern, was „mittels Interventionen machbar erscheint“.

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Erkenntnisse deuteten jedoch darauf hin, dass das Gefühl, jünger zu sein, nur bis zu einem bestimmten Punkt für die Lebenszufriedenheit von Vorteil sein könne. Ab einer gewissen Grenze könnte es sogar schädlich sein – etwa, wenn man sich etwa als alter Mensch körperlich überfordert oder sich bestimmten Krankheitsrisiken aussetzt.

Das Phänomen, sich jünger zu fühlen, als seinem Lebensalter entspricht, ist also nicht neu. Aber es war bisher „wenig darüber bekannt, ob sich die Verläufe des subjektiven Alters innerhalb der Person im Laufe der historischen Zeit verändert haben“, wie die Forscher schreiben. Sie meinen damit, ob sich Menschen mittleren Alters und Ältere heute möglicherweise jünger fühlen „als ihre Altersgenossen vor einigen Jahrzehnten“. Ob sich also das subjektive Altern im Laufe der Jahrzehnte verändert hat.

Das gefühlte Alter ist mit der Zeit immer weiter gesunken

Genau das wollte das HU-Forscherteam um Markus Wettstein herausfinden. Es nutzte dafür Daten des Deutschen Alterssurveys, einer bevölkerungsrepräsentativen Studie, die Lebensbedingungen und Entwicklungsprozesse in der zweiten Lebenshälfte untersucht.

Erfasst wurden dabei etwa 15.000 in Deutschland lebende Menschen, „die bis zu siebenmal über einen Zeitraum von 24 Jahren an der Studie teilgenommen haben“, wie es heißt. Sie waren zu Beginn ihrer Teilnahme 40 bis 85 Jahre alt. Die Hälfte der Teilnehmer war weiblich. Die Daten des Deutschen Alterssurveys können über das Forschungsdatenzentrum des Deutschen Zentrums für Altersfragen bezogen werden.

Die Beobachtungen umfassten also fast ein Vierteljahrhundert, von 1996 bis 2020. In gewissen Abständen wurde hier gefragt, wie alt sich die Teilnehmer fühlten. Die insgesamt erfassten Geburtsjahre der verschiedenen sogenannten Kohorten reichten von 1911 bis 1974.

Bei ihrer Untersuchung haben die Berliner Forscher einen „historischen Trend“ ausgemacht. „Die später Geborenen fühlen sich jünger als die früher Geborenen“, schreiben sie. Das subjektive Alter sinke im gesamten Studienverlauf stetig. Mit Blick auf die Ergebnisse erklärt Markus Wettstein: „Personen des Geburtsjahrgangs 1936 fühlen sich beispielsweise im Alter von Mitte 60 durchschnittlich siebeneinhalb Jahre jünger als sie sind; dagegen fühlen sich zehn Jahre später Geborene im Durchschnitt bereits neun Jahre jünger als sie sind, wenn sie dasselbe Alter erreicht haben.“

Bildung, Arbeit, Gesundheitssystem und Lebensstil haben sich verändert

Mit jeder Geburtsdekade fühlten sich die später geborenen Teilnehmer „um weitere zwei Prozent jünger“, heißt es in der Studie, „und ihr jüngeres subjektives Alter blieb im Laufe der Zeit stabiler“. Die Berliner Forscher wollten auch wissen, warum das so ist und haben verschiedene andere Faktoren herangezogen, sogenannte Korrelate, darunter das Geschlecht, die Bildung, die Einsamkeit, den Wohnort und die Gesundheit. Die Einsamkeit wurde anhand einer sechsstufigen Skala bewertet. Und bei der Gesundheit wurden die chronischen Krankheiten erfasst, darunter Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Frage: Ist vielleicht Sechzig das neue Fünfzig, weil die Menschen heute gesünder und gebildeter sind als früher? Zum Teil mag das stimmen. Ältere Menschen seien heute biologisch jünger, erklärte schon vor einiger Zeit die Psychologin und Alternsexpertin Ursula Staudinger, heute Rektorin der TU Dresden. Von Generation zu Generation fänden fünf bis acht Jahre biologische Verjüngung statt, sagte sie in der Süddeutschen Zeitung. Inzwischen könne man „entweder die Jahre zwischen 60 und 80 einer mittleren Lebensphase zuschlagen und nur die letzten Jahre der Pflegebedürftigkeit als Alter bezeichnen. Oder man erkennt an, dass Altern nicht nur negative Implikationen hat“.

Höhere Lebenserwartung und besseres Wohlbefinden seien eine Konsequenz aus einem veränderten Bildungs-, Arbeits- und Gesundheitssystem, so Staudinger. Hinzu komme eine Veränderung des Lebensstils. Staudinger behauptete auch, dass der Unterschied zwischen gefühltem und kalendarischem Alter „in unsere Psyche“ eingebaut sei. „Wir vergleichen uns permanent mit anderen und wählen uns dabei die Vergleiche so, dass es uns gut damit geht“, sagte sie. Wobei das immer an die Realität gebunden bleibe, „ein 90-Jähriger fühlt sich nicht als 40-Jähriger“.

Frauen fühlen sich jünger als Männer – und die Kluft nimmt zu

Die Berliner Forscher sind mit ihren Aussagen etwas vorsichtiger. Denn auch wer noch gesund und aktiv ist, könnte sich ja alt fühlen, allein beim Blick auf seine Lebensjahre. Es geht auch um die generelle Einstellung zum Älterwerden. Es gibt sogar Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen – etwa chronischem Stress und schlimmen Erfahrungen – älter fühlen, als sie sind.

Aber auch das Berliner Team fand in seiner Studie Korrelationen. Menschen, die weniger einsam waren, fühlten sich jünger. Ebenso Personen mit weniger chronischen Krankheiten. „Frauen berichteten, dass sie sich jünger fühlten als Männer“, lautet eine generelle Erkenntnis der Forscher. „Diese Kluft zwischen den Geschlechtern vergrößerte sich über die Kohorten hinweg“, also über alle betrachteten Altersgruppen.

Ein weiterer interessanter historischer Trend: Personen mit höherem Bildungsniveau hätten „ein jüngeres subjektives Alter als Personen mit niedrigerem Bildungsniveau“ – dieser Unterschied sei aber „bei später geborenen Kohorten geringer“.

Auch im hohen Alter fühlen sich die Menschen jünger als früher

Der Trend hin zu einem jüngeren gefühlten Alter lasse sich „nicht komplett dadurch erklären, dass sich etwa die Zahl von Erkrankungen, das Einsamkeitserleben oder soziodemografische Faktoren wie Bildung verändert haben“, heißt es in der HU-Mitteilung zur Studie. Weitere Forschung sei daher nötig, um zu erklären, warum sich nachfolgende Geburtsjahrgänge im Alter jünger fühlen als die Geburtsjahrgänge vor ihnen.

„Dieser historische Trend war über alle Altersstufen hinweg in der zweiten Lebenshälfte zu beobachten, auch – entgegen unseren Erwartungen – im hohen Alter“, schreiben die Forscher. Damit meinen sie 80- und 90-Jährige. Die Wissenschaftler hätten eigentlich gedacht, dass sich das langsamere subjektive Altern auf jüngere Personen der zweiten Lebenshälfte beschränken würde. Und zwar wegen der Nähe zum Tod, der „hohen Vulnerabilität“ und des Abbaus vieler körperlicher und geistiger Funktionen im hohen Alter.

Tatsächlich stellen die Forscher fest, dass viele historische Verbesserungen, von denen jüngere Alte profitieren, Menschen im hohen Alter nichts mehr bringen. Zum Beispiel lässt sich mit modernsten biomedizinischen Eingriffen heute das Leben verlängern, aber das wird allzu oft erkauft mit längerem Leiden, längerem Funktionsverlust und verminderter Lebensqualität am Lebensende.

Übergewicht und Diabetes häufiger als noch vor zwanzig Jahren

Ein weiterer Widerspruch: Zwar ist die Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen, und die Lebensbedingungen haben sich zum Fortschritt maßgeblich verändert. Zugleich aber gibt es auch bei jüngeren Alten negative Veränderungen, zum Beispiel ein „häufigeres Auftreten von Übergewicht und von bestimmten Erkrankungen, etwa Diabetes, als noch vor zwanzig Jahren“, wie es in der Studie heißt.

Die Berliner Forscher vermuten, dass beim historischen Trend des langsameren gefühlten Alterns auch andere Dinge eine Rolle spielen könnten. Zum Beispiel, dass später geborene Generationen weniger externe Zwänge und interne Kontrolle verspüren und sich das Wohlbefinden generell verbessert haben könnten.

Die Forscher verweisen zum Beispiel auf eine 2013 erschienene US-Studie, die zeigte, dass das Wohlbefinden im Alter davon abhängt, wann man geboren ist. „Kohorten, die die wirtschaftlichen Herausforderungen des frühen 20. Jahrhunderts überlebten“, besäßen den Forschern zufolge, „ein geringeres Wohlbefinden als diejenigen, die in wohlhabenderen Zeiten geboren wurden.“

Auch Hundertjährige und Pflegeheimbewohner müssen einbezogen werden

Die Wissenschaftler um Markus Wettstein verweisen auch auf Einschränkungen ihrer Studie, die sich kulturspezifisch nicht einfach auf Länder außerhalb Deutschlands verallgemeinern lasse, wie sie schreiben. Zugleich gebe es unterschiedliche Beobachtungs-Zeiträume, je nach Altersgruppen. So seien im Jahre 1974 geborene Personen erstmals 2014 im Deutschen Alterssurvey erfasst worden. 

Weitere Forschung sei auch erforderlich, „um zu untersuchen, inwieweit die subjektive Verjüngung über nachfolgende Geburtskohorten bis ins hohe Alter anhält“, schreiben die Forscher, „indem beispielsweise Hundertjährige und gefährdete Untergruppen (zum Beispiel Pflegeheimbewohner) einbezogen werden, die in unserer Studienstichprobe nicht ausreichend vertreten waren“.

Insgesamt sehen die Berliner Forscher den Befund, dass sich Menschen heute jünger fühlen als noch vor Jahrzehnten, etwas widersprüchlich. Einerseits sei er eine „gute Nachricht“, weil ein jüngeres subjektives Alter, das auch länger andauere, mit größerem Wohlbefinden, besserer Gesundheit und geringeren Sterblichkeitsrisiken verbunden sei, wie Studien zeigten.

Künftig positive Ansichten über das Altern fördern

Andererseits könnte der „historische Trend“ hin zum Sich-jünger-Fühlen auch die „Trends einer zunehmenden Negativität von Altersstereotypen widerspiegeln, die in den letzten 200 Jahren beobachtet wurden“. Übersetzt: Indem man sich jünger fühlt und von anderen Alten abgrenzt, wehrt man sich gegen Altersdiskriminierung.

Insofern wäre dies nur ein Aspekt der Verzweiflung inmitten eines allgemeinen Jugendwahns. Den Berliner Forschern geht es aber auch darum, „wie das Gefühl der Jüngerkeit [sic] unterstützt werden kann“, indem man „positive Ansichten über das Altern“ fördert. Denn trotz aller Fortschritte löst das Alter bis heute bei vielen  negative Bilder aus: von Krankheit, Demenz, Einsamkeit. Und das, obwohl die Anzahl der Jahre, die man als „Best Ager“ verbringen kann, insgesamt zugenommen hat.

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