Wenige Stunden nach dem tödlichen Messerangriff in Solingen haben Einsatzkräfte einen 15-Jährigen festgenommen. Nach ersten Ermittlungsergebnissen handelt es sich aber nicht um den gesuchten Täter. Die Beschreibung des Täters durch Zeugen vor Ort soll nicht mit dem Festgenommenen übereinstimmen. „Nach vorliegenden Zeugenaussagen soll eine bislang unbekannte Person kurz vor dem Angriff mit dem Jugendlichen über Absichten gesprochen haben, die zur Tatausführung passen würden“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Markus Caspers.
Der Jugendliche sei daraufhin am frühen Samstagmorgen festgenommen worden und sitze in Gewahrsam. Ihm wird das Nichtanzeigen einer geplanten Straftat vorgeworfen. Es werde „geprüft, ob es möglicherweise Tatzusammenhänge gibt“, teilte die Polizei Düsseldorf am Samstag mit. Die mutmaßliche Tatwaffe wurde in einem Mülleimer entdeckt. Es gebe bisher keine Hinweise darauf, dass an der Messerattacke mehrere Täter beteiligt waren.
Wie auf einer Pressekonferenz am Nachmittag mitgeteilt wurde, schließen die Ermittler einen Terrorhintergrund nicht aus. „Wir gehen nach den Gesamtumständen davon aus, dass der Anfangsverdacht einer terroristisch motivierten Tat nicht ausgeschlossen werden kann“, so Oberstaatsanwalt Caspers in Wuppertal. Wie die Welt am Sonntag unter Berufung auf einen internen Polizeibericht berichtete, soll der Täter während des Angriffs „Allahu Akbar“ (deutsch: Gott ist groß) gerufen haben. Das habe zumindest ein Zeuge den Ermittlern erzählt. Offiziell bestätigt ist das bisher nicht.
Nach der Messerattacke auf dem Solinger Stadtfest legen Menschen in der Nähe des Tatortes Blumen neben einer Regenbogenflagge nieder.
© Henning Kaiser/dpa
Polizei hat bislang keine Täterbeschreibung veröffentlicht
Die Polizei fahndet mit einem Großaufgebot nach dem Täter, der nach der Attacke fliehen konnte. Zudem gebe es in dem Zusammenhang in ganz Nordrhein-Westfalen und im gesamten Bundesgebiet Polizeieinsätze. Viele Fragen, etwa zum Motiv, sind noch offen. Die Polizei hat bislang auch keine Täterbeschreibung veröffentlicht. Es liegt noch kein klar zugeordnetes Bildmaterial vom mutmaßlichen Täter vor, hieß es. Es wurde ein Hinweisportal eingerichtet, es laufe „umfangreiches“ Material ein, sagte der Düsseldorfer Polizeiführer Thorsten Fleiß.
Die Auswertung laufe aber noch, „so dass wir im Moment noch kein gezieltes Bild vom Täter veröffentlichen können, weil wir es noch nicht gezielt zuordnen können“. Wenn man ihn frage, ob Bildmaterial vom Täter vorliege, müsse er im Moment mit „Nein“ antworten.
Angreifer stach gezielt auf den Hals ein
Bei der Messerattacke am Freitagabend waren nach Polizeiangaben bei dem „Festival der Vielfalt“ drei Menschen getötet und acht weitere verletzt worden, fünf davon schwer. Die Polizei in Nordrhein-Westfalen stufte die Tat wegen des zielgerichteten Vorgehens des Täters als Anschlag ein.
Der Angreifer habe sehr gezielt auf den Hals seiner Opfer eingestochen, hieß es vom Innenministerium in NRW. Bei den Opfern handele es sich um Besucher des Festes.
Die Polizei ruft die Bürger in Solingen zu Vorsicht auf
Dem Täter gelang es nach Angaben des Innenministeriums aus der Nacht, im Tumult und in der sich anfangs ausbreitenden Panik nach der Tat zu entkommen. Die Ermittler gehen von einem Einzeltäter aus. Die Polizei rief die Bevölkerung in Solingen am Samstagmorgen weiter zur Vorsicht auf.
Blick auf den Fronhof in der Solinger Innenstadt: Hier ereignete sich die Tat.
© Christoph Reichwein/dpa
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnte vor der Verbreitung von Spekulationen und Gerüchten. „Spekulationen über die Tat in Solingen verbieten sich“, sagte der nordrhein-westfälische GdP-Chef, Michael Mertens, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Ich appelliere an alle, besonders an die Nutzer in den sozialen Medien, darauf zu verzichten, Gerüchte zu verbreiten.“
Es gebe bislang keine konkreten Erkenntnisse zum Täter, betonte Mertens. Die Personenbeschreibungen der Zeugen seien in Teilen widersprüchlich. „Das ist nicht verwunderlich: Die Menschen stehen unter dem Schock des Erlebten“, fügte Mertens hinzu. Die Polizei müsse nun „ungestört ihre Arbeit machen können“.
Auch mit Blick auf ein mögliches Tatmotiv warnte Mertens vor voreiligen Schlüssen. „Wir müssen erst alles aufklären und den Täter stellen, um dann zu dessen Motivation Rückschlüsse zu ziehen“, sagte er der „Rheinischen Post“. Bislang stehe lediglich die Zahl der Toten und Verletzen sowie der Tathergang mit einem Messer fest, ergänzte Mertens.
Nach Anschlag in Solingen: Mehrere Feste in Nordrhein-Westfalen abgesagt
Nach der Messerattacke in Solingen sagten mehrere Städte in Nordrhein-Westfalen ihre Feste ab. Nach Angaben der jeweiligen Stadtverwaltungen vom Samstag sollen ein in Hilden geplantes „Fest der Kulturen“ und ein in Haan geplantes Weinfest nicht stattfinden. In Wülfrath wurde laut Polizei zudem der für Sonntag geplante Blaulichttag abgesagt.
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