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Was ein 98-jähriger Schweriner mit dem US-Ökonomen Jeffrey Sachs gemeinsam hat

Ein Film über einen Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges und Sachs’ Warnungen führen zu einer unbequemen Frage: Hat Deutschland seine Geschichte vergessen?

Wolfgang Schumann
10 Min
Die Seelower Höhen waren 1945 der Schauplatz der größten Schlacht des Zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden, bei der die Rote Armee die letzte Verteidigungslinie vor Berlin durchbrach. Heute dient das dortige Areal als Gedenkstätte und Museum, um an die mehr als 100.000 Opfer zu erinnern.

Die Seelower Höhen waren 1945 der Schauplatz der größten Schlacht des Zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden, bei der die Rote Armee die letzte Verteidigungslinie vor Berlin durchbrach. Heute dient das dortige Areal als Gedenkstätte und Museum, um an die mehr als 100.000 Opfer zu erinnern.

© Patrick Pleul/dpa

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Am 27. Mai veröffentlichte die Berliner Zeitung  einen offenen Brief des renommierten amerikanischen Ökonomen und Diplomaten Jeffrey Sachs an Bundeskanzler Merz. Sachs forderte ihn darin auf, einen offenen Krieg mit Russland zu vermeiden.

Sicher, Sachs ist wie zahlreiche Kritiker der westlichen Sichtweise auf den Ukraine-Krieg nicht unumstritten, doch kann ich in seiner Aufforderung, Diplomatie gegenüber Russland zu suchen, nichts derart Verwerfliches finden, was das Schweigen des Kanzlers gegenüber diesem renommierten Wissenschaftler rechtfertigt. Hat Jeffrey Sachs, haben wir alle keine Antwort auf diese brennende Frage verdient?

Ich stelle die Frage von einer anderen Seite aus, die vielleicht zu simpel, zu volkstümlich, zu einfach erscheinen mag: Ich stelle sie von der Seite meiner Generation aus, die von einer von den Schrecken des Zweiten Weltkrieges, mitunter sogar von zwei Weltkriegen geprägten Eltern- und Großelterngeneration erzogen wurde.

Das ist für mich übrigens keine Ost-West-Frage, keine kritiklose Russlandfreundlichkeit, die uns „DDR-Sozialisierten“ oft unterstellt wird: Ich kann nicht beurteilen, welche Erzählungen aus Kriegszeiten Frau Merkel im beschaulichen Templin als Kind und Jugendliche zu hören bekam, ebenso wenig, ob und was Herr Merz im Sauerland von Eltern und Großeltern über die Schrecken des Krieges erfuhr. So wie ich das nicht beurteilen kann bei allen anderen Politikern, die zurzeit zu „Kriegstüchtigkeit“ und Hochrüstung aufrufen. Leider kocht in mir angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen die Angst hoch, dass sich Geschichte doch wiederholen kann – und die Lehren aus zwei brutalen Weltkriegen nichts mehr zählen. Und nicht mehr erzählt werden.

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Die letzte Feldpostkarte wurde gehütet wie ein Schatz

Ich kenne die Geschichte meiner Familie, ich kenne die Erzählungen von Freunden, Bekannten, Nachbarn, und frage mich: Ist die Mehrzahl unserer Politiker völlig geschichtsvergessen? „Nie wieder Krieg!“, „Nie wieder Krieg, der von deutschem Boden ausgeht“ – damit ist meine Generation nicht nur zwischen Rostock und Plauen in der DDR aufgewachsen, diese Mahnungen kannten auch Hamburger, Kölner … Ich denke an die Friedensbewegung, an die Ostermärsche. Das waren jene im Westen, die wie wir als Kinder noch in den 50er- und 60er-Jahren zwischen Trümmern spielten oder den Krieg noch selbst erleben mussten.

Meine Großmutter, Jahrgang 1899, verlor ihren Verlobten im August 1918 bei der Schlacht von Amiens, er war eines von mindestens 60.000 Opfern auf beiden Seiten der Front. Seine letzte Feldpostkarte, auf der er ihr sehnsüchtig schrieb, er freue sich so sehr auf sie, ist noch heute in meinem Besitz. Oma hütete die Karte wie einen Schatz.

Ihr späterer Mann, mein Großvater, wurde 1939 von der Gestapo verhaftet, meine Mutter war drei Jahre alt. Mit sechs Jahren stand sie am Grab ihres Vaters – er hatte die Haft nicht überlebt. Seinen Widerstand gegen das Regime kommentierte meine Oma: „Er hat Hitlers ‚Mein Kampf‘ gelesen, er wusste, was kommt!“ 1945 überlebte sie mit ihrer kleinen Tochter im Keller ihres Hauses – eines der wenigen, das die angloamerikanischen Bombardements im April 1945 überstand. Das Heulen einer Sirene ließ meine Mutter ihr Leben lang in Angst erstarren.

Die Familie meines Vaters hatte weniger Glück: Er war elf Jahre alt, als er zweimal die komplette Zerstörung erleben musste. Hatten meine Großeltern nach dem ersten Verlust einer Wohnung eine Ersatzwohnung gefunden, fiel auch diese den Bomben zum Opfer. 75 Prozent der Gebäude in Plauen waren am Ende des Krieges zerstört. Als wir Ende der 60er-Jahre endlich in eine Neubauwohnung ziehen durften, reichte die Trümmerwüste von unserer Haustür noch kilometerweit. Die Ruinen waren unser Spielplatz. Bis zu ihrem Tod Anfang der 80er-Jahre lebten meine Großeltern in einem ehemaligen Speicher, den mein Großvater aus den Trümmern notdürftig selbst zimmerte.

Kriegsgräberstätte mit den Namen der deutschen Soldaten, die bei der Schlacht um die Seelower Höhen im Oderbruch gefallen sind.

Kriegsgräberstätte mit den Namen der deutschen Soldaten, die bei der Schlacht um die Seelower Höhen im Oderbruch gefallen sind.

© Jürgen Ritter/Imago

Kriegsberichterstattung ist zum Alltag geworden

Mein Vater konnte nie über diese Erlebnisse sprechen, er schrieb sie auf. Drei davon erklärten uns seine äußere emotionale Härte, die erst kurz vor seinem Tod aufbrach: Als die Sirenen zum ersten Bombenangriff heulten, war meine Großmutter beim Kochen. Als die Familie aus dem Keller kroch, stand inmitten der Trümmer des großen Mietshauses nur noch der Herd meiner Großeltern – der Topf mit dem Gulasch dampfte noch. Wenig später wurde mein Vater zum Schuppen seines Großvaters gerufen – sein Vater hatte den Opa mit einer Schlinge um den Hals gefunden. Der alte Mann hatte sich aus Angst vor den nächsten Bombardements das Leben genommen. „Ich musste mit meinem Vater den Opa abnehmen, mein Vater zimmerte einen Sarg aus Trümmerholz und wir zogen ihn mit einem Handwagen zum Friedhof, wo er in ein Massengrab gekippt wurde“, schrieb mein Vater.

Wenige Wochen später musste er als Ältester erneut mit dem Handwagen zum Friedhof, diesmal war der Sarg kleiner. „Meine kleine Schwester Heidi war verhungert, sie wurde nur drei Jahre alt“, berichtete mein Vater in seinen Erinnerungen. Zwei weitere Geschwister, Zwillinge, kamen kurz zuvor bei einem Bombenangriff auf das Säuglingsheim der Stadt ums Leben.

Derartige Erinnerungen gibt es in fast allen deutschen Familien, sie wurden weitergegeben. Als Journalist, obgleich meist im Entertainment-Bereich „unterwegs“, hörte ich zahlreiche ähnliche Geschichten. Oft auch von Prominenten. Fast jeder „schleppt“ solch ein „Familien-Paket“ mit sich herum. Geschichten, die Bücher füllen könnten und immer in einen Wunsch münden: Nie wieder!

Mein geschätzter ehemaliger Gong-Chefredakteur Bob Borrink schrieb kurz nach Ausbruch des Ukraine-Krieges im Spiegel (4/2022): „Der Gezeitenwechsel hat stattgefunden. Wir, die Nachkriegsjournalisten, müde, ausgepowert und größtenteils verstorben, haben Platz gemacht für eine neue Generation von Vorkriegsjournalisten, denen 70 Jahre Frieden offensichtlich schon zu lange dauern … Mit Entsetzen lese ich Sätze, wo sie nach dem großen Knüppel rufen. Und traurig erkenne ich, dass es uns offensichtlich nicht gelungen ist, … zu vermitteln, was Krieg bedeutet. Ich habe immer noch die Trümmerstraßen in den deutschen Städten vor Augen, wo Überlebende sich in Kellerbehausungen einrichteten, ich habe noch den Geruch von Leichen in der Nase und den von Schutt und Brandbomben, ich habe noch das Leid in den Ohren von Vertriebenen und Ausgebombten. Und Sie rufen nun wieder nach dem großen Ratzfatz …“

Das war 2022, kurz nach Putins Angriff auf die Ukraine. Seitdem gehört die „Kriegsberichtserstattung“ zum Alltag. Ich kenne keinen aus meinem Umfeld, den die Bilder von zerstörten Häusern, abgedeckten Leichen, trauernden Angehörigen und von Soldatenfriedhöfen kaltlassen.

Auch Kriegsgerätschaften sind in Seelow aufgestellt.

Auch Kriegsgerätschaften sind in Seelow aufgestellt.

© Jürgen Ritter/Imago

Dreharbeiten wegen Corona unterbrochen

Sicher haben Sie sich als Leser inzwischen gefragt, was ein 98-jähriger Schweriner, wie in der Zeile angedeutet, mit diesem Text zu tun hat:

Am 18. Juni kommt der beeindruckende Antikriegsfilm „Warum ich – Wolf D. Kroll“ ins Kino, in dem er als einer der wenigen Überlebenden der Kämpfe um die Seelower Höhen im April 1945 seine Mahnung an die kommenden Generationen eindrucksvoll weitergibt. Vielleicht eine der letzten Mahnungen einer verlorenen Generation, eine der letzten Stimmen … Denn es gibt nur noch wenige, die vom Krieg erzählen können, die erlebt haben, wie es ist, wenn neben einem ein Kamerad, mit dem man eben noch eine Zigarette teilte, von einer Sekunde zur nächsten mit zerfetztem Körper liegt; wie es ist, wenn einem vom Wahrnehmen einer nahenden Granate fünf Sekunden bleiben, um auszuweichen.

Wolf D. Kroll ist einer der letzten Zeitzeugen, die noch wissen, wo gefallene Kameraden im Oderbruch begraben liegen. Nach dem Krieg kehrte er in seine Heimat zurück, lernte Melker, arbeitete später als Polizist in Berlin. Jahrelang erzählte er ehrenamtlich an Schulen seine Erinnerungen, wollte mahnen.

Das ist ihm mittlerweile aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich. Doch unverändert unterstützt er mit seinem Wissen die Kriegsgräberfürsorge bei der Suche nach Vermissten. Dank seiner Hilfe konnten bereits zahlreiche Soldaten geborgen und auf dem Friedhof in Lietzen (Märkisch-Oderland) würdevoll beigesetzt werden. Zu den anschließenden Gedenkveranstaltungen wird er regelmäßig eingeladen.

Der Regisseur Mario Nieswandt lernte ihn 2019 während eines gemeinsam mit dem Verein Seelower Höhen initiierten Interviews kennen, in dem Wolf D. Kroll seine Kriegserlebnisse vor der Kamera schilderte. Diese Aufnahmen bilden den Rahmen des Films, in dem seine Erinnerungen durch Spielfilmsequenzen visualisiert werden. Das Ergebnis: ein beeindruckender Antikriegsfilm, der den Zuschauern mit seinen Stilmitteln einen intensiven Einblick in diese apokalyptische Endkriegszeit bietet.

„Die Dreharbeiten begannen schon 2020, mussten jedoch aufgrund Corona unterbrochen werden“, erzählt Mario Nieswandt, „auf ausdrücklichen Wunsch von Herrn Kroll und weiterer Unterstützer nahmen wir die Arbeiten letztes Jahr wieder auf.“

Weltpremiere im Kino Babylon

Angesichts gegenwärtiger Ereignisse, so der Regisseur, wurde ein neues Drehbuch entwickelt, das Krolls Geschichte mit brennenden gesellschaftlichen Fragen verbindet: Kann sich Geschichte wiederholen, was haben wir aus ihr gelernt?

Wie groß das Interesse an diesen Fragen ist, zeigte sich bei der Premiere am 8. Mai in Golzow, dem zentralen Handlungsort des Films. Dort wurde der Film von mehr als 380 Besuchern mit großer Begeisterung aufgenommen. Eine Woche später fand die Weltpremiere im Kino Babylon statt – dort mussten aufgrund des außergewöhnlich großen Interesses zwei Kinosäle gleichzeitig bespielt werden.

Eine Förderung hat das engagierte Team übrigens bewusst nicht beantragt. „Der Film ist zu hundert Prozent eigenfinanziert“, erklärt der Regisseur, „nach dem bürokratischen Gang durch die verschiedenen Filmförderungsinstitutionen wäre das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr mein Film gewesen. Da wird mir zu viel reingeredet.“

Mich bewegte der Film nicht weniger als Konrad Wolfs „Ich war 19“ oder Sergej Bondartschuks „Ein Menschenschicksal“: eindrucksvoll erzählte Einzelschicksale, die für eine geopferte Generation und den Wahnsinn des Krieges stehen. Wolf D. Kroll, das engagierte Filmteam – wir alle hätten gern eine Antwort: Weshalb nimmt die Führung unseres Landes nicht ihre besondere historische Verantwortung wahr und sucht nach diplomatischen Lösungen? Die verbrecherische Aggression Putins zu ächten, ist die eine Seite, die andere ist, die Geschichte hinter diesem Wahnsinn zu analysieren und zu akzeptieren, dass auch der Westen massive Fehler gemacht hat.

Welcher Politiker hat die menschliche Größe und das Verantwortungsgefühl, endlich den diplomatischen Weg zu beschreiten und diesem selbstmörderischen Wahnsinn auf beiden Seiten ein Ende zu bereiten, bevor es ein Ende mit Schrecken nimmt? Vorbilder verantwortungsvoller, Brücken bauender Politiker gibt es in der deutschen Politik nun wahrlich: Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl …

Der tschechische Journalist Julius Fučik schrieb im Gestapo-Gefängnis Prag seine weltberühmte „Reportage unter dem Strang geschrieben“. 1943 wurde er in Berlin ermordet. Die Schlussworte seines Buches mahnen: „Menschen, ich hatte euch lieb. Seid wachsam!“ Sie stehen über dem Grab meiner Großmutter.

Wolfgang Schumann lebt als Journalist und Buchautor in Berlin und Brandenburg, er ist Mitinhaber der Berliner Fotoagentur Schumann+Stingl.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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