BERLIN, im Oktober. Darüber, dass Norbert Blüm ihn einen Dahergelaufenen genannt hat, hat sich Friedrich Merz schon ein bisschen geärgert. Er würde das nie zugeben, natürlich. Er sagt stattdessen: "Die Angriffe der anderen Seite bestätigen mich nur." Und: "Wer so um sich schlägt, hat keine Sachargumente." Aber Friedrich Merz hat sich das eben schon gemerkt, das mit dem Dahergelaufenen. Er kommt darauf zu sprechen, bisweilen. Da gibt es womöglich eine Verletzung.Eine vielleicht vielfältige sogar. Friedrich Merz ist nämlich ein Gewesener, aber andererseits auch nicht. Er ist mal Fraktionsvorsitzender im Bundestag gewesen; das ist in der Gemengelage der CDU/CSU-Kombination so etwas wie der dritte Parteichef. Das war ziemlich gut für einen damals vergleichsweise sehr jungen Mann. Aber Merz ist es nicht mehr. Er ist nur noch Fraktionsvizevorsitzender, und das auch nur, weil er mit noch geringerer Konsequenz als der Bundeskanzler schon mehrfach seinen Rücktritt androhte und dann jeweils durch gutes Zureden vom politischen Selbstmord abgehalten wurde. Aber für Leute wie Norbert Blüm ist Friedrich Merz trotzdem überhaupt noch nie etwas gewesen, weil es ihm - im Unterschied zu fast allen anderen Größen in der Union - an jeglicher Regierungserfahrung mangelt. Merz war noch nie Minister oder Staatssekretär, nicht im Bund und nirgends in den Ländern. Friedrich Merz hat noch nie etwas erlassen oder verfügt. Der größte Apparat, den er je zu führen hatte, war die Fraktionsverwaltung. Für Norbert Blüm, der sechzehn Jahre lang unter Helmut Kohl das mächtige, das gigantische Ministerium für Arbeit und Soziales geleitet hat, der als selbst ernannter Anwalt des kleines Mannes in der Regierung für den sozialen Ausgleich kämpfte, der selbst im Streit noch das Ohr des Überkanzlers hatte, weil er Kohl die Mehrheiten im arbeitnehmenden Wahlvolk organisieren konnte, für Norbert Blüm also dürfte ein Ex-Fraktionschef in der Tat ein bisschen dahergelaufen wirken. Was hat er schon gemacht? Viel Papier. Alle sprechen jetzt von Friedrich Merz. Alle begrüßen und gratulieren. Die "zehn Leitsätze für eine radikale Vereinfachung und eine grundlegende Reform des deutschen Einkommensteuersystems", auf nur 31 Seiten aufgeschrieben, begründet und vorgerechnet, werden seit dem Bekanntwerden am Donnerstag überall als "großer Wurf" und "Befreiungsschlag" gepriesen - selbst von Angela Merkel, der Partei- und Fraktionschefin, die sonst doch keine Gelegenheit auszulassen pflegt, Friedrich Merz im Regen stehen zu lassen. So wie dieser auch keine Gelegenheit auslässt, es ihr gleich zu tun. Es gibt Lob aus dem Bundesfinanzministerium (natürlich eingeschränkt), von den Grünen (einzelne Stimmen) und aus der FDP (alle).Das Konzept mag abgeschrieben sein bei den einschlägigen Steuerexperten, die wie etwa Paul Kirchhof schon seit Jahren für das Projekt einer steuerpolitischen Stunde null werben, es mag anknüpfen dort, wo die Regierung Kohl einen ihrer letzten Atemzüge tat, doch der Name Friedrich Merz hat dem Projekt jetzt neuen Glanz verliehen. Dieses Papier ist gewichtig, wissen alle. Es könnte noch etwas aus ihm werden. Aus dem Papier. Und aus dem Merz.Norbert Blüm äußert sich zunächst nicht. Steuern sind nicht so das Thema für den kleinen, großen alten Mann der christlichen Arbeitnehmerschaft. Blüm dürfte trotzdem skeptisch sein. "Ich halte nichts davon, ständig die Welt neu zu erfinden", hat er kürzlich erst wieder gesagt. Da ging es um die Herzog-Pläne, ureigenstes Blüm-Gebiet: Krankenversicherung, Pflege, Arbeitslosenversicherung, die Rente ("ist sicher"). Dass seine CDU sich so schwungvoll einer kapitalgedeckten Lösung im Gesundheitswesen verschrieben hat, dass es gar eine einheitliche Kopfprämie geben soll ganz unabhängig vom jeweiligen Einkommen, das hat Blüm beinahe zur Verzweiflung getrieben und dann auch auf die Diskussionspodien und in die Fernsehstudios der Republik. Dass sie die inneren Gesetzmäßigkeiten seines, des Blüm schen Systems ignorieren wollen, seinen Maßstab von Gerechtigkeit, hat Norbert Blüm in den womöglich letzten Kampf seiner politischen Laufbahn getrieben. Friedrich Merz, dem er dabei den Titel des "Dahergelaufenen" verpasste, hat kräftig mitgerührt und angeheizt. Die "Sozialdemokratisierung der Union" wäre dank des Herzog-Papiers nun endlich vorbei. Und der "nötige Abschied von der Blüm schen Sozialpolitik" in Reichweite.Das alles geht schon länger so, das ist nicht neu. Friedrich Merz hat seinen Kreuzzug gegen den Sozialstaat, der aus der Balance geraten ist, schon angetreten, als Helmut Kohl noch nicht mal der Gedanke gekommen war, dass seine Ära zu Ende gehen könnte. Damals war Merz aber noch ein einsamer Abgeordneter, allenfalls ein "Finanzexperte der CDU". Blüm hat der junge Merz aber trotzdem schon öffentlich angegriffen. Blüm sei nur noch Minister, weil er "Narrenfreiheit" habe, wurde Merz 1997 im Focus zitiert. "Blüms Zahlen stimmen nicht, haben noch nie gestimmt", sagte Merz seinerzeit. Als die Wahl verloren war, 1998, schob der Sauerländer Merz die Schuld dem Rheinländer Blüm in die Schuhe. Blüm habe mit seiner "reflexartigen Abwehr gegen alles Neue" verhindert, dass die Union ihre Wirtschaftskompetenz ausspielt. Da hätten die Leute lieber den Autokanzler Schröder gewählt. Aber Norbert Blüm kommt an. Immer noch. Er sitzt bei Beckmann, er sitzt im Grünen Salon, im dunklen Hemd und leichter Joppe. Gemütlich sitzt er, ruhig wie ein Fels, der Kopf fast eingesunken in den Körper, das Gesicht ein zufriedenes Lächeln. Und so spricht er leise und mit rheinischem Singsang zum Publikum. Macht Rechnungen auf, die schnell überzeugen: Dass das Herzog-System die Reichen stärker entlaste als die Armen. Dass die Kapitaldeckung, also das Ansparen großer Reserven, nicht einen Deut sicherer sei als das Umlageverfahren, in dem jede Generation für eine andere zahlt. Weil Kapital eben auch abhängig ist von der demografischen Entwicklung der Bevölkerung. Norbert Blüm spricht von alten Weisheiten. "Es gibt Sachen, die waren früher richtig, die sind auch noch in zweitausend Jahren richtig: Solidarität nämlich." Manchmal verschwindet sein Lächeln, Blüm schimpft darauf, dass seine Parteivorderen so tun, als könne man das Problem der Arbeitslosigkeit lösen, wenn man nur bei den Sozialkosten ordentlich spart. Mit einem klugen Spruch als Pointe. "Die Bezahlung der Arbeitslosigkeit können Sie durch kein System aus der Welt schaffen: Geld fällt nicht vom Himmel." Das Publikum klatscht an einer solchen Stelle. Natürlich.Friedrich Merz hat es da schwerer. Der schlaksige Finanzexperte zieht zwar, wenn er übermütig wird, ein lustiges Lausbubengesicht. Aber das nützt wenig, um das Publikum für sich einzunehmen. Wenn Merz konzentriert zuhört, seinen Gesprächspartner taxierend, dann wirkt er schnell aggressiv. Wenn er dann antwortet in seiner präzisen, bisweilen unter den Fakten ächzenden Diktion, wenn er gar einmal ätzend wird in seiner Sprache, die zugleich aber völlig kontrolliert bleibt, dann wirkt er kalt. Solche Sätze sind nicht sympathisch: "Es wird eine höhere Belastung der Menschen mit Sozialversicherungsbeiträgen geben, weil es unvermeidbar ist." Kommt hier Beifall auf, dann höchstens aus Vernunft. Sein Urteil über den in der Union zurzeit so heiß diskutierten Weg, bei den Kopfpauschalen (die Friedrich Merz viel lieber Gesundheitsprämien nennt) zu einem sozialen Ausgleich zu kommen, wirkt ernüchternd: "Sozialer Ausgleich ist nicht unwichtig, aber er ist nicht das Wichtigste." Merz würde lügen, redete er anders daher. Das Wichtigste am Herzog-Konzept und das Wichtigste an seinem eigenen Steuerreformvorschlag sind für Merz nicht die Verteilungswirkungen, nicht die Umschichtung von Kapital in welche Richtung auch immer. "Wenn wir nur etwas verschieben wollten, bräuchten wir keine Debatte zu führen", sagt er. Was Merz mit dem Papier erreichen will, ist ein Richtungswechsel im Denken der Republik und eine ordnungspolitische Grundreinigung aller Systeme.Das ist wahrscheinlich das Lieblingswort von Friedrich Merz: Ordnungspolitik. Es ist ein Mit- telstands-, ein Wirtschaftsflügelgedanke, ansonsten immer noch fremd, auch in der CDU. Das System des Staates muss aufgeräumt werden, sagt Merz, die Aufgaben säuberlich neu verteilt. Die Krankenversicherung soll das Risiko der Krankheit abdecken, die Arbeitslosenversicherung das Risiko der Arbeitslosigkeit - das soziale Drumherum von Kindermitversicherung bis zum Fortbildungskurs gehört für Merz in andere Körbchen. Das sollen andere machen, nach Möglichkeit der Privatsektor. Das soziale Netz ist für Merz dabei nichts Anderes als eben ein solches: eine Abfederung, damit niemand auf dem Beton aufschlägt. Das deutsche Netz hängt ihm zu hoch, ist zu bequem. "Wir müssen uns fragen, ob es fair ist, dass jemand mit qualifizierter Arbeit am Ende weniger Geld hat als jemand, der Transferleistungen bezieht", sagt Merz. "Diese Frage haben Blüm und seine Getreuen nie beantwortet." Die hätten immer nur den Sozialstaat ausgebaut. "Das ist nicht mehr in Ordnung", sagt Merz.Blüm und seine Getreuen sträuben sich. Es sind ein bisschen weniger geworden, die Arbeitnehmervertreter in der Union, die "Linken" also unter den Rechten. Der katholischen Arbeiterbewegung, die in den fünfziger und sechziger Jahren die Unionsmehrheiten sicherte, geht es nicht anders als den Gewerkschaften: Sie schrumpft. Sie weiß, dass sie sich bewegen muss, um nicht überrannt zu werden. Blüms fundamentale Tiraden gegen Herzogs pauschale Wunderwelt haben im Stammland der Büttenredner, in Nordrhein-Westfalen, deshalb keine Beifallsstürme mehr erbracht, sondern eher betretenes Schweigen. Die Christsozialen in der Christdemokratie wollen einen Mittelweg gegenüber den in der Wirtschaftskrise erstarkten Wirtschaftsexperten, um der ordnungspolitischen Kälte zu entkommen. Blüm hofft immer noch. "Das ist ein Zwischenhoch", sagt er über das neoliberale Klima in der Republik. "Diese Mode wird ganz schnell wieder verschwinden, dieser Rausch ist bald vorbei." Sein jüngster Held heißt jetzt Edmund Stoiber. "Jemand, der sechzig Prozent der Stimmen bekommt, hat Bodenhaftung. Die CSU ist der Fels, auf den ich meinen Sozialstaat bauen will."Friedrich Merz muss sich Sorgen machen. Er könnte der Erbe Ludwig Erhards werden, aber anders, als er sich das vorstellt. Auch der Vater der sozialen Marktwirtschaft hätte sich gerne ordnungspolitisch durchgesetzt. Die Wirklichkeit sah allerdings anders aus. Die Wirklichkeit war die Realpolitik einer Volkspartei. Da funktionieren die harten, klaren Schnitte nicht.Die Union bejubelt Friedrich Merz in diesen Tagen, aber nach seiner Pfeife tanzen wird sie nicht. So sei das nun einmal, erklärte ein führendes Mitglied der CDU: "Je genüsslicher Friedrich Merz jetzt triumphiert, desto stärker kommen die anderen zum Zuge.""Es gibt Sachen, die waren früher richtig, und die sind auch in zweitausend Jahren noch richtig: Solidarität nämlich. " Norbert Blüm."Es wird eine höhere Belastung der Menschen mit Sozialversicherungsbeiträgen geben, weil es unvermeidlich ist. " Friedrich Merz.BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Friedrich Merz hat eine einfache Idee aufgeschrieben: "Zehn Leitsätze für eine radikale Vereinfachung und grundlegende Reform der Einkommensteuer. "
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