Agrarökonom und Regierungsberater Stefan Tangermann zu den Grenzen der Öko-Landwirtschaft

"Das wäre wirtschaftlicher Unsinn"

Hendrik Munsberg
8 Min

Die Bundesregierung will die Landwirtschaft stärker an ökologischen Maßstäben ausrichten. Stefan Tangermann, Agrarökonom an der Universität Göttingen und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundeslandwirtschaftsminister, warnt Rot-Grün vor zu radikalem Kurswechsel. Herr Professor Tangermann, wo kaufen Sie Ihr Fleisch?In den Geschäften, in denen alle Leute ihr Fleisch kaufen - meist in der Fleischwarenabteilung des Supermarktes, bisweilen auch beim Fleischer.Trotz BSE-Risiko?Ja, allerdings kaufen wir im Augenblick weniger Rindfleisch als früher.Die neue Ministerin für Verbraucherschutz und Agrar, Renate Künast, will den Anteil ökologischer Landwirtschaft in Deutschland von heute drei auf zehn Prozent steigern. Ist das ökonomisch möglich und vernünftig?Mit genügend staatlicher Förderung wäre es sicherlich möglich. Ob es auch sinnvoll ist, ist eine ganz andere Frage.Wie erklären Sie sich, dass einerseits der Ruf nach einer neuen Landwirtschaft immer lauter wird, andererseits der Absatz von Öko-Produkten nicht nennenswert zunimmt?Offensichtlich legen die Verbraucher nicht so viel Wert auf Öko-Produkte, wie das die Politik derzeit behauptet und wohl auch glaubt.Oder ist den großen Lebensmittel-Ketten der Vertrieb von Ökoprodukten ganz einfach lästig?Schon heute gibt es auch in vielen Ketten-Läden Ökoprodukte. Und seien Sie sicher: Wenn sich dadurch Gewinnchancen ergäben, würden diese Produkte ganz bestimmt noch mehr angeboten. Unterschätzen die Verbraucher die Bedeutung gesunder Ernährung?Nein, ich glaube die Verbraucher handeln absolut rational. Es ist nämlich keineswegs bewiesen, dass Öko-Produkte wirklich grundlegend gesünder sind als andere Produkte.Um wie viel Prozent ist ökologischer Landbau teurer als herkömmliche Agrarwirtschaft?Um etwa ein Viertel, lautet eine Faustregel. Natürlich gibt es Unterschiede, je nach Produkt.Welche Konsequenzen ergeben sich, wenn Frau Künast ihre Ankündigung wahr macht: Wird die heimische Landwirtschaft gegenüber der Konkurrenz etwa aus Holland oder aus Neuseeland geschwächt? Wird am Ende nur die Einfuhr billiger Nahrungsmittel gefördert?Diese Gefahr liegt in der Tat auf der Hand: Weder im europäischen Binnenmarkt noch im internationalen Handel, beispielsweise mit den USA, wird sich Deutschland gegen preiswertere Importe abschotten können. Schon heute gibt es scharfen Wettbewerb, der künftig sogar zunehmen wird.Würde gar die Ernährung der Bundesrepublik gefährdet, wenn wir im großen Stil ökologischen Landbau betrieben? Nein, denn wir könnten und würden die fehlenden Nahrungsmittel dann importieren. Aber das wäre ja gerade der wirtschaftliche Unsinn: Wenn unsere Verbraucher vorwiegend konventionelle Nahrungsmittel einkaufen, warum sollen wir sie dann nicht auch in Deutschland produzieren?Ist Deutschland angesichts seiner natürlichen Produktionsbedingungen im weltweiten Wettbewerb überhaupt ein geeigneter Agrarstandort?Durchaus: Deutsche Landwirte produzieren schon heute in vielen Bereichen effektiv zu Weltmarktpreisen.Welche Produkte?Die Europäische Union exportiert derzeit beispielsweise Getreide ohne nennenswerte Ausfuhrsubventionen, also zu Weltmarktpreisen.Wo gibt es Wettbewerbsnachteile?Etwa bei Rindfleisch, Milch und Zucker. Da liegen unsere Preise noch zu weit über denen der internationalen Konkurrenz.Ist es nicht gerade nach der BSE-Krise falsch, auf Wettbewerbsfähigkeit und Kostensenkung zu setzen?Nein, denn die Vorstellung ist falsch, dass die Ursachen für BSE hauptsächlich in den Bedingungen zu suchen sind, zu denen die konventionelle Landwirtschaft bei uns produziert.Immerhin wird von Experten vor allem die Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer als Ursache für BSE verdächtigt.Ja, aber das kann man nicht der konventionellen Landwirtschaft anlasten, denn die kann und sollte auch ohne Tiermehl produzieren. Wahr ist, dass der Staat zu lange gezögert hat, diese wahrscheinliche Ursache von BSE bei der Verwendung von Futtermitteln abzustellen. Außerdem wurde, als die Auflagen für die Verwendung von Tiermehl beschlossen waren, nicht hinreichend scharf kontrolliert. Und schließlich waren auch die Strafen nicht scharf genug.Viele Agrarpolitiker in Bund und Ländern haben diese Laxheit, genau wie die Agrarlobby, aber insgeheim begrüßt, wenn nicht sogar durch ihren Widerstand erzwungen.Sowohl die Agrarpolitiker als auch die Landwirte selber haben die Reichweite des BSE-Problems nicht früh genug erkannt. Mein Eindruck ist jedoch, dass die Landwirte inzwischen genau wissen, dass sie in punkto Kontrollen umsteuern müssen. Auch der Bauernverband drängt jetzt auf eine gläserne Produktion.Ex-Landwirtschaftsminister Jochen Borchert kämpfte wie ein Löwe, dass in Deutschland keine BSE-Forschung betrieben würde. Der CDU-Minister befürchtete, dass das Pariser Tierseuchenamt der Bundesrepublik den Status "BSE-frei" aberkennen könnte, was womöglich den Fleischkonsum gedrosselt hätte.Das ist in der Tat bedauerlich. Man hätte sicherlich früher sorgfältiger prüfen müssen, ob wir in Deutschland ein BSE-Problem haben.Da ist die Folgerung des Kanzlers doch nur konsequent, dass die Einflussmöglichkeiten der Agrarlobby zurückgedrängt und dass Verbraucherschutz- sowie Landwirtschaftspolitik in einem Ministerium zusammengefasst werden müssen?So vorzugehen, mag in der Tat nahe liegend erscheinen, wenn man sich an die Volksmeinung hält. Ich habe aber die Sorge, dass das Ruder jetzt zu stark zur anderen Seite herumgeworfen wird. Wenn die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit unserer Landwirtschaft in Frage gestellt wird, werden wir auf Dauer auch ein Problem haben, das nicht minder gravierend ist. Das klingt, als seien Sie ein Freund der Agrarfabriken?Man darf die Maßstäbe nicht aus den Augen verlieren: Unsere Landwirtschaftsbetriebe, die gern abschätzig als Agrarfabriken bezeichnet werden, liegen zu großen Teilen an der unteren Skala dessen, was wir in der Wirtschaft normalerweise als Mittelstand bezeichnen.Bisher werden die Agrarpreise durch die Landwirtschaftspolitik der EU künstlich hoch gehalten. Die Bauern können viele ihrer Produkte notfalls an staatliche Interventionsstellen zu garantierten Preisen verkaufen. Ist das eine Erklärung dafür, dass sich die Landwirte zu wenig an den Verbraucherinteressen orientieren?Das kann man nicht ganz von der Hand weisen. Aber auch die Verbraucher haben ihre eigenen Interessen nicht immer ganz richtig eingeschätzt; sie neigten dazu, auf den Preis und weniger auf die Qualität zu achten.Markenartikler schaffen es ja auch, durch Qualitätswerbung Kunden an sich zu binden - denken Sie an Kosmetik oder an Autos. Viele Verbraucher sind bereit, dafür mehr zu bezahlen. Die Landwirtschaft scheint dagegen ihren Absatz, wenn man sich etwa die altbackenen Kampagnen der Centralen Marketing Agentur CMA ansieht, sehr unprofessionell zu betreiben. In dieser Pauschalität ist das ungerecht und überdies nicht ganz zutreffend. Es gibt seit einiger Zeit Qualitätsfleischprogramme: Überall haben sich Gruppen von Landwirten zusammengeschlossen, um gemeinsam - unter Verwendung entsprechender Gütesiegel - hochwertige Produkte auf den Markt zu bringen. Aber die Verbraucher machen es ihnen bislang verdammt schwer, damit ausreichend Geld zu verdienen.Das liegt aber auch daran, dass solche Markenfleischwerbung von der These getragen war, dass Deutschland BSE-frei sei, was sich nun als unwahr erwiesen hat.Das kann man aber nicht einzelnen Landwirten vorwerfen.Wenn Sie der Bundesregierung Rat geben sollten, was nun zu tun wäre - wie sähe ihre Empfehlung aus?Ich würde erstens dafür plädieren, dass die Vorstellung einer gläsernen Produktion in der Landwirtschaft rasch Wirklichkeit wird: Die Landwirte müssen vorschriftsmäßig wirtschaften und dies genau dokumentieren, um den Verbrauchern jederzeit Rechenschaft ablegen zu können. Zweitens sollten Beihilfen nicht länger an die produzierten Mengen geknüpft werden. Denn diese Kopplung veranlasst die Bauern bloß, im Zweifel Überschüsse zu produzieren und in intensivere Produktion einzusteigen. Drittens jedoch würde ich nicht darauf setzen, wie es jetzt von der Bundesregierung anscheinend angestrebt wird, die konventionelle Landwirtschaft an den Rand zu drängen.Mit der Agenda 2000 hat die EU-Kommission ja schon begonnen, mehr direkte Einkommenshilfen an die Landwirte zu zahlen, anstatt durch mengenabhängige Subventionen die Überschussproduktion anzuheizen.Das kann man viel stärker vorantreiben, beispielsweise indem auch bei Milch und bei Rindfleisch die Preisstützung weiter abgebaut wird und indem stattdessen direkte Einkommensübertragungen gewährt werden. Diese Zahlungen sollten dann wie gesagt nicht an die Produktionsmenge gebunden sein. Das hätte auch den großen Vorteil, dass die zahlreichen Beamten, die heute zur Subventionsverwaltung nötig sind, in Zukunft zur Überwachung der Qualitätsstandards eingesetzt werden könnten. Die bisherige Beihilfepraxis, die eine Kontrolle der Produktion erfordert, ist nämlich ungleich personalaufwändiger als die Kontrolle von Einkommenszuschüssen.Müssten dazu die Beschlüsse der Agenda 2000 geändert werden?Ja, denn die Ausgestaltung der Beihilfen ist weit gehend auf EU-Ebene geregelt. Wir sollten zum Beispiel bei Rindern die Prämien nicht mehr je Tier zahlen, weil das nur Produktion anheizt, die sich jetzt ohnehin nicht mehr absetzen lässt. Deutschland könnte aber nicht im Alleingang die Prämien von der Tierzahl abkoppeln, weil das in Brüssel geregelt ist.Gegen eine Ausweitung direkter Einkommenshilfen und ihre Abkoppelung von der Produktion ist der Bauernverband vor allem deshalb, weil sich die Landwirte dann nicht mehr wie Unternehmer, sondern wie Sozialhilfeempfänger fühlten.Das ist tatsächlich ein psychologisches Problem. Aber wer darüber nachdenkt, erkennt, dass die Subventionen auch schon heute vor allem deshalb gezahlt werden, weil die Landwirte nicht ungeschützt dem Anpassungsdruck des weltweiten Wettbewerbs ausgesetzt werden sollen.Würden Sie heute noch jemandem empfehlen, Bauer zu werden?Aber ja. Es gibt eine ganze Reihe von Betrieben, die mit beachtlichem Erfolg arbeiten. In meinen Augen ist Landwirtschaft durchaus kein aussterbender Sektor.Interview: Hendrik Munsberg."Die Vorstellung ist falsch, dass die Ursachen für BSE in den Produktionsbedingungen konventioneller Landwirtschaft zu suchen sind. " "In meinen Augen ist Landwirtschaft durchaus kein aussterbender Sektor. Viele Betriebe arbeiten mit beachtlichem Erfolg. " WILDER Stefan Tangermann: Verbraucher achten mehr auf den Preis als auf Qualität.

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