Sollte ich noch mal den Job wechseln – und den Partner gleich mit? Warum wollen jetzt alle einen Garten haben oder buddeln im Gemeinschaftsbeet? Wer sorgt für wen im Krankheitsfall? Katja Bigalke und Marietta Schwarz haben für ihr Buch über die Mitte des Lebens, „Midlife“, eine ganze Menge Fragen zusammengetragen und umkreisen diese Themen. Allgemeingültige Antworten finden sie wenige, dafür aber sehr viele Denkanstöße. Als Sachbuch ist es eher wie ein Gespräch als ein Essay, es öffnet mehr, als es schließt. Wir trafen uns zum Interview über das Nicht-mehr-jung-und-noch-nicht-alt-Sein.
Frau Bigalke, Frau Schwarz, Ihr Buch ist gerade in den Läden angekommen. Wo steht es denn dort – bei den Ratgebern?
Katja Bigalke: Da habe ich es tatsächlich schon gesehen, gleich neben „Darm mit Charme“ und „Schmerzen selbst behandeln“, da war ich nicht so froh drüber.
Marietta Schwarz: In meiner Kiezbuchhandlung sah ich es bei feministischer Literatur, das gefiel mir besser. „Midlife“ ist ja kein Ratgeber, sondern wir haben gesellschaftliche Diskurse zu bestimmten Phänomenen des Älterwerdens untersucht. Die Entwürfe für die zweite Lebenshälfte, die so landläufig verbreitet sind, finden wir etwas dürftig. Und der Umgang mit Fragen von Krankheit, Sex oder Aussehen ist nach wie vor schambesetzt.
Wie definieren Sie die Kategorie des Midlife?
Bigalke: Wir haben die statistische Lebensdauer genommen, die bei rund 80 Jahren liegt, und diese halbiert. Da gibt es natürlich Ausschläge nach oben und unten, deshalb beginnen wir bei etwa 35. Ein anderes wichtiges Ereignis, das den mittleren Jahren von Frauen immer zugeschrieben wird, ist die Menopause, da ist das Durchschnittsalter 52. Auch da geben wir ein bisschen dazu und landen dann bei der 55. Es gibt auch Statistiken, die die Lebensmitte in den Jahren zwischen 30 und 60 Jahren sehen.
Schwarz: Wenn wir das Midlife bei 35 bis 55 sehen, geht es nicht um eine wissenschaftlich genaue Abgrenzung. Uns interessiert ein Zeitraum, den man individuell unterschiedlich empfinden kann. Man beginnt, sich zu anderen ins Verhältnis zu setzen, wird sich des eigenen Älterwerdens bewusst. Das ist einerseits eine emotionale Sache, andererseits die Frage einer neuen Perspektive.
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Verhaltensfrage: Darf ich einem Fünfzigjährigen einen Sitzplatz anbieten?
Bigalke: In der Mitte des Lebens passiert sehr viel: Frauen bekommen Kinder, Mütter und Väter erleben, dass ihre Kinder ausziehen. Das kann bei gleichaltrigen Leuten gleichzeitig geschehen. Die Eltern werden krank oder brauchen Hilfe – das erleben viele mit vierzig, andere mit fünfzig oder sechzig. Sinnkrisen hat man in der Phase, die Idee, alles noch einmal anders machen zu wollen. Oder man fühlt sich endlich angekommen, verdient genug und hat auf einmal Sehnsucht danach, sesshaft zu werden, ein Haus zu bauen oder eine Wohnung zu kaufen. Das sind Fragen, die stellt man sich nicht mit zwanzig, aber schon mit 35, vielleicht auch noch mit fünfzig.
Das Buch und seine Autorinnen
Marietta Schwarz hat Architektur studiert und arbeitet ebenfalls als Journalistin bei Deutschlandfunk Kultur. Zusammen gestalteten sie den Podcast „Midlife“, der dem Buch vorausging.
Midlife. Das Buch über die Mitte des Lebens. Aufbau-Verlag, Berlin 2023. 238 Seiten, 22 Euro
Buchpremiere 28.3., 20 Uhr, Pfefferbergtheater
Heißt Midlife also: Nicht mehr jung, noch nicht alt?
Bigalke: Genau. Ich habe mein erstes Kind mit 33 bekommen, da fühlte ich mich keineswegs alt, aber mir klar, dass ich die Zwanziger endgültig hinter mir habe.
Als ich vierzig wurde, hat mir eine gute Freundin, die etwas älter ist, gesagt: Jetzt kommen noch zehn gute Jahre. Als ich fünfzig wurde, hat sie das einfach wiederholt.
Schwarz: Sehen Sie! Es sind entscheidende Jahre.
Warum hat das Midlife bei Ihnen keine i-Punkte?
Schwarz: Weil es nicht perfekt ist. Wir hatten ja mit einem Podcast begonnen, der auch die Basisrecherche für das Buch ist. Als der Grafiker damals mit uns über das Logo dafür sprach, kamen wir schon dahin, dass der eine i-Punkt herunterkullert und wie ein kleines Ei neben dem Wort liegen bleibt.
Bigalke: Wir wollten, dass schon der Titel zeigt: Hier passiert etwas Unerwartetes. Und ein bisschen Spaß steckt doch auch darin. Wenn man Bücher googelt, die sich mit dieser Lebensphase beschäftigen, dann stößt man oft auf Schreibschrift, zart und lieblich, oder auf vertrocknete Rosen. Das wollten wir nicht.
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In Ihrem Buch kommen einige Männer vor. Aber die wesentlichen Eckpunkte, über die wir jetzt sprachen, passieren den Frauen. Ist „Midlife“ ein Buch für Frauen?
Bigalke: Ich glaube, dass es Männern und Frauen in dieser Phase oft ähnlich geht. Sie haben ähnliche Herausforderungen, werden mit ähnlichen Erwartungshaltungen konfrontiert. Sie haben auch beide körperliche Veränderungen zu akzeptieren, das Nachlassen der Sehkraft, das Schwinden der Haare. Bei Frauen gibt es aber mit dem Ende der Fruchtbarkeit einen viel klareren Abschluss in einem bestimmten Alter – und was danach kommt, ist nicht so positiv besetzt.
Schwarz: Frauen belastet mehr, dass sie sich nicht nur mit ihrem eigenen Bild von ihrem Leben, ihrem Körper auseinandersetzen müssen, sondern mit immer noch verbreiteten Ansichten zu Schönheit, Fruchtbarkeit und Jugend. Aber was, haben wir uns gefragt, bedeutet denn jetzt „in Würde altern“? Und woher rührt dieser enorme Aufschrei bei vielen, wenn Frauen was an sich machen lassen? Hadere ich mit meiner Falte oder mit dem Außenblick auf meine Falte? Von wem kommt das Bild, woher kommt die Norm?
Über einen Mann wird nicht gesagt: „Für sein Alter sieht er aber noch gut aus.“ Das ist ein Satz für Frauen, oder?
Schwarz: Ich glaube, hier hat sich schon etwas verändert. So etwas wird nicht mehr öffentlich ausgesprochen, auch wenn es nicht aus den Köpfen raus ist. Wir finden, dass es überhaupt falsch ist, Menschen über ihr Alter zu definieren, es in den Kurzbiografien oder bei Zeitungsmeldungen immer herauszustellen.
Bigalke: Die Leute sind begierig darauf, das Alter von jemandem zu erfahren, um dann abzugleichen, ob es der eigenen Vorstellung von diesem Alter entspricht oder nicht. Und dann soll man es noch als Kompliment verstehen, wenn man hört: Du siehst gar nicht so alt aus.
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Haben Sie gewusst, dass es in Deutschland 21 Millionen Frauen im Alter von 47 aufwärts gibt?
Schwarz: Als wir das Exposé für das Buch schrieben, hatten wir das auch errechnet. Aber ja, Sie spielen auf die Kampagne von Gesine Cukrowski und Silke Burmester an.
Sie haben sie bei der Berlinale angestoßen, es geht darum, dass diese Frauen in Filmen und im Fernsehen kaum sichtbar sind. Die Kampagne fordert Rollen, die der Realität von heute entsprechen.
Bigalke: Diese Initiative ist wichtig. Und es passiert gerade enorm viel, finde ich. In verschiedenen Bereichen wird darum gekämpft, dass ein Blickwechsel stattfindet. Zum Beispiel in puncto medizinische Versorgung: Frauenärzte können ein ausführliches Beratungsgespräch zur Menopause nicht wirklich bei den Krankenkassen abrechnen. Dabei wäre Aufklärung da so nötig, und nun regt sich Protest. Vielleicht ändert sich etwas, weil die Zahl von 21 Millionen auch klarmacht, dass diese Frauen eine Marktmacht darstellen. Sie sind gut ausgebildet und verfügen über ihr eigenes Geld.
Die Autorinnen Marietta Schwarz (l.) und Katja Bigalke
© Emmanuele Contini
Muss die Politik für jede Generation neu bestimmen, wie mit den Alterskohorten umzugehen ist?
Schwarz: Oh, die Politik sollte ständig darauf achten und nicht alle paar Jahrzehnte! Sie sollte auch auf die Auswirkungen bestehender Politik schauen. Ein Gesetzentwurf zur Verantwortungsgemeinschaft, wie ihn die Ampelkoalition ankündigt, ist etwas, das auf die Wirklichkeit reagiert und andere Lebensmodelle berücksichtigt als die Kleinfamilie. Es gibt aber widerstreitende politische Regelungen wie das Ehegattensplitting, das patriarchale Verhältnisse stärkt. Im Interesse einer Gleichberechtigung müsste man das sofort abschaffen.
Bigalke: Auch Pflegeversicherung und familiäre Pflege sind solche Themen, die in dieser Lebensphase relevant sind und von der Politik entschiedener behandelt werden müssen. Frauen verrichten im Schnitt 21 Stunden Pflege pro Woche für die eigenen Eltern. Und manche parallel zur Carearbeit für die eigenen Kinder!
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Wir haben viele Probleme angetippt. Aber was ist für Sie beide das Beste am Midlife?
Schwarz: Ich finde an dieser Phase schön, dass man entspannter und cooler mit vielen Sachen umgehen kann. Dass der Blick von außen nicht mehr so wichtig ist. Mit 30 habe ich noch nicht so gedacht. Ich habe an Gelassenheit gewonnen.
Bigalke: Ich weiß jetzt besser, wer ich bin, was mir Freude macht, was mir guttut, wie ich arbeiten möchte, in welchen Kontexten ich leben möchte, mit welchen Menschen ich mich gerne umgebe. Und ich weiß auch besser, was ich nicht will.
Schwarz: Das ist ziemlich viel.
Bigalke: Und ich kann auch besser dazu stehen.
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