In der Lausitz, dem Landstrich im Süden Brandenburgs und im Osten Sachsens, ist man seit Jahrzehnten an Strukturwandel gewöhnt. War es zunächst die Umgestaltung der Landschaft durch die Braunkohleförderung, so ist es seit den Neunzigerahren die Abwanderung gen Westen, die Umgestaltung ganzer Industriezweige und der Ausbau touristischer Angebote als Nachfolge des Bergbaus. Heute besteht die Herausforderung im geplanten Kohleausstieg bis 2038.
Finanzhilfen für kommunale und Landesprojekte
Das Sächsische Staatsministerium für Infrastruktur und Landesentwicklung (SMIL) stellt fest, dass der Strukturwandel eine Generationenaufgabe sei. Im Lausitzer Revier wurden bisher 133 Projekte mit einem Fördervolumen von circa 1,6 Milliarden Euro an Bundesmitteln ausgewählt.
Für den sächsischen Teil stehen in der ersten Förderperiode (2020–2026) 946 Millionen Euro zur Verfügung, die bereits vollständig gebunden sind. Für die zweite Periode (2027–2032) sind 774 Millionen Euro vorgesehn, für die dritte (2033–2038) weitere 688 Millionen Euro – insgesamt also 2,408 Milliarden Euro.
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass investive Projekte einen langen Vorlauf haben und die Personalausstattung gerade kleiner Gemeinden die Begleitung neuer Projekte erschwert. Auch Infrastrukturengpässe im überregionalen Verkehr und das Angebot von Fach- und Arbeitskräften erweisen sich als Nadelöhre. Die Strukturentwicklung setzt auf Einbindung der Region, sichtbare Perspektiven für gute Arbeit und eine ehrliche Kommunikation.
Strukturwandel mit Astrophysik
Ein großes Puzzleteil ist die Ansiedlung des Deutschen Zentrums für Astrophysik (DZA) in Görlitz. Die Entscheidung fiel 2022 im Rahmen der Gründung von Großforschungszentren durch das BMBF in Sachsen und Sachsen-Anhalt – eine folgerichtige Wahl für eine Region, in der es bis 2007 obligatorischen Astronomie-Unterricht gab und zahlreiche Sternwarten existieren.
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Die Tätigkeit des DZA beruht auf drei Säulen. Zunächst die Astrophysik selbst. Der wissenschaftliche Geschäftsführer Prof. Dr. Günther Hasinger umschreibt es so: „Am Himmel ist die Hölle los. Da explodiert es, da vereinigen sich Schwarze Löcher, da wackelt das Raum-Zeit-Kontinuum.“ Fragen nach Dunkler Materie und Energie, Schwarzen Löchern und Gravitationswellen sollen beantwortet werden – immerhin mache „normale“ Materie nur rund fünf Prozent des Universums aus. Hasinger: „Astrophysiker entdecken Dinge, die vorher kein Mensch gesehen hat. Dazu benötigt man Messmethoden, die neu entwickelt werden, neue Technologien.“
Die zweite Säule ist Technologieentwicklung. In Smartphones stecken acht Technologien aus der Astrophysik; auch Ceran-Kochfelder, Gleitsichtbrillen und Chip-Fabriken nutzen solche Entwicklungen. „Das Wichtigste aber ist die Inspiration in den Köpfen unserer Kinder. Wir haben die Schätze in den Köpfen unserer Kinder, die müssen wir fördern. Dazu eignet sich die Astrophysik sehr gut, der Urknall als ‚Einstiegsdroge‘, um später technische Berufe zu ergreifen“, so Hasinger.
Die dritte Säule ist Datenwissenschaft. Die Astrophysik gehört zu den größten zivilen Datenquellen. „Wir ersticken in einem Wust an Daten. Wir müssen Algorithmen entwickeln, die uns mithilfe von KI helfen, die ‚guten‘ von den ‚schlechten‘ Daten zu trennen“, erklärt Hasinger.
Bis 2038 sollen am DZA etwa 1000 Arbeitsplätze entstehen. Aktuell arbeiten rund hundert Menschen am Standort; etwa 60 weitere pro Jahr sollen eingestellt werden. Ein Viertel der Mitarbeiter stammt aus Görlitz, je ein weiteres aus Sachsen, anderen Teilen Deutschlands und dem Ausland. Das Fördervolumen beträgt 1,25 Milliarden Euro bis 2038. Im vergangenen Jahr war Görlitz Gastgeber dreier hochrangiger wissenschaftlicher Konferenzen: der SKAO-Konferenz, der Jahrestagung der Astronomischen Gesellschaft und der ADASS-Konferenz.
Forschung tief unter der Erde
Ein wichtiges Projekt ist das Low Seismic Lab zwischen Kamenz, Bautzen und Hoyerswerda. Ein unterirdischer Granitstock mit zwanzig Kilometern Durchmesser und zehn Kilometern Höhe bietet beste Voraussetzungen für die Gravitationswellenforschung. Prof. Hasinger: „Um das ‚Wackeln des Weltalls‘ möglichst gut messen zu können, muss man alle anderen ‚Wackelquellen‘ ausschalten. Der erste Schritt ist, unter die Erde zu gehen.“ Und: „Erst jetzt, mit den Gravitationswellen, haben wir einen ‚Tonfilm‘ vom Universum.“ Es gibt bereits sieben Erkundungsbohrungen; mit einer Inbetriebnahme wird frühestens in den dreißiger Jahren gerechnet.
Eng damit verbunden ist die Standortfrage für das geplante Einstein-Teleskop. Europaweit sind drei Standorte im Gespräch: Sardinien, die Euregio Maas-Rhein und die Lausitz. Bei einer technologischen Aufteilung auf zwei Standorte hätte die Lausitz realistische Chancen. Die Entscheidung soll im Sommer 2027 fallen. Ein weiteres Vorhaben ist ein Test-Array mit acht Radioteleskopen im Großraum Görlitz als Teil des internationalen Projekts DSA-2000, bei dem in den USA über 1600 Antennen aufgebaut werden sollen.
Das DZA setzt auf Zusammenarbeit mit Vereinen, Bildungseinrichtungen, Gemeinden, Landkreisen und Sternwarten. Mit der „Station für Technik, Naturwissenschaften, Kunst – Weißwasser“ wurde ein Kooperationsabkommen geschlossen, im ehemaligen OSSI in Hoyerswerda entsteht eine neue Planetariumskuppel, und ein Teleskop der Görlitzer Sternwarte wurde an ein internationales Netzwerk angeschlossen, das im Rahmen der Multimessenger-Astronomy Beobachtungsdaten liefert.
Dem DZA ist es wichtig, die Menschen mitzunehmen – durch Informationsveranstaltungen, Vortragsabende und Tage der offenen Tür. Ein Industrienetzwerk mit fast 100 Unternehmen soll erweitert werden; die Firma OHB hat bereits eine Dependance eingerichtet.
Mitarbeiter einer Transportfirma positionieren einen schwingungsgedämpften Optiktisch in einem Laborgebäude des Deutschen Zentrums für Astrophysik (DZA).
© Sebastian Kahnert/dpa
„Das DZA hat herausragende Bedeutung für die Region. Als Großforschungszentrum wird es die nationale und internationale Sichtbarkeit der Lausitz deutlich erhöhen“, sagt Landrat Dr. Stephan Meyer. Und Oberbürgermeister Octavian Ursu ergänzt: „Mit den Forschungseinrichtungen kommen nicht nur gut bezahlte Arbeitsplätze, sondern auch junge Menschen, die Familien gründen und hier leben möchten. Wichtig ist, dass nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Handwerker, Techniker und Dienstleister aus der Region benötigt werden.“
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