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Genozidale Absichten: Kann es für Christen eine Zukunft im „neuen Syrien“ geben?

In Syrien versetzen Attentate à la IS die unter der islamistischen Regierung marginalisierten Christen in Angst. Unser Autor erklärt, wer dahinter steckt.

Christoph Leonhardt
9 Min
Begräbnis für die Opfer des Anschlags auf die Mar-Elijah-Kirche in Damaskus

Begräbnis für die Opfer des Anschlags auf die Mar-Elijah-Kirche in Damaskus

© Anadolu Agency/imago

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Am Abend des 22. Juni 2025 eröffnete der Dschihadist Abu Uthman in der St.-Elias-Kirche in Damaskus zunächst das Feuer auf betende Gläubige und zündete dann unter ihnen seinen Sprengstoffgürtel. Nach Angaben des syrischen Innenministeriums starben bei dem Angriff auf die griechisch-orthodoxe Kirche 25 Menschen, weitere 63 Personen wurden teils schwer verletzt. Es war der erste Selbstmordanschlag dieser Art seit Jahren in Syrien. Infolge des Angriffes wurden fast alle Gottesdienste in Syrien abgesagt. Schließlich weckte er bei vielen Christen traumatische Erinnerungen an die Schreckensherrschaft des Islamischen Staates (IS) und an die von ihm verübten Gräueltaten.

Das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Antiochien verurteilte den Terroranschlag aufs Schärfste. Sein Patriarch Johannes X. forderte die neuen Machthaber in Damaskus dazu auf, die volle Verantwortung für die „anhaltenden Angriffe auf die Heiligkeit der Kirchen und ihre Gläubigen“ zu übernehmen. Auch der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, rief zu einem besseren Schutz auf: Der Angriff zeige, dass „die Christen in Syrien an Leib und Leben gefährdet sind“. Es sei daher zu befürchten, dass viele weitere „ihrem Heimatland den Rücken kehren“.

Der Sprecher des syrischen Innenministeriums, Nour al-Din Al-Baba, spricht während einer Pressekonferenz über den Terroranschlag auf eine Kirche in Damaskus.

Der Sprecher des syrischen Innenministeriums, Nour al-Din Al-Baba, spricht während einer Pressekonferenz über den Terroranschlag auf eine Kirche in Damaskus.

© Izettin Kasim/imago

Abu Muhammad al-Julani reagiert mit einer fixen Schuldzuweisung

Das neue Staatsoberhaupt Syriens, Ahmed al-Sharaa, machte kurz nach dem Attentat den IS als Urheber für die Bluttat verantwortlich. Doch war er bis zu seiner Machtübernahme Anfang des Jahres selbst als Dschihadistenführer bekannt. Unter seinem Kampfnamen Abu Muhammad al-Julani hatte er zu Beginn des Bürgerkriegs 2011 einen syrischen Ableger von Al-Qaida („Die Basis“), abgekürzt: AQ, aufgebaut, der als Jabhat al-Nusra („Unterstützungsfront“), kurz: JAN, in Erscheinung trat. Ihre Anhänger verübten Gräueltaten an Minderheiten und die JAN kooperierte teils mit dem IS, bevor beide zu Rivalen wurden.

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Nach dem Untergang des IS-Kalifats vereinte al-Julani mehrere Dschihad-Verbände unter Hayat Tahrir al-Sham („Eroberungsfront Syriens“), abgekürzt: HTS. Diese beherrschte ab 2017 die letzte Oppositionsbastion Idlib, bis sie Ende 2024 den Sturz von Baschar al-Assad anführte.

Obwohl unklar ist, ob Abu Muhammad al-Julani, der als Präsident unter seinem bürgerlichen Namen auftritt, der radikalen Ideologie vollends abgeschworen hat, versucht er den Kampf gegen den Terrorismus für seine politische Legitimität zu nutzen. Daher erscheint die schnelle Schuldzuweisung an den IS für das Attentat nicht verwunderlich. Entgegen der staatlichen Darstellung bekannte sich am 24. Juni die bis dato eher unbekannte Gruppe Saraya Ansar al-Sunna („Unterstützer der Sunna-Bataillone“), kurz SAS, zum Angriff auf die Christen.

HTS-Kämpfer nach der Absetzung Baschar al-Assads. Die SAS spaltete sich von der HTS ab, um die „Anhänger und Überbleibsel des Assad-Regimes zu jagen“, so ihr Gründer.

HTS-Kämpfer nach der Absetzung Baschar al-Assads. Die SAS spaltete sich von der HTS ab, um die „Anhänger und Überbleibsel des Assad-Regimes zu jagen“, so ihr Gründer.

© Izzalden Alkasem/imago

Wer ist Saraya Ansar al-Sunna?

Die SAS wurde Ende Januar dieses Jahres von Abu Aisha al-Shami gegründet. Sein Name lässt auf eine syrische Herkunft schließen (Shami steht für Damaszener oder Großsyrer). Er und seine Anhänger spalteten sich von der HTS ab, nachdem sie für al-Julani radikale Anhänger vor Assads Fall rekrutiert hatten, von denen nun viele zur SAS übergelaufen sind.

Al-Shami gründete die SAS nach eigener Aussage, um die „Anhänger und Überbleibsel des Assad-Regimes zu jagen“. Die Abspaltung von HTS begründete er damit, dass diese nicht nur „zu nachlässig“ mit ehemaligen Regimeanhängern, sondern auch mit „Ketzern und Ungläubigen“ umgehe. In den Folgetagen bekannte sie sich zu mehreren Mordattentaten an über ein Dutzend Regimeanhängern, aber auch an Alawiten und Schiiten in der Provinz Hama. Obwohl ihr Ursprung dort liegen dürfte, ist die SAS mittlerweile in Homs, Damaskus, Latakia und Tartus aktiv, also in denjenigen Provinzen, wo viele Minderheiten wohnen.

Organisiert ist die SAS dezentral in autonomen Terrorzellen. Sie besitzt eine sektiererisch-dschihadistische Identität, die mit der von Al-Qaida im Irak (AQI) und deren IS-Nachfolgeorganisation vergleichbar ist. Zwar hat sie sich nicht offiziell zum IS bekannt, allerdings teil sie seine radikal-religiöse Agenda. Die SAS beruft sich wie der IS in ihren Statements gerne auf den radikalen Gelehrten Ibn Taimiya, der die Tötung von Minderheiten im 14. Jahrhundert per Fatwa rechtfertigte. Wie der IS lehnt die SAS auch die de facto HTS-Regierung mit dem Vorwurf „ketzerisch“ zu sein ab, weil sie ihre dschihadistischen Wurzeln „verraten“ habe.

Gleichsam radikal liest sich ihr Bekennerschreiben zum Kirchenanschlag: Er sei eine „Vergeltungsaktion für die Provokation“, die von den Christen ausgehe. Er wäre die „erste Lektion in einer Reihe von Katastrophen, die über die Christen hereinbrechen“ werde. Denn „ihr Blut werde fließen, wie eine reißende Flut“, bis zu ihrer vollständigen „Vertreibung aus dem reinen Syrien“. In dem Schreiben formuliert die SAS also eine genozidale Absicht gegen die Christen verbunden mit dem Ziel ein „rein islamisches Syrien“ zu erschaffen.

Die St.-Elias-Kirche nach dem Angriff

Die St.-Elias-Kirche nach dem Angriff

© Bakr Al Kasem/imago

Die neue dschihadistische Gefahr

Sowohl die Vernichtungsabsicht gegenüber allem vermeintlich „Unislamischem“ als auch der Anspruch eines „reinen Gottesstaats“ entspricht exakt der IS-Ideologie. Obwohl die Gruppe mit rund 2000 Mitgliedern verhältnismäßig wenige Anhänger hat, knüpft sie bewusst an die einst mächtige Terrororganisation des IS an. So nennt sie ihren Propagandakanal bewusst „Dabiq Nachrichten-Stiftung“ in Anknüpfung an das prominenteste IS-Magazin „Dabiq“, das weltweit Aufmerksamkeit generierte. Folglich scheint mit der SAS eine neue Terrorgruppe in Syrien in Erscheinung getreten, welche die radikale IS-Ideologie verbreiten und wieder etablieren möchte.

Tatsächlich prägen seit der Machtübernahme der HTS bärtige Männer und verschleierte Frauen das öffentliche Bild des einst freizügigen Syrien. Entgegen allen staatlichen Beteuerungen und auch westlichen Beschwichtigungen ist das dschihadistische Gedankengut in Syrien wieder auf dem Vormarsch. Vor diesem Hintergrund wächst nicht nur die Gefahr, die von Gruppen wie dem noch existenten IS oder der neu gegründeten SAS ausgeht. Darüber hinaus wächst auch der Druck, der von radikal-religiösen Kräften innerhalb des neuen Machtapparats ausgeht.

Auf der einen Seite speist sich die SAS selbst aus der HTS, dessen Anführer Ahmed al-Sharaa war. Da die HTS als AQ-Nachfolgeorganisation gilt, versuchte er mit ihrer Auflösung Anfang des Jahres ihrer radikalen Anhaftung zu entliehen. Trotz seiner machtpragmatischen Ausrichtung verfolgen den neuen Präsidenten dieselben radikalen Geister, die er als Gründer der syrischen AQ einst selbst miterschaffen hatte. Bis heute mit ihrer Ideologie verbunden, sind viele seiner Weggefährten mit seinem Führungsstil nicht einverstanden, den sie als „unislamisch“ kritisieren. Darunter sind nicht nur Kämpfer in den Reihen der sunnitischen Milizen, die mittlerweile zu großen Teilen in die regulären Sicherheitskräfte integriert wurden, sondern auch Staatsbedienstete. Das Problem liegt also nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb des neuen Machtapparats.

Zweifelhafte Agenda der Regierung

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass der auf internationalen Druck zurückzuführende „inklusive Übergangsprozess“ nur symbolisch bleibt. Zwar wurde mit Hind Kabawat eine Christin zur Arbeits- und Sozialministerin ernannt. Auch wurde der Kurde Muhammad Turko zum Bildungsminister, der Alawit Yaarub Badr zum Verkehrsminister und der Druse Amjad Badr zum Agrarminister berufen. Allerdings sind alle Minderheitenvertreter parteilos und können daher kaum auf eine repräsentative Basis in ihrer Gemeinschaft zurückgreifen.

Ahmed al-Sharaa

Ahmed al-Sharaa

© Syrian Arab News Agency/imago

Dagegen hat Ahmed al-Sharaa nahezu alle Schlüsselpositionen im Staat mit getreuen Gefolgsleuten besetzt, womit die wichtigen Entscheidungen in seinen Händen liegen. Ähnlich wie der Staats- wurde auch der Militärapparat um die HTS-Kampftruppe aufgebaut. Statt eines pluralistisches Demokratisierungsprozesses treibt al-Sharaa also einen neuen Autoritarismus mit islamischem Anstich voran. Daher sagen manche Christen hinter vorgehaltener Hand, dass man „Pest mit Cholera“ getauscht habe.

Ein fragiles Gebilde

Obwohl sich der Anschlag am 22. Juni gegen die Christen richtete, zielten die Dschihadisten auf die Gesamtheit Syriens, die bis heute aus einer Vielzahl an Minderheiten besteht. Zu nennen sind hier nicht nur Alawiten, Christen und Drusen, sondern auch Aramäer, Kurden und Turkmenen. Dieses fragile Gebilde aus multiethnischen und -religiösem Miteinander stand während des Bürgerkriegs im Kreuzfeuer und scheint nun unter den islamistischen Machthabern abermals unter Beschuss.

Gezielte Anschläge gegen Minderheiten können in der Region schnell zu religiöser Gewalt führen. Bereits unter der Herrschaft von Hafiz al-Assad attackierte die Talia al-Muqatila („Kämpfende Avantgarde“) Alawiten und zettelte einen religiös konnotierten Bürgerkrieg an, der 1982 im Massaker von Hama mündete. Auch im Irak kam es nach dem US-geführten Sturz von Saddam Hussein 2003 durch Angriffe auf Schiiten durch AQI von 2005 bis 2007 zum religiösen Bürgerkrieg.

Schon der syrische Bürgerkrieg hat die Segregation der Gemeinschaften verschärft. Obwohl der Konflikt oberflächlich beruhigt zu sein scheint, ist die Gefahr vor sektiererischen Auseinandersetzungen weiterhin hoch. Dies verdeutlichen nicht nur die Massaker an den Alawiten in der Küstenregion mit über 1000 Toten durch sunnitische Milizen im März, sondern auch die jüngsten Kämpfe zwischen Drusen und Sunniten in der südsyrischen Provinz Swaida mit ebenfalls über 1000 Toten.

Teams des syrischen Zivilschutzes und Freiwillige bekämpfen am frühen Morgen des 12. Juli den zehnten Tag in Folge die Flammen eines Waldbrandes in der Nähe der Stadt Kasab in der syrischen Provinz Latakia.

Teams des syrischen Zivilschutzes und Freiwillige bekämpfen am frühen Morgen des 12. Juli den zehnten Tag in Folge die Flammen eines Waldbrandes in der Nähe der Stadt Kasab in der syrischen Provinz Latakia.

© Ghaith Alsayed/AP

Immer mehr Christen verlassen ihre Heimat

Aufgrund der Gemengelage muss in Zukunft mit weiterer religiöser Gewalt gerechnet werden. Nicht nur bekannte sich die SAS vor kurzem zu den Brandstiftungen in den Wäldern von Latakia, die laut ihr die Häuser „ketzerischer Alawiten“ treffen sollten, sondern rief auch per Flugblatt in Tartus zu weiteren Angriffen auf „ungläubige Christen“ auf. Beide Küstenprovinzen bilden traditionelle Heimatorte von Minderheiten, insbesondere der Alawiten, die bis heute der Anhängerschaft des gestürzten Assad-Regimes bezichtigt werden. Aber es leben dort auch Christen, darunter die beim Anschlag attackierten Griechisch-Orthodoxen, von denen ein Großteil bereits geflüchtet ist.

Während Papst Leo XIV. um „Trost, Heilung und Frieden für Syrien“ bittet, verlassen immer mehr Christen ihre Heimat aufgrund der religiösen Gewalt, der sie schutzlos ausgesetzt sind. Stellten sie vor Beginn des Bürgerkrieges 2011 rund zehn Prozent der Bevölkerung, sind es laut einem Bericht von Vatican News heute nur noch zwei Prozent – Tendenz weiter sinkend. Sollten die Christen den Angriffen der Dschihadisten weiterhin so schutzlos ausgesetzt sein, kann es durchaus sein, dass Syrien in Zukunft bald keine Christenheit mehr beherbergen wird.

Christoph Leonhardt ist Leiter von Okzident-Orient und stellv. Geschäftsführer von Middle East Minds. Nach seinem Studium in Berlin und Beirut hat er an der Universität der Bundeswehr München über paramilitärische Gruppen im Syrienkrieg promoviert. Er ist Autor von „Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020)“.

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