Über Nacht hat sich die Sicherheitslage in Deutschland geändert: Ein friedliches Weihnachtsfest scheint bedroht. Nach einer geheimdienstlichen Terrorwarnung haben am Vorabend Spezialisten der Polizei den Kölner Dom durchsucht und verschlossen.
Hintergrund sollen Anschlagspläne von Islamisten in Wien, Madrid und Köln sein. Was bedeutet das für die Weihnachtsgottesdienste in Berlin, fragen wir Pfarrerin Senta Reisenbüchler? Wie viele Gottesdienste hat Sie schon an einem Weihnachtstag geschafft und warum können Gottesdienste durchaus auch mit Rockkonzerten verglichen werden?
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Terrorismus: Wie hoch ist die Gefährdungslage in Berlin?
Frau Reisenbüchler, haben Sie nach dem Vorfall in Köln schon Anrufe von der Kirchenleitung oder von Gläubigen wegen der Gottesdienste heute bekommen?
Nein, bislang habe ich weder das eine noch das andere bekommen, aber es ist klar, dass die aktuelle Situation an Weihnachten immer eine Rolle spielt. Die ist nicht wegzudenken. Mein Diensthandy ist an, sobald ich etwas höre, setze ich es um.
Haben Sie persönlich Angst oder sind Sie da im Gottvertrauen?
Ich würde nicht sagen: Ich bin im Gottvertrauen. Ich glaube, es gibt auch andere Möglichkeiten zu sagen: Ich bin optimistisch und versuche, keine Angst zu haben im Alltag, und ich habe auch heute Abend bei den Veranstaltungen keine Angst.
Nach der Warnung am Kölner Dom: Auch an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin ist die Polizei präsent.
© Benjamin Pritzkuleit
Köln ist ganz aktuell, wie aber fließt das Aktuelle überhaupt in Ihre Predigten ein, der Krieg in der Ukraine, der Krieg in Gaza?
Die aktuelle Situation fließt wirklich immer ein. Und ich glaube, das war auch geschichtlich schon immer so. Die Weihnachtsbotschaft ist immer gleich, würde ich sagen: Gott kommt in die Welt, Jesus ist geboren. Aber alles hat Einfluss auf die Predigt: Wer hört zu, wie ist deren persönliche Situation, wie ist die gesamtgesellschaftliche Lage. Und natürlich kann man die Kriege nicht wegdenken. Auch wenn durch die aktuellen Meldungen aus Köln nun die Gefahr greifbarer ist und vielleicht Ängste da sind, gab es Krieg auch schon vor zwei Tagen. Nur eben nicht in Deutschland. Aber Krieg ist in der Welt – und das ist an jedem Weihnachtsfest so.
Wie viele Gottesdienste müssen Sie heute abhalten?
Wir haben hier in der Trinitatis-Kirche heute vier Gottesdienste. Wir teilen uns auf. Ich habe nur eine. Die Christvesper, also den Familiengottesdienst um 15 Uhr und um 21 Uhr bin ich noch mal als Pfarrerin eingeladen, bei Menschen, die einen christlichen Input wünschen. Es ist eine Community von Alleinstehenden so um die Mitte 30, die keine Familie haben, die nicht in der Kirche sind, die aber beschlossen haben, Weihnachten gemeinsam zu feiern und sich Geistliche einladen. Zwischen den zwei Veranstaltungen mache ich als Pfarrerin noch einen Hausbesuch bei einer Frau, deren Mann wir im Sommer beerdigt haben. Für die Frau war Einsamkeit an Weihnachten eine Horrorvision, deshalb werde ich bei ihr sein.
Pfarrerin Senta Reisenbüchler in der Trinitatis-Kirche. Sie ist 36 Jahre alt, ist seit eineinhalb Jahren dort Pfarrerin.
© Benjamin Pritzkuleit
Es heißt, Sie hatten auch schon vier Gottesdienste am Heiligen Abend?
Ich hatte auch schon sieben an einem Tag, zu Corona-Zeiten haben wir 30-minütige Kurzandachten gemacht, dann gelüftet und dann ging es weiter. Jeweils 50 Leute durften wir reinlassen, und so kam ich auf sieben Gottesdienste hintereinander.
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Wie lang ist ein solcher Tag?
Ich stehe dann um 7 Uhr auf und bin um 23 Uhr im Bett.
Was machen Sie nach solch einem intensiven Tag?
Badewanne ist bei mir dann Pflicht, die habe ich glücklicherweise trotz des angespannten Wohnungsmarktes. Und ich schaue seichte Unterhaltung …
… wie wir alle also …
Genau, zum Runterkommen. Das ist meine Art, um zu entspannen.
Ihr Arbeitstag war dann sogar länger als bei Straßenbahnfahrern oder Krankenpflegerinnen, die an den Weihnachtstagen auch Dienst haben. Ist solch ein 16-Stunden-Arbeitstag dann Pflicht oder Freude?
Kirchenrechtlich ist es eine Pflicht, für mich ist es eine Freude. Ich komme aus einem atheistischen Haushalt und habe deshalb gar nicht das starke Weihnachten-Familie-Geschenke-Ding.
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Halten Sie jedes Mal dieselbe Predigt?
Nein. Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Die Predigt ist jedes Jahr anders und auch die sieben Predigten an einem Tag haben sich unterschieden. Die Weihnachtsgeschichte ändert sich nicht, der Text ist ähnlich, aber die Situation ist immer anders. Nachmittags habe ich hier ganze Familien sitzen, abends habe ich zugezogene Großstädter Mitte 30, ungebunden und aus dem kreativen Bereich. Das ist schon etwas anderes.
Die Trinitatis-Kirche ist ganz in der Nähe der Deutschen Opfer.
© Benjamin Pritzkuleit
Ist es leicht, jedes Mal eine andere Predigt zu schreiben?
Ja, absolut: Die Welt ändert sich ständig und mein Leben auch. Beim Weihnachtsfest geht es um die Geburt eines Kindes. Letztes Jahr, als ich hier gepredigt habe, war ich kurz nach einer Entbindung. Da lese ich die Geschichte der Geburt von Jesus anders. Maria hatte gar keine Zeit, um sich nach der Geburt auszuruhen. Wie anstrengend ist das denn? Da kommen gleich diese Hirten, statt erst mal Wochenbett. Das ist mir aufgefallen, weil meine Lebenssituation eine andere war. Da habe ich in der Predigt einen neuen Schwerpunkt gesetzt.
Wie viele Gläubige passen in diese Kirche?
Ich habe hier schon mit 380 Menschen gesessen. Das hat sich sehr voll angefühlt; und Weihnachten sind hier 300 bis 400 dabei.
Es ist also voll bis übervoll. Wie viele kommen an einem normalen Sonntag im Juli?
Wir haben hier gut besuchte Gottesdienste, da kommen auch im Juli 80 bis 100 Leute an einem durchschnittlichen Sonntag.
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Ist es ein Unterschied, ob Sie vor einem vollen oder leeren Haus predigen?
Ja, klar. Bei einem vollen Haus ist die Freude natürlich da, zu sagen: Wir bieten ein Format, das die Leute so sehr anspricht, dass sie zu uns kommen. Grundsätzlich finde ich es wichtig, die Schwingungen in der Kirche nachzuvollziehen. Die Resonanzen. Obwohl es doch eigentlich ein Monolog ist, ist mir der Blickkontakt wichtig. Ich kann deutlich spüren: Ist das, was ich sage, anschlussfähig. Aber bei einem ganz vollen Haus geht mir das manchmal verloren, besonders wenn auch die Emporen voll sind …
… ist es wie der Unterschied, wenn Rockstars wie Bruce Springsteen sich über ein volles Stadion freuen, aber noch viel mehr über ein kleines intimeres Clubkonzert?
Ein Vergleich, den ich selbst nicht gemacht hätte, aber so ähnlich.
Werden Sie heute Abend nicht auch ein wenig wehmütig, weil das Haus voll ist, aber sonst nicht so sehr?
Überhaupt nicht. All jene, die kommen möchten, kommen hoffentlich; und diejenigen, die nicht wollen, kommen auch bitte hoffentlich nicht. Niemand soll hier sein, weil er denkt, dass er hier sein müsste.
Auch eine Tradition zum Fest: Zum Weihnachtssingen der Unioner kamen 28.500 Menschen ins Stadion An der Alten Försterei.
© Christoph Soeder/dpa
Beim Köpenicker Fußballclub Union kamen jetzt 28500 Leute zum Weihnachtssingen, die vielleicht gar nicht so viel mit dem christlichen Ursprung des Weihnachtsfestes zu tun haben – ist das mehr Folklore oder kommen die Menschen doch nicht ganz ohne Spiritualität aus?
In dieser Zeit, die dunkel ist, die kalt ist und die ein anstrengendes Jahr abschließt, gibt es, denke ich, ein großes Bedürfnis, irgendeine Form dieses Weihnachtsfestes in das eigene Leben zu integrieren. Scheinbar passiert das, ohne dass sich die Leute fragen, ob sie nun im Detail glauben, was diese Geschichte da erzählt. Und wenn ihnen das Spaß macht, dann passt das.
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Was ist Ihre Weihnachtsbotschaft für die Atheisten, gibt es da eine andere als für Christen?
Ich habe für alle die gleiche Botschaft und jeder entscheidet, was er daraus macht. Für mich hat Weihnachten einfach nur die ganz simple Botschaft: Gott kommt in die Welt, Gott wendet sich den Menschen zu. Das kann man finden, wie man will, und sich dazu verhalten, wie man will.
Vermissen Sie es, dass Sie an diesem Tag nicht einfach im Gottesdienst sitzen können?
Ich gehe gern in Gottesdienste, ich muss nicht immer predigen, aber da ich den kirchlichen Bezug aus der Familie ja gar nicht kenne, vermisse ich ihn auch nicht.
Und wie ist es mit Ihren beiden Kindern heute Abend?
Ja, ich bin heute Abend nicht dabei, habe einfach zu viele Termine. Aber ich werde per Handy bei der Bescherung dabei sein. Meine Kinder lernen von Anfang an, dass ihre Mutter als Pfarrerin nicht bei der Bescherung dabei ist.
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