Islamismus

Islam und Sicherheit: Griechenland und der ausbleibende Terror

Athen bekam erst 2020 eine offizielle Moschee und bleibt von dschihadistischem Terror weitgehend verschont. Die naheliegende Erklärung führt in die Irre.

6 Min
Die Tzistarakis-Moschee von 1759 am Monastiraki-Platz, dahinter die Akropolis. (Archivbild)

Die Tzistarakis-Moschee von 1759 am Monastiraki-Platz, dahinter die Akropolis. (Archivbild)

© imageBROKER/Karl F. Schöfmann/Imago

Auf dem Monastiraki-Platz mitten in Athen steht eine Moschee aus dem Jahr 1759. Touristen fotografieren ihre flache Kuppel vor der Akropolis. Drinnen wird Volkskunst ausgestellt, gebetet wird hier seit fast zwei Jahrhunderten nicht mehr. Ein paar Gassen weiter steht die Fethiye-Moschee, ebenfalls ein Museum. Osmanische Gebetshäuser gehören zum Bild des Landes, in Westthrakien sind sie in Betrieb. Und doch bekam Athen erst im November 2020 seine erste neu gebaute, funktionierende Moschee, als letzte Hauptstadt der EU.

Die muslimische Präsenz wächst unterdessen. Seit dem Arabischen Frühling und dem Krieg in Syrien sind viele Geflüchtete geblieben, in Vierteln wie Kypseli und am Victoria-Platz. „Offenkundig verfestigen sich die arabischen Gemeinden in Athen“, sagt Ronald Meinardus, Politikwissenschaftler am Athener Institut Eliamep, im Gespräch mit dieser Zeitung, „es gibt Geschäfte, Restaurants und Ansätze einer sozialen Infrastruktur.“ Zugewanderte arbeiten beispielsweise im Bauwesen rund um den boomenden Immobilienmarkt.

Trotz der hohen muslimischen Zuwanderung bleiben dschihadistische Anschläge fast völlig aus. Ist Griechenland sicherer, gerade weil es dem Islam so wenig offiziellen Raum ließ?

Die Beobachtung stimmt. Nach dem EU-Terrorismusbericht von Europol entfielen die vollendeten dschihadistischen Anschläge der vergangenen Jahre fast nur auf Frankreich und Deutschland: 2023 fünf in der gesamten EU, 2025 neun; Griechenland war nicht darunter. Was das Land an Terror kennt, ist links-anarchistisch, etwa die Bombe vor dem Athener Arbeitsministerium im Februar 2024.

Die verlockende These

Die Zahlen scheinen die intuitive Annahme zunächst zu stützen. Anerkannte islamische Dachverbände sind rar, bestimmte muslimische Vereine, vor allem die der türkischsprachigen Minderheit Westthrakiens, lassen sich kaum gründen, wofür Griechenland mehrfach vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt wurde. Wenig Struktur, wenige Anschläge, so die vermeintliche Rechnung.

Nur organisiert sich aus Griechenland heraus sehr wohl etwas. Der Geheimdienst EYP beschreibt das Land als verwundbar und zugleich als Durchgangsstation nach Europa. 2023 zerschlugen EYP und der israelische Mossad ein iran-gesteuertes Netzwerk, das ein jüdisches Ziel in Athen angreifen wollte. 2025 hob Griechenland eine Hamas-Zelle mit Bombenbau-Ausrüstung in einer Athener Wohnung aus.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Enge Sicherheitspartner: Kyriakos Mitsotakis und Benjamin Netanyahu. Athen und Israel kooperieren eng bei der Terrorabwehr. (Symbolbild)

Enge Sicherheitspartner: Kyriakos Mitsotakis und Benjamin Netanyahu. Athen und Israel kooperieren eng bei der Terrorabwehr. (Symbolbild)

© Maayan Toaf/Israel Gpo/Imago

Dass es kaum vollendete Anschläge gibt, bedeutet nämlich keineswegs, dass keine Gefahr existiert. Eine niedrige Statistik misst nur, was am Ende durchkam – nicht, was im Verborgenen vorbereitet oder rechtzeitig vereitelt wurde. „Die vereitelten Pläne zeigen uns, was Terroristen idealerweise tun würden, wenn sie die Kapazitäten dazu hätten. Die vollendeten Anschläge zeigen nur das, was sie unter den aktuellen Sicherheitsregimen überhaupt noch schaffen“, sagt Petter Nesser, Terrorexperte am Forschungsinstitut FFI, dieser Zeitung. Die Zahl der Anschläge zeigt lediglich die Spitze des Eisbergs, nicht das Fundament darunter.

Radikalisierung kennt keine Generation

Bleibt die Demografie. Die verbreitete Erwartung lautet, Radikalisierung reife über Generationen: Nicht die Eingewanderten selbst, sondern ihre Kinder und Enkel, zwischen den Kulturen aufgewachsen und oft abgehängt, kippten in den Extremismus, so das Muster in Frankreich und Belgien. Nach dieser Logik wäre ein Land mit junger, erst kürzlich zugewanderter muslimischer Bevölkerung wie Griechenland vorerst im Vorteil. Doch die Rechnung geht nicht auf. Deutschland zeigt, dass sich auch die erste Generation radikalisiert, wie die Fälle in Solingen oder Mannheim verdeutlichen.

Meinardus bietet einen historischen Grund an: Anders als Frankreich, Belgien oder Großbritannien habe Griechenland keine koloniale Vergangenheit, es fehlten „über Generationen gewachsene muslimische Gemeinschaften“, sagt er.

Doch die Erklärung hat Grenzen, denn entscheidend ist nicht das koloniale Erbe an sich, sondern die Herkunft der Zuwanderer. Deutschland etwa hatte zwar Kolonien, seine muslimische Gemeinschaft kam aber über Anwerbung und Asyl – verschont blieb das Land dennoch nicht. Österreich wiederum war nie eine überseeische Kolonialmacht, und doch vereitelten die Behörden 2024 einen dem IS zugerechneten Anschlag auf ein Taylor-Swift-Konzert in Wien, ehe es im Februar 2025 in Villach zu einem tödlichen Messerangriff kam. Das koloniale Erbe erklärt einen Teil Frankreichs oder Belgiens, ein allgemeines Gesetz ist es nicht.

Ein Erbe, kein Plan

Warum es so wenig offiziell anerkannten Islam gibt, erklärt die Geschichte, nicht die Sicherheitspolitik. Nach der Unabhängigkeit 1830 verschmolz die Orthodoxie mit der Nation, der Islam blieb die Religion der osmanischen Fremdherrschaft. Der Historiker Dimitris Antoniou führt die fast zweihundertjährige Verzögerung des Moscheebaus auf Kirche, nationales Selbstbild, politische Kosten und bürokratische Hürden zurück. Einwände, Klagen und Finanzierungsfragen blockierten ihn über Jahrzehnte. Ein Erbe, kein Masterplan. Ein Nachteil für Betroffene bleibt es dennoch, wie etwa die verweigerte Vereinseintragung in Thrakien zeigt.

Nicht die Moschee, sondern die Netzwerke

Was also erklärt die Ruhe? Lorenzo Vidino, Direktor des Program on Extremism der George-Washington-Universität und früherer Koordinator der italienischen Kommission zur dschihadistischen Radikalisierung, räumt mit der Intuition auf. „Integration, Religionsfreiheit, die Möglichkeit, eigene Moscheen zu haben, das Ausmaß antimuslimischer Diskriminierung – all diese Faktoren scheinen kaum bis gar keinen Einfluss auf gewaltbereite Radikalisierung zu haben“, erklärt er dieser Zeitung.

Als Beleg verweist er auf die Syrien-Ausreisenden. Gerade aus besser integrierten Ländern reisten oft mehr Menschen nach Syrien aus – nicht weniger. Der Vergleich, der die These kippt, ist Italien, laut Vidino das einzige Land Europas ohne je einen dschihadistischen Anschlag, und das bei 2000 Moscheen. „Es geht nicht darum, Moscheen nicht zu dulden. Es geht darum, radikale Moscheen nicht zu dulden.“ Petter Nesser bestätigt das: Terrornetzwerke seien nicht in regulären Moscheen verankert, etablierte Institutionen könnten Radikalisierung eher abfedern.

Der wahre Treiber

Fügt man alles zusammen, zeigt sich die eigentliche Antwort. Terror entsteht nicht dort, wo viele beten, sondern dort, wo radikale Vermittler geduldet werden. Es brauche stets eine „kritische Masse an Netzwerken und Entrepreneuren“ – also ideologischen Werbern –, um anfällige Menschen zu rekrutieren, so Nesser. Radikalisierung, betont auch Vidino, balle sich fast immer um eine charismatische Figur, einen Prediger, eine bestimmte Zelle. In einer französischen Kleinstadt trieben wenige solcher Männer über Jahre eine ganze Nachbarschaft in den Dschihad, während das größere, ärmere Marseille ruhig blieb.

Griechenlands Ruhe ist deshalb kein Modell, das sich durch das Kleinhalten von Moscheen kopieren ließe. Sie beruht auf Geschichte, Abwehrarbeit und darauf, dass sich solche Netzwerke und Wortführer bislang nicht gebildet haben. Nicht die leere Moschee ist die Gefahr, sondern der Mann, der eine volle kontrolliert.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner