Als Angela Merkel am frühen Freitagabend zum „Festival des kritischen Geistes“ als Rednerin auf die Bühne des Kinos International kommt, wird sie mit ihrer langjährigen Rolle als Bundeskanzlerin angekündigt und bekommt ordentlich Applaus.
Sie ist aber eigentlich als Zeitzeugin da. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat eingeladen, um an die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR vor 50 Jahren zu erinnern.
Bei Angela Merkel zu Hause wurden Songs von Biermann auf Tonband gehört. Nun gibt sie einen biografischen Abriss des Mannes, der vor ihr schon auf der Bühne war. Sie verweist auf seine jüngst veröffentlichten Tagebücher, die Lektüre lohne sich, und stellt dar, wie er seinen Glauben an den Kommunismus verlor. Als mutigen, unbestechlichen Künstler beschreibt sie ihn, aber auch als „ziemlich von sich überzeugt“ – und mildert das mit der Formulierung „wenn ich mir das erlauben darf“ ab.
„Ein unvergesslicher Abend“
Das erste Mal gesehen hat sie ihn nach der Ausbürgerung im Fernsehen. Da ging es ihr wie Tausenden anderen. Und auch das belegt, wie falsch die DDR-Regierung handelte: Ihre als Repression gegen die eine bis dahin fast unsichtbar gemachte Person gerichtete Entscheidung zog in der Bevölkerung wachsende Kreise des Unmuts und Protests.
Seit 1965 hatte er Auftrittsverbot, Ende 1976 durfte er auf Gastspielreise in den Westen. Am 13. November hatte er in Köln auf Einladung der IG Metall sein erstes Konzert. Drei Tage später teilte die DDR über die Nachrichtenagentur ADN mit, dass sie ihm die Staatsbürgerschaft entzieht.
Am 19. November wurde das gesamte Kölner Konzert im Hauptprogramm der ARD gezeigt, wodurch viele Menschen in der DDR ihn erstmals überhaupt erleben konnten. Es war ein Freitag. Angela Merkel war 22 Jahre alt und ist extra aus Leipzig, wo sie Physik studierte, nach Templin zu ihren Eltern gefahren, „da ich im Studentenwohnheim natürlich kein Westprogramm sehen konnte“. Ein unvergesslicher Abend sei das gewesen; ein „interessantes Detail“ sei ihr allerdings jetzt erst aufgefallen. „Die einzige Landessendeanstalt, die sich ausklinkte, war der Bayerische Rundfunk“, sagt sie. Das Berliner Publikum lacht. Biermann habe beim Konzert gesagt, die BRD brauche eine kommunistische Partei.
Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin a. D., spricht während des „Festivals des kritischen Geistes“ zum 50. Jahrestag der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR im Kino International.
© Sebastian Gollnow/dpa
Angela Merkel beschließt die biografische Erklärung damit, dass Wolf Biermann „ein uneingeschränkter Freund der Demokratie mit all ihren Unzulänglichkeiten“ wurde. Als Schwester in diesem Geist geht sie zum letzten kurzen Redeteil über, der ist allgemeiner und zielt auf die Gegenwart. „Unser Land ist geeint, aber doch aufgeregt und zerrissen. Wir ahnen, dass die Demokratie verletzlicher ist, als wir dachten. Dass sie mehr braucht als nur freie Wahlen.“ Sie erwähnt Grundprinzipien wie die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit der Justiz und der Presse, die Meinungsfreiheit und den Schutz von Minderheiten. „Wir als Bürger müssen wieder laut und entschieden für diesen Staat eintreten. Es ist ein Kampf für etwas, für das man glücklicherweise nicht verfolgt wird.“
Balbina versteht Wolf Biermann als Kompass
Angela Merkel dankt dem fast 90-jährigen Wolf Biermann und lobt seine Lieder als „Ermutigungen zum Handeln“. Am 15. November hat er Geburtstag. Die Ex-Kanzlerin bleibt noch eine ganze Weile da, hört von der ersten Reihe aus zu, wie Biermann mit der 43-jährigen Musikerin Balbina spricht, die ihn einen Kompass für ihre Arbeit nennt, folgt nach der ersten Pause des Abends den kurzen Lesungen und dem halbstündigen Gespräch mit der bildenden Künstlerin und Autorin Gabriele Stötzer und der Journalistin Doris Liebermann.
Die beiden Frauen sind Jahrgang 1953, sie haben in Erfurt beziehungsweise Jena damals die Erklärung der Künstler gegen die Ausbürgerung vervielfältigt und selbst Unterschriften gesammelt. Von der Stasi verhört wurden beide; Stötzer saß ein Jahr im Frauengefängnis Hoheneck. Man müsse darüber sprechen, damit einen das nicht beherrscht, sagt sie. Und sie wünscht sich Biermann noch einmal auf die Bühne, er möge das Lied „Ermutigung“ singen. Das sprengt den Zeitplan, weil er dazu noch etwas erzählen muss. Die Moderatorin wird nervös. Aber die Stimmung im Saal ist prächtig, das Publikum klatscht und jubelt. Und erst in der folgenden Pause sieht man die Ex-Bundeskanzlerin entschwinden.
Das Programm geht weiter mit Gesprächen und Texten, der Dokumentarfilm „Biermann“ schließt sich an. Wer den auch noch sieht, verlässt das Kino in der ersten Stunde des Sonnabends guter Dinge.
„Die Deutschen haben allen Grund, froh und glücklich zu sein“
„Biermann“: Der Film über eine lachende, lebende Legende
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