Wer im Arendsee badet, sieht vor allem eins: die Wasseroberfläche. Rund 20 Meter darunter verbirgt sich jedoch eine Landschaft, die vor mehr als 10.000 Jahren von Menschen genutzt wurde. Im Sommer haben Unterwasserarchäologen dort bearbeitete Hölzer entdeckt, die aus der Mittelsteinzeit stammen. Sie könnten zu Konstruktionen gehört haben, die bislang aus dieser Zeit in Mitteldeutschland kaum bekannt sind.
Zu den spektakulärsten Funden gehört ein etwa 1,60 Meter hoher Pfahl mit deutlichen Spuren dafür, dass er einst gefällt wurde – durch Menschenhand. Dazu kommen bis zu 1,40 Meter lange Spaltbretter. Noch unklar ist, ob daraus einst Hütten, Plattformen oder andere Konstruktionen bestanden. Forschungen dazu laufen.
Feststeht, dass die Hölzer etwa 10.500 Jahre alt sein müssen. Damit führen sie in eine Zeit zurück, in der die Menschen noch nicht dauerhaft sesshaft waren – in die Mittelsteinzeit. Die Zeit der Jäger und Sammler, in der Menschen je nach Jahreszeit und Nahrungsangebot durch die Landschaft zogen und eben auch die Gewässer nutzten: Der Fischfang, die Jagd sowie das Sammeln von Pflanzen und Früchten gehörten zum Alltag.
Auf den Spuren der Schamanin
In Sachsen-Anhalt gibt es für diese Zeit einen weiteren und besonders berühmten Vergleich: die Schamanin von Bad Dürrenberg. Sie lebte vor etwa 9000 Jahren und wurde mit zahlreichen Beigaben bestattet. In ihrem Grab wurden die sterblichen Überreste der etwa 30- bis 40-jährigen Frau und eines Säuglings entdeckt. Der Fund zählt zu den bedeutendsten mittelsteinzeitlichen Entdeckungen Mitteleuropas.
Die neuen Funde aus dem Arendsee (Altmarkkreis Salzwedel) könnten nun einen ganz anderen Blick auf das Leben dieser Menschen ermöglichen. Denn Knochen, Steine und Keramik – sofern es sie gibt – erzählen nur einen Teil der Geschichte. Holz ist wesentlich empfindlicher und verschwindet unter normalen Bedingungen innerhalb von Jahrtausenden fast vollständig. Im Arendsee herrschten jedoch besondere Bedingungen.
Ein See als Zeitkapsel
Beim Arendsee handelt es sich nicht um einen gewöhnlichen Binnensee. Unter ihm liegt ein Salzstock, eine unterirdische, säulen- oder kuppelförmige Ansammlung von Salz, die vor Millionen Jahren entstanden ist. Durch geologische Prozesse senkt sich der Seeboden über ihm langsam ab. Dadurch werden frühere Uferbereiche im Laufe der Jahrtausende immer weiter nach unten verlagert und schließlich von Sedimenten, also Lockergesteinen wie Sand, Kies, Ton oder Schlamm, bedeckt.
Was einst am Ufer lag, liegt heute also unter dem Wasser verborgen – teilweise in rund 20 Metern Tiefe. Die Sedimentschichten haben die organischen Materialien dabei weitgehend vor Zersetzung geschützt. Genau das macht den Arendsee für Archäologen so wertvoll.
Schon früher hat der See deshalb spektakuläre Funde zutage gebracht. Dazu gehören ein jungsteinzeitlicher Fischzaun, ein mittelalterlicher Prahm, also ein Lastkahn, und ein spätmittelalterlicher Einbaum – ein verbreiteter Bootstyp bei indigenen Völkern. Der Fischzaun konnte auf einer Länge von etwa 150 Metern verfolgt werden und gilt als älteste und längste nachgewiesene passive Fischfangeinrichtung des deutschen Binnenlandes.
Dass nun noch ältere Holzkonstruktionen gefunden wurden, erweitert das Zeitfenster, in dem sich menschliche Spuren unter dem Arendsee untersuchen lassen, erheblich.
Bei einem etwa 1,6 Meter hohen Pfahl aus dem Arendsee mit Fäll- und Bearbeitungsspuren könnte es sich um das tragende Element eines mittelsteinzeitlichen Bauwerks gehandelt haben.
© LDA Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták
Archäologie mit Pressluftflasche und Taucherbrille
Für Archäologen ist der Arendsee ein ungewöhnliches Forschungsgebiet, denn unter Wasser funktionieren Ausgrabungen nicht so einfach wie an Land. Sicht, Orientierung und Bewegungsfreiheit sind unter Wasser stark eingeschränkt. Gleichzeitig besteht das Risiko, eine Fundstelle durch die Untersuchung selbst zu zerstören.
Neben den Forschungstauchern kommen daher technische Hilfsmittel zum Einsatz. Der Arendsee wird unter anderem mit Sonartechnik untersucht. Auch ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge, sogenannte ROVs, können eingesetzt werden. Sie liefern Bilder und Vermessungsdaten aus Bereichen, in denen Menschen nur schwer oder gar nicht arbeiten können. Das Fraunhofer-Institut arbeitet bereits seit mehreren Jahren gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Sachsen-Anhalt an solchen unterwasserarchäologischen Untersuchungen.
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Dabei geht es nicht allein darum, was im See zu finden ist. Vielmehr wollen die Forscher rekonstruieren, wie die Landschaft damals aussah: Wo befand sich das Ufer? Welche Pflanzen wuchsen dort? Wie wurde der See genutzt? Und wofür brauchten Menschen vor 10.500 Jahren bearbeitete Pfähle und Bretter?
Besonders die letzte Frage bleibt bisher unbeantwortet und wird sich erst durch weitere Untersuchungen womöglich beantworten lassen. Feststeht allerdings, wie stark sich die Landschaft um den Arendsee verändert hat. Unter der Wasseroberfläche liegt nicht nur ein gewöhnlicher Seegrund, sondern ein Archiv menschlicher Geschichte.
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