Jared steht hinter der Ziellinie, oben ohne, die Waden zucken noch. Auf den letzten Kilometern haben ihn Krämpfe geschüttelt, ins Ziel gekommen ist er trotzdem: nach 2:58 Stunden, rund eine halbe Stunde über seiner Bestzeit.
Der Kanadier ist fertig. Und er strahlt. Es ist sein erster Berlin-Marathon, die Sonne scheint, das Thermometer zeigt um die 23 Grad. Er hat es geschafft, mehr zählt an diesem Sonntag nicht.
Rund 56.000 Läuferinnen und Läufer sind beim 52. Berlin-Marathon gestartet. Die meisten von ihnen wird niemand im Fernsehen sehen. Sie sind die eigentliche Geschichte dieses Tages.
Vorbei an Schaufenstern und Schaulustigen: Ein Läufer beim 52. Berlin-Marathon am Sonntag. Rund 56.000 Menschen waren am Start.
© Gaby Schütze für Berliner Zeitung
Berlin-Marathon 2026: Adola und Assefa gewinnen
Vorne ging es schnell. Guye Adola aus Äthiopien gewann bei den Männern in 2:02:49 Stunden, es ist nach 2021 sein zweiter Sieg in Berlin.
Bei den Frauen lag seine Landsfrau Tigst Assefa bis Kilometer 40 auf Weltrekordkurs. Dann kamen die Krämpfe. Assefa humpelte ins Ziel und siegte in 2:11:04 Stunden, Streckenrekord, den Weltrekord verpasste sie um 68 Sekunden. Im Ziel sank sie auf die Knie, getröstet von ihrem Trainer, der Lauflegende Haile Gebrselassie.
Bester Deutscher wurde Haftom Welday in 2:08:25 Stunden.
Die Weltklasseläuferin und Jared, der Hobbyläufer aus Kanada, teilen an diesem Tag dasselbe Schicksal. Der Körper sagt irgendwann Nein, egal wie viele Sponsoren auf dem Trikot stehen.
Marathon: Das Ursprünglichste, was ein Mensch tun kann
Man kann den Marathon als Hightech-Spektakel erzählen, mit Carbonsohlen und Pulsuhren. Im Kern ist er das Gegenteil davon. Die Beine in die Hand nehmen und los, so schnell und so lange es eben geht.
Womöglich verdankt der Mensch genau dieser Fähigkeit sein Überleben. Die Evolutionsbiologen Dennis Bramble und Daniel Lieberman vertraten 2004 im Fachblatt Nature die These, dass der menschliche Körper für das Laufen über lange Strecken gebaut ist. Dafür sprechen etwa federnde Sehnen und die Fähigkeit, Hitze über Schweiß loszuwerden.
Unsere Vorfahren, so die Idee, hetzten Beutetiere so lange, bis diese erschöpft zusammenbrachen. Ausdauer war einmal Überleben.
Heute bewegt sich bei vielen Menschen am Tag vor allem der Daumen über den Bildschirm. Der Körper meldet sich meist erst, wenn der Rücken schmerzt. Beim Marathon rückt er wieder ganz nach vorn: Mehr als 42 Kilometer lang zählt nur, was Beine und Lunge hergeben.
Laufen mit Ziel: Die Legende vom ersten Marathon
Doch wer nur rennt, um zu entkommen, läuft ins Ungewisse. Der Marathon erzählt von Anfang an eine andere Geschichte.
Der Legende nach lief ein Bote 490 vor Christus von Marathon nach Athen, um den Sieg über die Perser zu verkünden. Er hatte eine Botschaft und ein Ziel, und er gab alles, um es zu erreichen. Historisch belegt ist das nicht, erzählt wird es bis heute.
Genau dieser Unterschied trägt jeden Läufer über die letzten Kilometer. Er flieht vor nichts, er läuft auf etwas zu. Irgendwo hinter dem Brandenburger Tor wartet die Ziellinie, und für sie nehmen Zehntausende Schmerzen in Kauf, die sie sich im Alltag nie zumuten würden.
Matthias aus Wien läuft in Berlin persönliche Bestzeit
Matthias aus Wien kennt das Gefühl. Berlin ist sein siebter Marathon, aber sein erster in der deutschen Hauptstadt. Er ist begeistert, die Stimmung an der Strecke nennt er bombastisch.
Und er hat allen Grund dazu: 2:38 Stunden, neue persönliche Bestzeit. Dabei ist der Österreicher in diesem Jahr schon einmal die 42,195 Kilometer gelaufen, in seiner Heimatstadt Wien.
Geschafft und mit neuer Bestzeit: Matthias aus Österreich lief beim Berlin-Marathon 2:38 Stunden. Es war sein siebter Marathon und sein erster in Berlin.
© Gaby Schütze für Berliner Zeitung
Emily aus Michigan: Mit 22 unter drei Stunden
Auch Emily läuft zum ersten Mal in Berlin. Die 22-Jährige stammt aus Michigan und studiert für ihren Master in den Niederlanden.
Damit gehört sie zu einer wachsenden Gruppe: Laut Veranstalter sind 36,2 Prozent der Startenden Frauen, bei den 26- bis 30-Jährigen schon 40,2 Prozent.
Es ist Emilys vierter Marathon. Am Ende plagten auch sie Krämpfe, trotzdem blieb sie mit 2:58 Stunden unter der Drei-Stunden-Marke. Für eine 22-Jährige ist das eine starke Zeit, genauso schnell war an diesem Tag Jared, der eine halbe Stunde über seinem Bestwert lag.
Eingehüllt in die Finisher-Folie, die Medaille in der Hand: Emily aus Michigan nach ihrem ersten Berlin-Marathon vor dem Brandenburger Tor.
© Gaby Schütze für Berliner Zeitung
Fans am Streckenrand: Mit der Flagge von Bermuda in Berlin
Wer verstehen will, was der Marathon mit Menschen macht, muss auch auf die andere Seite der Absperrung schauen. Dort stehen Maxine und Matthew aus Bermuda, Maxine schwenkt die Flagge ihrer Heimat.
Die beiden sind zum ersten Mal in Berlin. Sie feuern ihren Neffen Michael an. Das Wetter finden sie super, die Stimmung ebenso.
Hunderttausende stehen an diesem Sonntag stundenlang an der Strecke, um Fremden beim Laufen zuzusehen. Aber vielleicht sehen sie dort etwas, das sie selbst verloren haben.
Manche schauen mit dem Gedanken zu, es irgendwann selbst zu probieren. Andere wissen, dass ihr Körper das nie mitmachen wird. Anfeuern können sie trotzdem, und für ein paar Sekunden laufen sie in Gedanken mit.
Mit der Flagge von Bermuda vor dem Brandenburger Tor: Maxine und Matthew feuerten beim Berlin-Marathon ihren Neffen Michael Watson an. Für beide war es der erste Besuch in Berlin.
© Gaby Schütze für Berliner Zeitung
Warum der Berlin-Marathon so viele Menschen fasziniert
Am Ende braucht dieser Sport erstaunlich wenig: zwei Beine und den Willen, nicht stehen zu bleiben.
Jared hat seine Bestzeit an diesem Tag deutlich verfehlt. Aufgegeben hat er nicht, er hatte die Ziellinie vor Augen. Genau das feiern die Menschen am Straßenrand.
Schweiz lehnt strengere Neutralität ab – 71 Prozent dagegen
Sonntagstrend: Union stürzt auf historischen Tiefstwert von 19 Prozent
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]