Wohl noch nie gab es in der Arbeitswelt so viele Gegensätze wie momentan, Homeoffice versus Anwesenheitspflicht, Massenmarkt versus Nischenprodukt, echte Handarbeit versus Künstliche Intelligenz, Boomer versus Generation Y und Z.
Der Job ist für viele – vor allem junge Menschen – heutzutage nicht nur zum Geldverdienen, sondern er soll mit Sinn erfüllt sein, richtig Spaß machen und vor allem ausreichend Zeit für Freizeitaktivitäten lassen. Die viel zitierte Work-Life-Balance ist ein großes Thema. Fachkräftemangel ist in aller Munde, zugleich gibt es immer mehr Influencerinnen und YouTuber.
„Wenn ein Unternehmen seine Mitarbeitenden halten möchte, muss es eine positive Atmosphäre schaffen, in der die Leute gerne arbeiten“, weiß der New-Work-Experte Volkan Öztürk. „Andernfalls werden die Menschen das Unternehmen verlassen. Ein toxisches Arbeitsumfeld ist demotivierend.“
Der Hildesheimer hat nach seinem dualen Studium bei Bosch dort den Podcast zum Thema New Work aufgebaut, von dem es alle 14 Tage eine neue Folge gibt. Lange Zeit war Öztürk auch die rechte Hand eines Bosch-Topmanagers, wo er merkte, „dass es unterschiedliche Erwartungshaltungen in jener Generation gibt, die weitgehend analog erwachsen geworden ist, und bei den Jüngeren, also den Digital Natives. Es ist wichtig, Brücken zwischen ihnen zu bauen.“
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Seine Erfahrung: Feedback ist ein effizientes Instrument, das zu einem besseren Arbeitsklima beitragen kann. Bei Bosch ist er Feedback-Projektleiter in Teilzeit; die restliche Zeit arbeitet Öztürk als selbstständiger Speaker und Feedbackexperte, hält unter anderem Vorträge rund ums Thema New Work und gilt als Sprachrohr für die digitale Generation und deren Ansprüche an den Job.
Er sagt: „Gutes Feedback kann dazu führen, dass sich Menschen am Arbeitsplatz wohler fühlen, dass sie leistungsfähiger sind. Und das bedeutet nicht, dass man nur Nettes sagen darf, nein, Feedback kann auch negative Aspekte adressieren. Es muss nur konstruktiv formuliert sein, damit das Gegenüber nicht in Abwehr geht. Konkrete Beispiele helfen, um ein besseres Verständnis zu erlangen.“
Warum stresst der Job so sehr?
Und damit wären wir auch schon beim Kernproblem des menschlichen Miteinanders: die Befindlichkeiten. Manch einer fühlt sich schnell angegriffen, der anderen ist alles vollkommen egal. Beide Haltungen sind einem guten Arbeitsklima abträglich, weil sie in der Konsequenz bedeuten, dass Energie verpufft. Beim ersten Menschen wird sich viel aufgeregt, geschimpft, man ärgert sich – anstatt produktiv zu sein und sich an seiner Arbeit zu erfreuen.
Und beim zweiten Fall bleibt im Zweifel auch Arbeit liegen, weil die Person es nicht juckt, ob etwas jetzt, nachher oder erst nächste Woche erledigt wird. Dann bleibt das Ganze vielleicht sogar an Ihnen hängen. Ganz klar: Im Job gibt es viele Menschen und Situationen, die uns die Freude am Job vermiesen.
„Ein Viertel unserer Lebenszeit im arbeitsfähigen Alter verbringen wir mit unseren Kolleginnen und Kollegen“, sagt Öztürk. „Ergänzend dazu gibt es eine Harvard-Studie, wonach die Qualität unserer Beziehungen maßgeblichen Einfluss darauf hat, ob wir ein langes und gesundes Leben haben. Deshalb sollten wir Arbeits- und Lebenszeit nicht getrennt betrachten, sondern zusammendenken. Wie wir unseren Arbeitsalltag verbringen, auf welche Art wir die Beziehungen dort gestalten, hat Einfluss auf unsere Zufriedenheit und Gesundheit.“
Und das kennen wir alle: Meistens sind wir weniger von den Aufgaben, die vor uns liegen, gestresst, sondern von Menschen, die uns umgeben. Weil sie schlechte Laune verbreiten, weil sie nicht richtig mithelfen, weil sie anstrengend sind. „Und gerade weil wir so viel Zeit mit den Arbeitskolleginnen und -kollegen verbringen, sollte es ein Anliegen von uns allen, vor allem vom Arbeitgeber, sein, dass eine gute Arbeitsatmosphäre herrscht.“
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Wo das nicht so ist, das Klima also eher toxisch ist, tendieren Menschen dazu, ihre Arbeit ohne Interesse, Kreativität und Motivation zu erledigen. Sie sind gestresst und genervt. „In der Gallup-Studie wird jedes Jahr abgefragt, wie sehr sich deutsche Arbeitnehmende mit ihrem Unternehmen und ihrem Job verbunden fühlen“, berichtet der Experte Öztürk. „Zuletzt gaben 83 Prozent der Befragten an, dass sie geistig schon gekündigt haben oder nur noch Dienst nach Vorschrift machen würden. Diese Diskrepanz wirkt sich nicht nur negativ auf die Mitarbeiterzufriedenheit, sondern auch auf den Unternehmenserfolg aus.“
Natürlich könne man im Sinne der Work-Life-Balance in seiner Freizeit viel tun, um den Jobstress wieder abzuschütteln. Aber: „Das bringt alles nichts, wenn das Umfeld, in dem Sie arbeiten, toxisch ist. Sie können joggen gehen, meditieren, im Homeoffice arbeiten – all das ist sinnlos, wenn Sie nichts an der Ursache ändern, beispielsweise der Teamatmosphäre“, fasst Öztürk zusammen.
Vielmehr müsse es so sein, dass Menschen Lust auf Verantwortung haben, dass sie mitgestalten wollen, dass sie mutig sind und auch Vorgesetzte kritisieren dürfen, wie der Experte sagt: „Anders werden wir unseren Wohlstand in Zukunft nicht halten können. Wir brauchen Menschen, die Lust auf ihren Job haben, und nicht welche, die Angst haben, sich zu äußern, und demotiviert sind.“
Und auch wenn es sich manchmal anders anfühlt: Wir sind unserem Job und unseren Mitmenschen nicht ohnmächtig ausgeliefert. Wir können aktiv etwas dafür tun, dass es uns am Arbeitsplatz besser geht. Der Experte Volkan Öztürk benennt drei Mechanismen, die zu weniger Stress und mehr Zufriedenheit im Job führen.
Investieren Sie Zeit ins Selbstmanagement
Unser Gehirn sei eigentlich nicht fürs Multitasking gemacht, sagt Öztürk: „Je komplexer eine Situation oder ein Sachverhalt, desto verunsichernder nimmt unser Hirn das wahr. Wir können so viel auf einmal schlicht nicht begreifen, und das führt zu Ängsten. Unser Gehirn bewertet Risiken höher, weshalb es wichtig ist, da gegenzusteuern. Sein Credo: Eine zunehmende Unsicherheit im Außen braucht eine stärkere Sicherheit im Innen.“
Der Schlüssel sei zunächst, positiv zu denken. Das klingt ein wenig abgedroschen. Jedoch: „Wenn wir uns nur auf das Schlechte fokussieren, birgt das die Gefahr, psychisch krank zu werden, weil wir zu wenig haben, das uns froh stimmt. Nicht umsonst sind die psychischen Erkrankungen der häufigste Grund, weshalb Arbeitnehmende berufsunfähig werden“, sagt der Experte.
Deshalb sollte man auf sich selbst schauen, auf sich aufpassen, die eigenen Bedürfnisse reflektieren. Konkret könnte das bedeuten, dass man sich morgens fragt: Wie soll mein Tag heute laufen? Welche Rollen nehme ich heute ein? Was wäre mir wichtig?
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„Die Kraft der Gedanken beeinflusst auch unsere Emotionen; sie können uns stärken, aber auch schwächen“, erklärt Öztürk. „Und das wiederum hat Einfluss auf unser Handeln. Die Gedankenarbeit ist also wichtig.“
Der Arbeitsexperte rät jedem, sich „eine Stärke-Liste anzulegen, um individuelle Fähigkeiten in den Vordergrund zu rücken. Fragen Sie sich: Was geht mir gut von der Hand? Wo werde ich um Hilfe gebeten? Notieren Sie die Antworten und versuchen Sie, sich so oft wie möglich daran zu erinnern. Das gibt Kraft.“
Diese Form des Selbstmanagements bewirkt nicht nur, dass Sie sich Ihre Stärken vergegenwärtigen, sondern sie tragen auch zum Selbstbewusstsein bei. Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie gut können, und lassen Sie sich dann nicht verunsichern durch giftige Kommentare.
Analysieren Sie die zwischenmenschliche Ebene
„Bildlich gesprochen entstehen – wo immer Menschen zusammenarbeiten – Müllsäcke, beispielsweise in Form von unterschiedlichen Interessen, Konflikten, Neid oder anderen Spannungen. Diese werden immer größer, wenn man die Probleme nicht anspricht“, erklärt Öztürk. „Die negativen Emotionen sammeln sich an, stauen sich auf – bis es zu einem Wutausbruch kommt, zum Beispiel.“
Das müsse nicht sein. Viel besser sei es, den „Müll“ zeitnah rauszubringen, indem man Dinge zügig und unter vier Augen anspricht, rät der Experte: „Es ist zunächst natürlich leichter, eine schnippische Bemerkung zu ignorieren. Man will ja keinen Streit vom Zaun brechen. Aber auf lange Sicht und im Hinblick auf ein nicht-toxisches Arbeitsklima ist es sinnvoller, das Thema aus der Welt zu schaffen, und zwar indem man das Problem konkret mit Beispielen, aber ohne Vorwürfe benennt.“
Es ist ratsam, bei delikaten Themen mit Ich-Botschaften zu kommunizieren und zu benennen, was das Gegenüber mit seinem Verhalten bei einem selbst ausgelöst hat. „Vermeiden Sie Beschuldigen, sondern bleiben Sie bei sich: Für mich hat sich das angefühlt, als wenn … Ich habe gedacht, dass … In meinem Empfinden war …“, zählt Öztürk auf. Im besten Fall kann man schließlich ganz sachlich auf die Auswirkungen aufs Geschäft verweisen, also vom Kleinen aufs Große abstrahieren.
Hintergrund sei, so der Experte, dass jeder Mensch mit jedem Arbeitskollegen sozusagen ein Beziehungskonto hat, auf das er einzahlt, durch positives Verhalten ebenso wie durch negatives. „Solch ein Konto haben wir in jeder Beziehung zu einem anderen Menschen. Je mehr wir durch positives Verhalten einzahlen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir selbst konstruktive, wohlmeinende, zielorientierte Kritik bekommen oder selbst geben können, also abheben.“
Tipp: „Bilden Sie Feedback-Tandems im Team, wo Sie alle vier Wochen besprechen, was gut lief und was nicht, was optimiert werden könnte“, empfiehlt Volkan Öztürk. Natürlich muss der Arbeitgeber hierfür die entsprechenden Freiräume schaffen. Wo Tandems nicht umsetzbar sind, sollte jede und jeder versuchen, Kritik zeitnah anzubringen, diese aber vorsichtig zu formulieren. Fragen Sie sich vorher kurz: Wie würde es bei mir ankommen, wenn mir jemand das sagen würde?
Im Zuge dessen – und das gilt nicht nur für die Arbeitswelt – könnten Sie auch versuchen, Ihr Gegenüber generell ein bisschen besser zu verstehen: Hat er oder sie vielleicht pflegebedürftige Eltern und ist deshalb so dünnhäutig? Oder kleine Kinder, die nachts nur schlecht schlafen? Plagen ihn oder sie andere Sorgen, finanziell oder gesundheitlich? Die Lebenskonzepte und -realitäten der Menschen waren noch nie so unterschiedlich wie jetzt. Meistens weiß man es gar nicht, aber in der Regel gibt es einen Grund, weshalb jemand rumnörgelt oder seine Arbeit nicht gut erledigt.
Hinzu kommt: Jeder Mensch hat andere Toleranzen, was Stress und Belastungen angeht. Schließen Sie nicht von sich auf andere. Denn das, was für Sie vom Pensum her völlig in Ordnung ist, geht jemand anderem nicht so gut von der Hand (siehe Stärke-Liste weiter oben).
Falls Sie feststellen, dass Sie mit der Idee des Austauschs nicht vorankommen, können Sie das ruhig ansprechen, findet Öztürk: „Fragen Sie ruhig, ob es Vorbehalte gibt und wenn ja, wie diese aussehen. Das kann man ja besprechen. Gehen Sie auch hier mit gutem Beispiel voran, hören Sie zu und formulieren Verständnis. Danach könnten Sie versuchen, die Bedenken auszuräumen.“
Sollten Sie das Gefühl haben, dass es „kein Interesse gibt, das Jobumfeld positiver zu gestalten, sollten Sie sich die Frage stellen, ob Sie längerfristig im Unternehmen bleiben wollen“, so Öztürk.
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„Wenn ich Chef wäre, würde ich radikal alle Besprechungen um fünf Minuten kürzen“, sagt Öztürk. „Das hat zur Folge, dass die Besprechung selbst konzentrierter abgehalten werden kann, weil ja weniger Zeit ist. Und zugleich verschafft man allen Teammitgliedern fünf Minuten Verschnaufpause. Zeit zum Reflektieren, einmal in Ruhe durchatmen. Das gibt Kraft für alles Weitere.“
Als Nächstes rät der Fachmann, dass man mit seiner Stärke-Liste zu der oder dem Vorgesetzten gehen und über die Aufgabenverteilung sprechen sollte. Wünschenswert wäre das natürlich für alle im Team, „denn wenn jede und jeder das tut, was er oder sie gut kann und was Spaß macht, ist man insgesamt viel produktiver“, sagt der Experte.
Last, not least: Investieren Sie in Ihre Bildung! „Ich empfehle jedem Menschen, wöchentlich eine Stunde Lernzeit in den Alltag zu integrieren, am besten an einem bestimmten festen Tag, immer morgens vor der Arbeit“, sagt Öztürk. „Überlegen Sie, was es braucht, damit Sie weiterhin als Team wettbewerbsfähig bleiben, was Sie zukunftsfähiger macht, was Ihr Talent ist, das sie ausbauen können und das Sie auf dem Arbeitsmarkt wertvoll macht.“
Hinsichtlich der zunehmenden Automatisierung und Fortschritte in diversen Technologien gewinnen individuelle Stärken an Bedeutung. Alles, was uns von Maschinen abhebt, wird wichtiger. Die persönliche Weiterentwicklung würden dabei zu viele Menschen vernachlässigen, findet der Experte. Dabei sei genau das der Schlüssel zu mehr Zufriedenheit. Wer immer nur das Gleiche macht, langweilt sich irgendwann zwangsläufig. Und das kann zu schlechter Laune führen.
Am Ende gilt immer die psychotherapeutische Wahrheit: Sie können andere Menschen nicht ändern, nur sich selbst und Ihren Umgang damit.
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