Wirtschaft

Große Pleitewelle in Berlin zu erwarten

Insolvenzexperte Patrik-Ludwig Hantzsch sagt: „Alles zu retten, ist keine Option.“ Er warnt vor staatlichen Hilfen nach dem Gießkannenprinzip.

Interview: Cedric Rehman
5 Min
Berliner Firmen nehmen einen Spitzenplatz beim Zahlungsverzug ein.

Berliner Firmen nehmen einen Spitzenplatz beim Zahlungsverzug ein.

© PantherMedia/Frank Peters

Der Verband der Vereine Creditreform (Crefo) existiert seit 1879. Die Unternehmensgruppe sammelt unter anderem Informationen über die Bonität und Finanzstruktur von Firmenkunden. Die Crefo gibt einmal im Jahr den Schuldneratlas heraus. Darin bildet sie ab, welche Regionen in Deutschland besonders von Überschuldung betroffen sind. Außerdem misst das Unternehmen das Zahlungsverhalten von Unternehmen untereinander. Aktuellen Daten der Creditreform zufolge liegen Berliner Unternehmen derzeit beim Zahlungsverzug weit vorne. Sie benötigen im zweiten Quartal 2022 im Schnitt 11,5 Tage, um offene Rechnungen zu begleichen. Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei der Creditrefrom, erklärt, was der Berliner Wirtschaft blühen könnte.

Es scheint klar, dass hier Liquidität zurückgehalten wird.

Patrik-Ludwig Hantzsch, Creditreform

Herr Hantzsch, Berliner Firmen nehmen einen Spitzenplatz beim Zahlungsverzug ein. Wie interpretieren Sie das?

Die Berliner Unternehmen benötigen über alle Branchen hinweg im zweiten Quartal 2,4 Tage länger als der Bundesdurchschnitt zum Begleichen offener Rechnungen. Das ist eine ganze Menge. Es scheint klar, dass hier Liquidität zurückgehalten wird.

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Das dürfte ein Motiv sein. Handel und Dienstleistungen bestimmen die Berliner Wirtschaft. Es gibt viele kleine Unternehmen ohne großes Finanzpolster für schlechte Zeiten. Das verarbeitende Gewerbe leidet natürlich auch unter den hohen Energiepreisen. Aber viele Firmen verfügen in der Industrie über höhere Liquidität. Salopp ausgedrückt sind ein Späti oder ein Café schnell gegründet, aber auch schnell wieder vom Markt, wenn es einen Schock von außen gibt. Die Berliner Wirtschaft ist mit ihrer Struktur also besonders anfällig für externe Schläge. Wir haben es mit dem Krieg in der Ukraine nach der Pandemie bereits mit der zweiten unerwarteten Krise zu tun. Und die Pandemie hat mit den Schließungen während der Lockdowns gerade dem Handels- und Dienstleistungsgewerbe schon stark zugesetzt.

Unternehmen warten auf Hilfe

Wirtschaftsminister Habeck will auch kleinere und mittlere Unternehmen durch ein Energiekostendämpfungsprogramm unter seinen Rettungsschirm nehmen. Berlin dürfte also besonders profitieren.

Viele kleinere Unternehmen warten derzeit auf staatliche Hilfen wie in der Corona-Krise. Auch deshalb halten viele Liquidität zurück. Die Frage ist allerdings, wie nachhaltig es ist, Insolvenzen um jeden Preis verhindern zu wollen.

Eine Marktbereinigung bleibt aus.

Patrik-Ludwig Hantzsch, Creditreform

Wie meinen Sie das?

Eine Marktbereinigung bleibt aus, wenn der Staat mit der Gießkanne Betriebe mit Liquidität versorgt. Der Staat hat mit seinen Finanzspritzen bereits in der Corona-Krise viele Insolvenzen quasi verschleppt. Insolvenzen und Überschuldung sind deshalb auf historisch niedrigem Niveau.

Firmen tragen Risiken

Ist es denn gerecht, Unternehmen wegen des Kriegs in der Ukraine pleitegehen zu lassen?

Unternehmen tragen nicht nur Risiken, die mit ihrem Geschäftsmodell zusammenhängen. Der reinen marktwirtschaftlichen Lehre nach haben Firmen, die sich Kosten für Energie und Materialien nicht mehr leisten können, jetzt einfach Pech. Die Politik muss natürlich die gesellschaftlichen Folgen bedenken. Gerade in Berlin hängen viele Jobs an kleinen und mittleren Betrieben, die wegen der Energiekrise in Schwierigkeiten stecken. Eine Insolvenzwelle mit Geld zuzuschütten, bedeutet für die Wirtschaft aber, dass händeringend gesuchte Fachkräfte an kapitalschwachen und wenig innovativen Unternehmen gebunden bleiben. Das ist auf Dauer volkswirtschaftlich ungesund.

Ist das nicht etwas pauschal formuliert? In Berlin gibt es viele Start-up-Unternehmen mit guten Ideen, aber wenig Kapital.

Das ist richtig. Der Marktaustritt eines Unternehmens wegen Liquiditätsproblemen ist nicht pauschal gut. Ich rate dazu, jetzt gezielter abzuklopfen, welche Unternehmen eine Zukunft haben, statt Geld an alle zu verteilen. Die Politik hat sich während der Corona-Krise großzügig gezeigt in der Erwartung, dass das Geschäftsumfeld nach der Pandemie so sein wird wie vor Corona. Dann brach im Februar der Krieg in der Ukraine aus und es scheint, als gehen wir die Wette auf eine Rückkehr zur Normalität noch mal ein.

Wir leben in einer Zeit, in der viele Krisen vor sich hin brodeln.

Patrik-Ludwig Hantzsch, Creditreform

Weitere geopolitische Schocks drohen

Sie rechnen mit weiteren Verwerfungen?

Wir leben in einer Zeit, in der viele Krisen vor sich hin brodeln. In unserer Abhängigkeit vom Handel mit China sehe ich das größte externe Risiko für die deutsche Wirtschaft. Wegen des Taiwan-Konflikts könnte auch noch ein Wirtschaftskrieg zwischen dem Westen und China ausbrechen. Ich glaube, Zeiten wie nach der Erholung von der Finanzkrise 2008 bis 2019 mit dauerhaftem Wirtschaftswachstum in Deutschland werden wir in diesem Jahrzehnt nicht mehr erleben. Die Folgen eines Insolvenzstaus sind nicht zu unterschätzen. Denn wenn der eines Tages platzt und der Staat nicht mehr die Mittel hat, viele Unternehmen über Wasser zu halten, werden die sozialen Folgen gravierend sein.

Sie zeichnen ein düsteres Bild. Berlin ist ohnehin eine Stadt, in der viele Menschen wenig Einkommen haben.

Das ist zunächst eine Momentaufnahme. Konjunkturverläufe sind derzeit nicht mehr so nachvollziehbar wie vor der Pandemie. Wir reden von Sondereffekten durch geopolitische Schocks, die niemand genau vorhersagen kann. Die Politik muss eine Balance finden zwischen der Abfederung sozialer Folgen und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. Unternehmern sollte aber klar sein, dass der Staat ihnen nicht jedes Risiko abnehmen kann. Das bedeutet, so hart es klingt, dass manche Betriebe pleitegehen müssen. Alle zu retten, ist keine Option.

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